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Mit kleinen Tricks zum glücklichen Jahr

 

Ich habe genau eine weiße Jeans. Gäbe es kein Silvester, hätte ich nicht mal die, denn sie ist normalerweise schon dreckig, bevor ich das Haus verlassen habe. Aber es gibt eben Silvester. Hier wünscht zwar auch jeder jedem ein „Feliz ano novo“ – aber im Grunde ist das Heuchelei, weil jeder weiß, dass er für das Gelingen des neuen Jahres selbst verantwortlich ist: Er muss einfach in der Silvesternacht alles richtig machen. Angefangen mit der Kleidung.

Im ersten Jahr hier habe ich das nicht gewusst, und damit ging ein denkwürdiger Abend los. Weil mein damaliger Freund ein schweigsamer Typ war, rückte er mit der entsprechenden Info erst am 31. heraus. Nachdem er selbst sich in seine weiße Jeans und ein ebensolches Hemd gewandet hatte – die er beide sonst nie trug – und ich ihn fragte, ob das etwas zu bedeuten habe. Leider war es da zu spät, noch ein kleines Weißes für mich einzukaufen. „Schwarz geht auch“, sagte der Mann. Dass das eine Trost-Lüge war, merkte ich wenig später auf der Straße, auf dem Weg zu Bekannten. Niemand trug Schwarz. Niemand trug irgendwelche dunklen Farben. Nur ich.

Bei den Bekannten handelte es sich um ein trinkfreudiges Pärchen um die 45 mit zwei Kindern im Teenie-Alter. Sie wohnten in einem Haus in Klotzform mit Gittern vor den großen Terrassen und Balkonen. Die Dame des Hauses bat uns an einen niedrigen Tisch im ansonsten übersichtlich möblierten Wohnzimmer. Es lief eine Silvestershow ohne Ton und eine Platte mit Brasil-Pop. Der Herr des Hauses bot mir entweder Whisky oder Cola-Zuckerrohrschnaps an, und da ich von Whisky Kopfschmerzen bekomme, wählte ich die zweite Möglichkeit.

Auf dem Tisch standen Platten mit kaltem Truthahn, diversen Salaten, Früchten, Linsengerichten und anderem. Aber davon rührte niemand etwas an. Die Bekanntschaft war eher flüchtig, mein Portugiesisch eher dürftig, und mein Begleiter wie gesagt eher schweigsam. Also nippte ich an meinem Getränk und versuchte den Ausführungen der Dame des Hauses über Kindererziehung zu folgen. Besonders viele eigene Ideen zu dem Thema habe ich nicht eingebracht. Zum einen, weil ich keine Kinder habe, zum anderen, weil mein ohnehin karges Portugiesisch durch den Genuss mehrerer großzügig gemixter Longdrinks nicht gerade flüssiger wurde. Irgendwann rauschte die Stimme der Bekannten für mich nur noch als ein weiteres Hintergrundgeräusch neben der Musik und ich konzentrierte mich vor allem darauf, ein lautes Knurren meines Magens zu unterdrücken und nicht allzu begehrlich auf die Speisen zu starren. Warum zum Teufel bot mir hier niemand etwas zu essen an? Es ging langsam auf Mitternacht zu, ich war halb verhungert und mehr als halb betrunken. Waren die ganzen Leckereien nur zu Deko-Zwecken angerichtet und würden hinterher kollektiv in den Müll wandern?

Um kurz nach Mitternacht, als wir auch noch mit Sekt angestoßen und vom Dach aus einige wenige Leuchtraketen und ganz viele Böller bestaunt hatten schnitt der Hausherr endlich den Truthahn auf. Für mich war da alles schon zu spät, ich traute mich längst nicht mehr, in meinen misshandelten Magen feste Nahrung zu verfügen. An alle Details der restlichen Nacht kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass dieses Silvester erst in der schon heißen Sonne am nächsten Morgen endete, weil wir am Strand eingeschlafen sind. Irgendjemand hatte uns eine Flasche Rum in die Hand gedrückt mit den Worten: Nehmt, ich kann nicht mehr. Wir konnten auch nicht mehr, tranken trotzdem willenlos weiter und deswegen habe ich sogar darauf verzichtet, das neue Jahr mit dem ebenfalls traditionellen Bad im Meer zu beginnen. Bei jemandem, der Schwarz trug, kam es darauf vermutlich auch nicht mehr an.

Das ist ein paar Jahre her und inzwischen weiß ich, dass die Unterschiede zwischen brasilianischer und europäischer Kultur viel vielfältiger sind, als ich damals auch nur geahnt habe. Diesmal habe ich Silvester mit Freunden am Strand gefeiert. Ordentlich in Weiß, mit weißen Deko-Blumen auf dem weiß gedeckten Tisch. Und vorher zuhause gegessen, um die Stunden bis Mitternacht zu überbrücken, wenn die „Ceia“ endlich eingenommen wird – die ohnehin weniger der materiellen Ernährung als der spirituellen Glücksbeschwörung zum Zeitpunkt des Jahreswechsels dient.

Und da haben wir uns einen groben Schnitzer geleistet – obwohl meine Freunde von Geburt an Brasilianer sind und es eigentlich besser wissen müssten. Wir hatten nämlich einen Truthahn. Ganz falsch: Hühner, Truthähne und Co scharren rückwärts und können so Rezessionen verursachen. Empfehlenswerter sind Fische oder Schweine – die nach vorne schwimmen oder rüsseln. Naja, den Fisch hatten wir Weihnachten.Außerdem gab es Linsen für den Wohlstand, UndTrauben, deren Kerne man hinter sich wirft, um sich etwas wünschen zu können. Und zum Schluss sind wir – außer im Meer allen Dreck des vergangenen Jahres weg zu baden – , außerdem gemeinsam über sieben kleinen Wellen gehüpft: Das wiegt hoffentlich alles andere auf.

 

 

 

Wer ganz sicher gehen will, schenkt der Meeresgöttin Iemanjá in der Silvesternacht auch noch Blumen. Foto: wollowski

 

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