TOKIO, Montag, der 9. September 2013
Roland Hagenberg

Olympiastadt Tokio 2020: Meine fünf Wünsche

Das Kaiserreich ist ausgelaugt. Fukushima strahlt. China schikaniert. Und der nationalgesinnte Premier Shinzo Abe will sein Land reformieren. Da kommt die Entscheidung des Olympischen Komitees wie gerufen. Nippon gambare! Viel Glück! Es geht aufwärts. Auch ich bin begeistert. Wird die 35-Millionen-Metropole ihre Urbanität überarbeiten, wie damals bei den Spielen 1964? Querdenker Kenzo Tange baute das olympische Stadion im Yoyogi Park, brachte Aufbruch, Hoffnung und Vision zum Ausdruck. Seine Kollegen, die „Metabolisten“, experimentierten ebenfalls mit radikalen Bauten: Städte im Meer, Wolkenkratzer mit Wäldern, transportable Apartments – alles ohne Computer. Die kreative Atmosphäre war geladen, ansteckend, berauschend. So was wünsche ich mir für 2020. Nicht nur in Japan.

Nach der Olympiade 1964 rückte das Inselreich zur Weltwirtschaftsmacht Nummer zwei auf. Seit den 90er Jahren aber siecht das Land dahin. Selbstvertrauen fehlt. Die Vision ist fern oder fort für immer. Soll deshalb die in Bagdat geborene und in London arbeitenden Stararchitektin Zaha Hadid das Olympia Stadion bauen? Futuristisch und Blade-Runner-isch sehen die Entwürfe aus, tragen Hadids charakteristische – nicht von Hand gezeichnete – Handschrift: Schleimige Flocken und Windkanalkreationen. Dabei hätte Japan genug eigene international anerkannte Form- und Vorausdenker. Allein in den letzten vier Jahren wurden drei Tokioter mit dem Pritzker Architekturpreis geehrt. Hadid erhielt als erste Frau diese Auszeichnung. Doch für die Olympiade 2020 ist die Exil-Irakerin eine Fehlbesetzung. Ich wünsche mir stattdessen einen japanischen Architekten.

Olympic stadion tokyo zaha hadid und mein studio

Die Entscheidung des IOC für 2020 ist keine Überraschung. Die geheimnistuerischen Vereinsmitglieder mit Weltrepräsentanz-Anspruch bestehen zu 13% aus Euro-Adel und Scharia-Scheichen. Die schütteln keine Bäume, wo alte Äpfel fallen könnten – wie nach einem arabischen Frühling. Sie gehen auf Nummer sicher. Natürlich wäre es ein tolles Experiment gewesen, die Spiele zum ersten Mal in einem islamischen Land abzuwickeln (Ob IOC Mitglied Prinz Nawaf bin Faisal bin Fahd bin Abdulaziz al Saud wohl dafür gestimmt hat?) Aber – Oh Inschallah! Wer weiss, was im nahen Aleppo und Homs noch passiert. Und dass die Hälfte der spanischen Jugend arbeitslos ist, diese Lunte haben IOC Vertreter nicht nur gerochen, sie haben sich das Pulverfass auch schillernd ausgemalt. Und deshalb diese Runde an Japan, eine Wirtschaftsmacht mit der politisch desinteressiertesten Bevölkerung der Welt. Zankfrei ist sie, harmonisch und Unruhe-immun. Die Insel ist zudem hermetisch abgeriegelt, fotografiert Einreisende und speichert deren Fingerabdrücke. Ich wünsche mir, dass sich bis 2020 die EU nicht nur zur Reziprozität bekennt, sondern auch praktiziert. Solange (zum Beispiel) Amerikaner und Japaner Europäer an ihren Grenzen fotografieren und deren Fingerabdrücke sammeln, solange sollen sich Amerikaner und Japaner an europäischen Grenzen separat anstellen, um sich der gleichen Prozedur zu unterziehen. Ach ja, und ein japanischer Edward Snowden könnte bis 2020 auch nicht schaden.

Zur Erinnerung: 4.4 Millionen Bestechungsdollar gingen 1997 an einzelne IOC Mitglieder auf Besuch in Nagano. Nicht dass Tokio diesmal unter ähnlichen Voraussetzungen zum Zug gekommen wäre. Für den Fall des olympischen Falles hatten die Japaner jedoch seit Jahren 4.5 Milliarden Dollar eingebunkert. Das überzeugt. Sie können morgen bauen, müssen nicht wie Spanier zuerst sammeln gehen. Ich wünsche mir, dass bis 2020 die Vereinten Nationen zwei permanente Orte für die olympischen Spiele finden, einen für den Winter, einen für den Sommer. Dann gibt es kein Länderaustrixen mehr und die Finanzen werden transparenter.

Ich nehme Premier Shinzo Abe beim Wort, dass die Strahlenwerte in Tokio die gleichen sind wie in Berlin und New York. Die lokalen Auswirkungen von Fukushima, das komplexe Zusammenspiel von lecken Tanks, Kühlwasser im Grundwasser, Strahlenpartikel, China-Syndrom – das alles entzieht sich meinem Verständnis und dem der Experten. Hinzu kommt die Sorge um das nächste grosse Beben entlang des Nankai-Grabens. Es wird die Hälfte Japans erschüttern. Es wird vermutlich 330.000 Tote fordern. Es wird zu 70% in den nächsten dreissig Jahren stattfinden. Ich wünsche mir bis 2020 kein grosses Erdbeben.

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