HANNOVER, Sunday December 6th, 2009
Alexander Budde

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?

Im Kühlregal vom Supermarkt mache ich eine Entdeckung. Das neue Klimasiegel – ein grüner Baum und das Kürzel „CO2“ – ziert einen Yoghurt-Becher. Erstaunlich, denn die Kuh an und für sich steht nicht im Ruf, dem Klima gut zu tun. Das Rindvieh pupst Methan in die geplagte Atmosphäre. Wo es sein Gras rupft, wächst kein Regenwald. In Schweden haben sich die vermeintlichen Zeichen des Fortschritts und der Aufklärung rasant vermehrt. Sie prangen auf Lebensmitteln im Supermarkt und auf den Menükarten von Restaurants. Und in Zukunft wird dort genau aufgelistet sein, wieviel Treibhausgas eine Ware produziert, versprechen die Zertifizierungsfirmen Svenskt sigill und KRAV, die der Bauernkooperative nahe stehen.

Für mich als gemeinen Verbraucher wird die Lage nicht übersichtlicher. Allerhand Tabellen zu Kalorien, Fett und Zusatzstoffen gilt es zu studieren. Hinweise zur sozialen und politischen Verträglichkeit der Ware wollen beachtet sein. Und nun also soll ich auch noch den Planeten retten. Die allmächtige Lebensmittelbehörde empfiehlt mir, lieber Mohrrüben als Gurken und Tomaten zu essen, weil die in nördlichen Breiten in beheizten Gewächshäusern aufwachsen. Fisch ist zwar gesund, wird aber nur in Maßen beworben, weil die Fischgründe Europas leergeplündert sind.

Die Idee zum Klimasiegel geht auf eine Studie des Umweltrats zurück. Dessen Forscher hatten berechnet, dass sich in einem Industrieland wie Schweden rund ein Viertel der Kohlendioxid-Emissionen auf die Produktion und Transport von Nahrungsmitteln entfallen. Mit einem Ablass in Form von Pflanzungen im Regenwald wirbt in Schweden seither sogar eine Fastfood-Kette. Da erfährt man, dass uns der Burger mit drei Kilo Kohlendioxid belastet, das Truthahn-Sandwich wäre unter dem Aspekt, unser Überleben zu sichern, die bessere Wahl gewesen. „Die Telefone stehen nicht still. Ihre Kollegen rennen uns die Bude ein“, frohlockt ein Sprecher auf Anfrage.

Die Musterschweden haben es mal wieder geschafft: So kurz vor dem Gipfel in Kopenhagen ist ihr Klimasiegel in aller Munde. ARD, BBC, New York Times, alle stürzen sich auf die Geschichte. Da spielt es kaum noch eine Rolle, dass Umweltorganisationen wie der Naturschutzbund größte Zweifel hegen. Vergessen wird auch, dass die allermeisten Ökolabels in erster Linie das eine Ziel verfolgen: zweifelhafte Produkte auch in Zukunft unter die Leute zu bringen. So war es schon als uns die Schweden ihre hochtourigen und tonnenschweren Volvos und Saabs – Saurier des fossilen Zeitalters – urplötzlich als Zukunftsgefährte mit Biopower anpriesen. Getreu dem verlogenen Motto: „Pack die Wälder in den Tank!“

Ohnehin  neigt der gemeine skandinavische Verbraucher im Winter kaum zum sparsamen Gebrauch von allerhand Trocknern, Saunen und elektrischen Heizlüftern. Die Lichter brennen die ganze Nacht. Der Pro-Kopf-Verbrauch der Schweden zählt zu den höchsten der Welt. Die Prasserei fällt nur deshalb in den Statistiken nicht auf, weil man über sprudelnde Wasserkraft, verlässlich desolate Atommeiler und Bäume in großer Zahl verfügt.

Wie man – ganz ohne Ökolabel – Verantwortung übernehmen kann, hat der britische Forscher Anthony Allan schon vor Jahr und Tag am Beispiel des Wassers aufgezeigt. Vegetarier begnügen sich im Alltag mit der Hälfte des benötigten Wassers, das vor allem in der Nahrung steckt. 2500 statt 5000 Liter Wasser pro Tag. Durch eine schlichte Änderung der Gewohnheiten, lässt sich die Hälfte sparen. Das gilt auch für die ganz privaten Emissionen.  

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