DEN HAAG, Sunday March 28th, 2010
Kerstin Schweighöfer

Sündenbock an der Gracht

Neulich hatte ich das Vergnügen, den Sündenbock kennenzulernen. Den echten, ursprünglichen Sündenbock. In einem denkmalgeschützten Grachtenhaus, malerisch an der Prinsengracht gelegen. Mit marmorverkleideten Wänden, hohen Kaminsimsen und knarzenden Böden. Mit wertvollen alten Stichen, Heiligenfiguren und religiösen Schriften. Das Prunkstück des Amsterdamer Bibelmuseums allerdings befindet sich ganz oben unterm Dach, im dritten Stock: Der Tabernakel von Leendert Schouten.

Dieser 1828 geborene Pfarrer aus Utrecht gilt als Gründer des Bibelmuseums. Sein ganzes Leben lang hat er begeistert religiöse Dokumente und Objekte gesammelt, um seine Gemeinde mit möglichst viel Hintergrundinformationen über die Bibel zu versorgen. Das ist bis heute so geblieben: In diesem Museum dreht sich alles um die Bibel. Der Tabernakel ist das kostbarste Ausstellungsstück: ein Modell des tragbaren Tempels, mit dem das Volk Israel 40 Jahre lang durch die Wüste zog. Eine Art von Zelt, in dem die zehn Gebotstafeln aufbewahrt wurden. Gott hatte Moses den Auftrag dazu gegeben, im Buch Exodus im Alten Testament wird das ganz genau beschrieben. 

Pfarrer Schouten hat sich beim Nachbauen des Tabernakels genau an die biblischen Beschreibungen gehalten: Auch sein gut 150 mal 50 Zentimeter grosses Modell ist ganz in Gold, Bronze, Silber und Akazienholz gehalten. Für den Brandopfer-Altar neben dem Tempel liess Schouten sogar Steine aus Jerusalem holen, vom Berg Moría. Und rundum den umzäunten Tempel herum lag einst Originalsand aus der Wüste Sinai.  Der wurde allerdings entfernt, dazu zieht es in diesem Museum zu sehr. Auch lässt sich der Tabernakel mit Sand schlecht abstauben. Schouten stellte ihn in seinem Pfarrhaus auf, sogar die königliche Familie kam und staunte. Er gilt als weltweit einzigartig. Was Rembrandts Nachtwache für die Malkunst ist, so die Museumsleitung voller Stolz, sei dieser Tabernakel für religiöse Kunst.

Rund um das Tempelzelt sind bunte Figuren aufgebaut, rund 25 Zentimeter gross. Während eines Klang- und Lichtspiels, das zehn Minuten dauert, erfährt der Museumsbesucher, dass es sich dabei um Gläubige und um eine Schar von Priestern mit dem Hohepriester handelt. Sie bereiten sich auf das jährliche Sühnefest vor, den Versöhnungstag. Die Priester stehen vor dem Brandaltar, auf dem gleich ein Tier geopfert werden soll. Rund um den Tabernakel sind Tierfiguren aufgebaut, Kühe, Schafe und Ziegen. Der ganz in Weiss gekleidete Hohepriester hat sich bereits zwei Tiere herausgesucht: Sie stehen rechts und links neben ihm: zwei kleine Ziegenböcke. Einer von ihnen trägt ein rotes Band um den Hals.

Der eine Ziegenbock soll auf dem Brandaltar geopfert werden, den anderen mit dem roten Band wird der Hohepriester in die Wüste schicken – allerdings nicht ohne ihm zuvor die Hand auf den Kopf gelegt zu haben. Auch das steht genau in der Bibel beschrieben. Mit dieser Geste lädt der Priester alle Sünden des Volkes Israel auf den kleinen Ziegenbock, sodass die Menschen einen Neuanfang machen können – unbeschwert, frei von Spannungen, Hassgefühlen und Sünden. Eine Gemeinschaft versucht, alle bösen Absichten, Sünden und schlechten Gedanken aus ihrer Mitte zu eliminieren, indem sie ein Tier damit belädt und wegschickt – und zwar in die Wüste, in ein Gebiet ohne Leben und voller Dämonen. Deshalb heisst dieses Ritual auf hebräisch auch ‚Azazel’, das bedeutet ‚wegschicken’ oder ‚weggehen lassen’. Auch ist ‚Azazel’ der Name eines Wüstendämons: Zu ihm wird der Ziegenbock anderen Gelehrten zufolge geschickt – um so die Sünde zu ihrem Ursprung zurück zu bringen: dem Teufel.

Es ist übrigens das einzige Mal, dass der Sündenbock in der Bibel auftaucht. Von einem roten Band ist dort allerdings nicht die Rede. Das wurde ihm erst später verpasst, um die beiden Ziegenböcke leichter auseinanderzuhalten.

Der wichtigste jährliche Festtag der Juden, Jom Kippur, erinnert noch heute an dieses Ritual, denn auch hier geht es um ein Versöhnungsfest – jedoch ohne Sündenbock. Auch mit der Beichte der Katholiken lässt es sich das Sündenbockritual nicht vergleichen, denn bei der Beichte geht es um ein individuelles Ritual, nicht um ein kollektives.

Doch auch wenn das Sündenbock-Ritual in seiner ursprünglichen Form nicht überlebt hat: Der Sündenbock selbst hat Karriere gemacht – allerdings im negativen Sinne. Denn heute verstehen wir unter einem „Sündenbock “ etwas ganz anderes als damals das Volk Israel. Das stellen auch die Schulklassen immer wieder verblüfft fest, die dem Bibelmuseum regelmässig einen Besuch abstatten und dabei auch beim Tabernakel Halt machen. Anfangs weiss keiner, was es mit dem kleinen Bock mit dem roten Band auf sich hat. Hinterher sind alle erstaunt: „Ein Sündenbock, das ist doch einer, der dauernd der lul ist“, wundert sich ein Schüler. Was sich vielleicht noch am höflichsten mit „Depp“ übersetzen lässt.

Recht hat er: Als Sündenbock gilt heutzutage ein Mensch, dem man die Schuld für sämtliche Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle. Dieser Mensch bekommt alles ab, wird ausgestossen und geächtet und so beschädigt, dass er kein lebenswertes Leben mehr führen kann. Auch für eine Gesellschaft kann das desaströse Folgen haben.

Das ursprüngliche Sündenbockritual hingegen verhindert ja gerade, dass es so weit kommt. So manche Gesellschaft könnte es gut gebrauchen –  auch die niederländische: Ist sie doch gespaltener als je zuvor. Das hat der Erfolg des umstrittenen islamfeindlichen Politikers Geert Wilders bei den Kommunalwahlen Anfang März nur allzu deutlich gemacht. Wilders und seine Anhänger müssen sich vorwerfen lassen, ihre muslimischen Mitbürger zu stigmatisieren und kollektiv zum Sündenbock abzustempeln.

Im Bibelmuseum allerdings ist man sich sicher, dass es so weit nicht kommen wird: „Die niederländische Gesellschaft ist trotz allem noch stark genug, um sich davon nicht anstecken zu lassen“, meint eine Kustodin voller Zuversicht und drückt auf den Knopf, um das Klang- und Lichtspiel rund um den Sündenbock erneut zu starten. Die nächste Schulklasse rückt an. Man hört bereits unzählige schnelle Schritte auf der knarzenden Holztreppe.

 

 

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