PEKING, Thursday August 22nd, 2013
Christiane Kühl

Luftschlösser und Hundelöwen

Professor Zhang kennt inzwischen jeder in China. Das ist jener Irrsinnige, der auf dem Dach eines Wohnturms am Rande Pekings wie ein Superböser in Actionfilmen ein heimliches, unsichtbares Reich aufgebaut hat – in sechs Jahren harter Handarbeit, mit Blick auf den See nebenan. Professor Zhang strebt sicher nicht die Weltherrschaft an von seinem Penthouse aus Villa, Steingarten und Gemüseäckern. Doch er gefährdet Statik und Erdbebensicherheit des Turms, und hat keine Genehmigung – und so muss sein gerade erst von lokalen Journalisten entdecktes Reich weichen, sagen Baubehörde und Polizei. (Findige Fans flogen vor dem Abriss nochmal schnell mit dem Helikopter über Zhangs Bauwerk, HIER das Video und Fotos dazu)

Doch inzwischen ist klar, dass Zhang beileibe kein Einzelfall ist – Dachbebauung ist offenbar auch anderswo hip. Während in Tokio die Kaufhäuser im Sommer Biergärten auf dem Dach installieren, baute ein Einkaufscenter in der südchinesischen Stadt Zhuzhou dort vier illegale Villen mit Garten (Fotos HIER). Effizienter mit ihrem Platz ging die Yongxing Investment & Construction Group in der Stadt Hengyang um, die 2009 gleich 25 Einzelhäuser auf ihr Einkaufsparadies stellte (siehe FOTOS), die ebenfalls jetzt erst entdeckt wurden. Beide Städte liegen in der Provinz Hunan – dort legen die Menschen wahrscheinlich inzwischen beim Einkaufen den Kopf in den Nacken um zu sehen, ob sich über ihrem Einkaufsdorado nicht eine zweite Welt verbirgt. Denn wer nimmt schon an, dass es nicht noch weit mehr Beispiele gibt – deren Bauherren sich jetzt ganz still verhalten. Denn diese Bauten sind illegal und sollen allesamt abgerissen werden. Professor Zhang hat aber offenbar noch etwas Zeit zum Durchatmen: Nach lokalen Presseberichten brauchen die Behörden für den Abriss seines luftigen Kunstgebirges erst mal eine Genehmigung.

Völlig legal ist indes die Kopie des weltberühmten Pekinger Himmelstempels, welche ein paar Distriktpolitiker in der Yangtse-Metropole Wuhan bauen lassen: Das dreistöckige kreisrunde Gebäude (nicht ganz so hübsch wie das Original, nur FAST) steht inmitten eines gigantischen neuen Friedhofs, den sich die Distriktgenossen umgerechnet schlappe 100 Millionen Euro kosten lassen. Eine Sprecherin der Wuhan Jinhui Company of Cultural and Ecological Gardens betonte, bei Friedhof und Himmelstempel-Fake handele sich um ein “ökologisches Projekt”, das den Tourismus fördere. Na dann. Tourismus oder zumindest Besucherzahlen fördern wollten wohl auch die Verantwortlichen des Zoos der Kleinstadt Luohe. In Ermangelung eines echten Exemplars gaben sie einfach eine Tibetdogge als Löwen aus. Ging ein Weilchen gut, aber dann bemerkten Besucher, dass das Tier im Löwenkäfig bellte. Es folgte ein Aufschrei im Internet. Zoodirektor Liu betonte, man habe doch nur der Dogge eines Freundes Unterschlupf geben wollen, während dieser im Urlaub sei. Die Löwen kämen bald zurück, nie habe man daran gedacht, die Menschen zu betrügen. Klare Sache. Nur befindet sich laut der “Beijinger Jugendzeitung” ein weiterer Hund im Wolfskäfig, sowie Füchse im Leopardengehege und Biberratten in der Schlangenhöhle.

Seit heute morgen ist es kühl draußen, leichter Frühdunst lag in der Luft und es riecht irgendwie anders. Sprich, der Herbst kommt und damit verschwinden solche Themen in der Versenkung. Schade. Heute steht Bo Xilai wegen Korruption vor Gericht, ein einstiger Politstar und Provinzfürst, dessen Frau kürzlich wegen Mordes an einem britischen Geschäftsmann verurteilt worde. Bekommt Bo die Todesstrafe? Bricht die Wirtschaft ein, welche Reformen plant denn nun die Kommunistische Partei jetzt im Herbst? Alles wichtige Fragen. Aber es wäre doch auch gut zu wissen, wie lange Zhangs Haus noch stehen bleiben darf. Und was seine Nachbarn sagen. Und ob die Biberratten auch Lius Freunden gehören. Und wieviele Zhangs oder Löwendoggen es noch so gibt im Land. Doch dafür hat jetzt wohl erstmal keiner mehr Zeit.

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