BERLIN, Thursday April 19th, 2012
Ruth Kinet

“Ein Tag der Freude”

Der Holocaust Gedenktag sollte als “Tag der Freude” gefeiert werden, fordert Yoram Kaniuk, der Schriftsteller und Querdenker, am heutigen Yom haShoah in der Zeitung “Haaretz”. Und begründet diese Provokation damit, dass “zehntausende Menschen die Shoah überlebten, zum Leben zurückkehrten, Kinder und Enkel großzogen.” Kaniuk hier gedanklich zu folgen, tut weh. Weil er die Trauer über die millionenfachen Qualen und das unfassbare millionenfache Hingeschlachtet-Werden der europäischen Juden der Freude über das Überleben der wenigen Tausend nachordnen will. “Macht aus dem Holocaust Gedenktag einen Tag der Helden”, appelliert er. Nicht um den Preis der Trauer, die in jeder israelischen Familie mit europäischen Wurzeln lebe. Sondern, um dem Leben die Ehre zu geben, so wie es dem Judentum entspreche.

Anders dagegen klang, was Benjamin Netanjahu gestern Abend beim offiziellen Staatsakt zum Gedenken an die Opfer des Holocaust in Yad Vashem zu Protokoll gegeben hat: “Am Holocaust Gedenktag müssen wir unserer heiligsten Pflicht nachkommen”, sagte Netanjahu. “Und die besteht nicht nur in der Erinnerung an das Vergangene, sondern sie verpflichtet uns dazu, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und sie auf die Gegenwart anzuwenden, um die Zukunft unseres Volkes zu sichern.” Die Existenz Israels werde heute von einem atomwaffenfähigen Iran bedroht. Aber heute habe Israel eine Armee, fuhr Netanjahu fort. “Wir haben die Fähigkeit, Verpflichtung und Entschlossenheit, uns zu verteidigen.” Im Zweifel auch alleine gegen den Rest der Welt. So klang es zwischen den Zeilen aus der Rede Netanjahus.

Der israelische Ministerpräsident scheint gefangen in einer Gedankenwelt, die von der Angst beherrscht wird. Die nur den scharfen Kontrast zwischen dem “Wir” und den “Anderen” kennt. Seine Rhetorik stilisiert Israel und das jüdische Volk als Ganzes zu einer Entität, die mit nichts und niemandem wirklich und verlässlich verbunden ist. Auch1967 schon hätten die Israelis ihrem Feind alleine gegenübergestanden, sagte Netanjahu gestern. “Das israelische Volk ist nicht in Panik verfallen, sondern hat gemeinsam den Gefahren die Stirn geboten. Wir waren nicht von Furcht paralysiert, sondern haben getan, was notwendig war, um uns selbst zu verteidigen.”

Was bedeutet das, wenn wir es auf die Gegenwart übertragen? Netanjahu versuchte gestern seiner Hörerschaft zu insinuieren, dass Israel schon wieder und einmal mehr in seiner Geschichte einer existenziellen Bedrohung allein und verlassen von allen Freunden gegenübersteht. Aber diese Verlassenheit Israels und des jüdischen Volkes ist heute eine bloße Behauptung. Eine gefährliche noch dazu. Sie ist gewissermaßen eine Gegenwartsklitterung. Und sie hält der Wirklichkeit nicht stand. Glücklicherweise. Aber sie wird konstruiert, um den Unilateralismus der israelischen Politik zu legitimieren.

Vielleicht ist aber Eines aus Yoram Kaniuks Kommentar in der heutigen Ausgabe von “Haaretz” doch konsensfähig: Nämlich die eindringliche Warnung mit der er – die gestrige Rede Netanjahus gleichsam antizipierend – geradezu flehentlich ausruft: “Lasst nicht zu, dass der Holocaust als politische Waffe benutzt wird!”

Hier noch ein Video von der Dizengoff Straße in Tel Aviv im Moment der Sirene zum Gedenken an die Opfer der Shoah: http://www.youtube.com/watch?v=vEZjssVhRGA&feature=youtu.be

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