WARSCHAU, Tuesday August 29th, 2006
Paul Flückiger

Vier Solidarnosc-Helden auf einen Schlag

„Es war für mich ein faszinierender Augenblick, eine richtige Ikone unserer Zeit zu treffen“, liess sich danach David Gilmour, einst Gitarrist von Pink Floyd, in der Danziger Lokalpresse zitieren. „Heute war er noch bärbeissiger als bei unserem letzten Termin“, schimpfte dagegen Damian Kramski, mein Danziger Fotograf. Ich selbst fand die Ikone eigentlich ganz okay.

Ich hätte eben ein Abonnement auf Lech Walesa gelöst, scherzte ich vor dem Interviewtermin mit seiner Sekretärin – einer distingierten, netten, älteren Dame. Das hat offenbar gewirkt. Zumindest war meine Nervosität nach der ersten brummigen Antwort wie weggeblasen.

Begonnen hatte alles vor sechs Jahren. Mein erstes richtig grosses Interview in Polen. Am Abend zuvor aus Warschau angereist, warf mich Walesa frühmorgens fast Hochkant wieder aus seinem Büro. Das seien doch keine Fragen, die man einem Staatsmann stelle, wetterte er damals.

Nicht David Gilmour und Pink Floyd, nein, Lech Walesa war immer mein Jugendidol gewesen. Er sprengte für mich die Ketten des Innerschweizer Provinzmiefs. Er kämpfte für eine bessere Welt.

Tja, lange ist das her! Heute sitze ich neben ihm und lausche. Etwa, dass der Konsum eben die Kriege ablösen müsse. Ein prüfender Blick auf das Diktaphon – und dann schnell im Kopf die Anschlussfrage möglichst sauber auf polnisch formulieren. Und bloss die Ruhe nicht verlieren, wenn er wieder mal fast ausflippt, weil ihm eine Frage nicht passt.

Diesmal allerdings, so wollte es der Zufall, traf ich in Danzig gleich vier meiner Jugendhelden auf einen Schlag. Heute, so traurig es ist, würden sie sich nicht mehr zusammen an einen Tisch setzen. Anna Walentynowicz, jene Kranführerin der Danziger „Leninwerft“, wegen derer Entlassung der Solidarnosc-Streik im August 1980 erst ausgebrochen war, hatte mich spontan zu einer privaten Filmvorführung eingeladen. Gezeigt wurde etwa Hundert Schritte von Walesas Danziger Büro im Kino „Neptun“ Volker Schlöndorffs neuer Film „Strajk – Die Heldin von Danzig“. Die deutsch-polnische Co-Produktion soll Mitte September am Internationalen Filmfestival von Toronto uraufgeführt werden.

Der Film katapultierte mich in die rebellische Teenagerzeit zurück. Erst das Blitzgewitter holte mich ins Hier und Heute zurück. Die Organisatoren hatten die „Hyänen vom Dienst“, zu denen ich oft selbst gehöre, noch während des Abspanns in den Saal gelassen. Die heute fast 80-jährige Walentynowicz, gerade erst mit Schlöndorffs Vision ihrer Biographie konfrontiert, hatte nicht einmal Zeit, sich zu fassen. Nicht in der Lage sich so schnell eine mediengerechte Meinung über teils intime Angelegenheiten zu bilden, waren auch ihre Freunde Joanna und Andrzej Gwiazda. Letzterer war einmal Lech Walesas Stellvertreter. Walesa selbst fehlte, wie gesagt. Er musste David Gilmour empfangen.

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