BONN, Friday December 28th, 2007
Alois Berger

Die neue Redefreiheit

Das letzte Mal habe ich Rio Aling gesehen, als er mit ein paar Dutzend Bauern von den philippinischen Bergen herunter kam. Rio hatte ein Megaphon dabei, die Bauern Transparente, mit denen sie gegen die zunehmenden Übergriffe der Militärs protestierten. Als sie auf dem Marktplatz von Hilongos ankamen, sah alles friedlich aus. Erst  als sich die Augen an die gleißende Mittagssonne gewöhnt hatten, konnte man in den Eingängen der Hütten und unter den Vordächern der Marktstände rund um den Platz die mattschimmernden Gewehrläufe sehen, getragen von gelangweilten Soldaten in Kampfuniform. Sie hatten auf Rio Aling gewartet. Er wußte es. Jeder wußte es, Aling war seit Jahren ein rotes Tuch für sie, weil er jeden Übergriff dokumentierte und zu den Menschenrechtsorganisationen nach Manila schickte. 

Trotzdem hat er sich in die Mitte der Platzes gestellt und hat laut über Redefreiheit gesprochen, über die Freiheit, zu sagen, was man denkt, über Freedom of Speech. Meinungsfreiheit reicht nicht, rief Aling, man muss seine Meinung auch aussprechen.

Die Militärs haben ihn an diesem Tag in Ruhe gelassen. Vielleicht, weil die Anwesenheit eines westlichen Reporters damals auf den Philippinen noch Eindruck machte. Zwei Monate später haben sie den Menschenrechtler Rio Aling  zu Hause abgeholt, haben ihm die Hände auf den Rücken gebunden und ihn im Wald mit den Gewehrkolben erschlagen. Freedom of Speech, da könnte ja jeder kommen.

Freedom of Speech, so steht es in riesigen Buchstaben neben der Anzeigetafel im Flughafen Brüssel, darunter Fotos von offensichtlich gebildeten Menschen in Entwicklungsländern, Menschen wie Rio Aling. Die Mobilfunkfirma Base will mehr Handyverträge verkaufen und eignet sich dafür den hohen moralischen Wert der Meinungsfreiheit an. In Deutschland, wo die Öffentlichkeit sensibler auf solche Banalisierungen reagiert, beschränkt sich Base auf ein augenzwinkerndes Wortspiel: Meine neue Redefreiheit. In anderen Ländern zielt sie ganz bewußt auf die Assoziationen, die einem bei Dritter Welt und Redefreiheit durch den Kopf schießen. Freedom of Speech, heruntergekommen zur Freiheit, so lange wie möglich zu quasseln. Werbung kann manchmal zum Kotzen sein.

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