BAGDAD, Dienstag, der 29. Juni 2010
Birgit Svensson

Brütende Hitze und kein Strom

Es hat schon Tradition, dass man im Irak im Sommer auf den Dächern schläft. Wenn das Thermometer über 50 Grad steigt und die Schwüle nicht mehr aus den Häusern weicht, bleibt einem nichts anderes übrig. Nur in den schlimmsten Terrorjahren 2006/2007 wurde es gefährlich. Mörsergranaten und Sprengsätze töteten die Menschen zuweilen im Schlaf. Mit der verbesserten Sicherheitslage hatten nun viele gehofft, dass auch dieser Sommer besser wird und etwas Normalität in ihr Leben bringen werde. Doch darin fühlen sie sich getäuscht. Nach wie vor kommt nur wenig Strom aus der Steckdose, manchmal tagelang gar nichts. Zum Betreiben von Klimaanlagen reicht es kaum. Die Menschen müssen wieder auf ihren Dächern schlafen, um wenigstens in den Morgenstunden eine leichte, erfrischende Brise einatmen zu können.

Doch die Iraker wollen sich das nicht mehr gefallen lassen. Der Stromnotstand führt zu immer stärkeren Protesten. Besonders im Süden Iraks, wo derzeit Temperaturen von bis zu 55 Grad Celsius herrschen, gingen schon Tausende wütend auf die Straße. Es gab Tote und Verletzte. Der Energieminister trat zurück, nachdem Demonstranten in Basra, Nassarija und auch Bagdad dies gefordert hatten. Der noch amtierende und um sein politisches Überleben kämpfende Premierminister Nuri al-Maliki rief seine Landsleute zu Geduld auf und machte seinen Ölminister nun auch verantwortlich für den Strom. Dieser drehte kurzerhand den Saft für die Reichen und Begünstigten ab. Seitdem hat die schwer bewachte Grüne Zone, Ministerquartiere und westliche Botschaften nicht mehr Strom als alle anderen in der Hauptstadt auch – nämlich weniger als sechs Stunden am Tag. Zur Begründung sagte Hussein al-Scharistani, dass die dort Wohnenden genug Möglichkeiten hätten, ihren Bedarf mit Generatoren zu decken.   

Jedoch beheben die temporären Maßnahmen die Misere nicht wirklich. „Das Elektrizitätsproblem ist nicht innerhalb von ein, zwei Tagen zu lösen“, hat Premier Maliki realistisch erkannt. „Die Kraftwerke, die von Siemens und General Electric gebaut werden, sind in frühestens zwei Jahren fertig“,  sagte er am Wochenende im staatlichen Fernsehsender Iraqia mit Hinweis auf die Arbeiten der Deutschen und Amerikaner, um die Stromversorgung endlich zu verbessern. Gleichwohl konnte der Regierungschef bis heute nicht die Korruptionsvorwürfe ausräumen, die sein Regierungspartner, die Schiitenallianz INA, gegen den Energieminister erhoben hatte. Demnach sollen in den letzten vier Jahren seiner Amtszeit Millionen von Dollar in finstere Kanäle anstatt in die Stromversorgung geflossen sein. Die US-Administration hat seit dem Einmarsch vor sieben Jahren 4,6 Milliarden Dollar in die Elektrizität gesteckt, 40 Prozent ihrer gesamten Wiederaufbaukosten für den Irak. Im irakischen Staatshaushalt sind dieses Jahr rund drei Milliarden Dollar eingeplant, etwa ebensoviel wie vergangenes Jahr. Nicht alles kann dem Terror zugeschrieben werden, der zwar vieles verwüstete und den Aufbau erheblich behinderte. Dass es aber selbst während des Kuwait-Krieges Anfang der 90er Jahre und in der gesamten Zeit des Embargos danach mehr Strom gab als heute, leugnet im Irak derzeit niemand.

 

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