OXFORD, Sunday July 16th, 2006
Corinna Arndt

Südafrikas multiple Persönlichkeit oder: Auf der Suche nach der verlorenen Identität

Als in Südafrika vor wenigen Monate die Ausstellung "Picasso in Africa" eröffnete, trat ein bis dato unbekannter (und damit offensichtlich unzufriedener) Politiker eine groteske Kulturdebatte los. Sein Vorwurf: Der große Meister habe sich ungefragt von afrikanischer Kunst inspirieren lassen. Dem Kontinent quasi die Identität gestohlen. Mit afrikanischer Kreativität Weltkarriere gemacht, ohne die Afrikaner dafür um Erlaubnis zu bitten.

Wie absurd!, raunte es das Land hinauf und hinunter, bevor man sich wieder wichtigeren Dingen zuwandte. Ausrutscher können schon mal passieren – schließlich ist Südafrika schwer damit beschäftigt, stellvertretend für den gesamten Kontinent das Joch des Kolonialismus abzuschütteln, Afrika in die Zukunft zu führen und zu Hause die Regenbogennation zusammenzuhalten. Vielleicht braucht man dafür auch eine gesunde Portion schwarzen Nationalismus oder, wie Präsident Thabo Mbeki es zu nennen pflegt, eine "afrikanische Renaissance". Mit nicht tot zu kriegender Betonung auf der zweiten Silbe. Steckt in dieser Formel eine Ungereimtheit?

Kein Grund zur Sorge, sowas kommt öfter vor: Als ich neulich sonntags durch die Company Gardens in Kapstadt spazierte, stolperte ich in meiner verträumten Sorglosigkeit fast über das Maschinengewehr eines wichtig aussehenden Soldaten. Der bewachte einen Militärgottesdienst, in dem viele Orden, Krawatten, Anzüge und Uniformen Spalier standen. Und dann stand da diese Militärkapelle im britischen Bobbie-Outfit: rote Uniform mit schwarzer Riesenbommel auf dem Kopf. Die VIP's durften Kränze niederlegen, und die erste, die es damit erwischte, war Kapstadts neue Bürgermeisterin Helen Zille. Stoisch tat Zille ihre Pflicht, während ein schottisch bestrumpfter Dudelsackspieler der südafrikanischen (!) Highlands-Ehrengarde in Zeitlupe um sie herumstolzierte. Der Nation zur Ehre und dem Kontinent zur Renaissance – vielleicht haben die Südafrikaner ihn ja doch im Blut, den Multikulti-Nationalismus.

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