Umzug in Zeiten von Corona

Umzüge sind immer ein Schritt, ein großer Schritt, mit vielen Emotionen, Freude auf den Neuanfang, Abschiedsschmerz, undsoweiter. Umso mehr gilt das für einen Umzug zurück nach Deutschland – nach 20 Jahren in China. Diesen Umzug haben wir jetzt vor uns. Und der entpuppt sich als Hindernislauf. Es gibt kaum Flüge – einen pro Woche aus ganz China in jedes europäische Land. Das heißt, jeden Samstag von Shanghai nach Frankfurt. Pro Flug darf nur ein Tier mitreisen – und wir haben zwei.

Was also tun? Das rauszubekommen ist diese Woche meine wichtigste Freizeitbeschäftigung. So wie jetzt, zugegebenermaßen im Sonnenuntergang auf der Veranda. Emails, chats mit Reisebüros, Haustier-Relocation-Agenturen, dem Tierkrankenhaus, das die Tollwut-Impf-Zertifizierung der EU für den Hund übernommen hat. Beim einen Reisebüro sorgt schon unsere Anfrage für Verwirrung. Drei Erwachsene, ein Kind, zwei Tiere, bitte gucken Sie, auf welchem Flug noch kein Tier gebucht ist. Hä? Einer meint, chinesische Reisebüros dürften bei Air China keine internationalen Flüge buchen. Hä? Mein Mann fliegt etwas später, aber die drei Jungs und ich müssen Ende Juni ausreisen. Online stehen Geisterflüge bereit. Man kann etwa für die Zeit nach Mitte Mai im Internet Flüge mit Lufthansa, KLM oder LOT nach Europa buchen. LOT kostet 300 Euro für ein One-Way-Ticket via Warschau. Nur glaubt leider niemand, dass diese Flüge jemals starten werden. Wenn nicht, dann bekommen die Passagiere einen nicht übertragbaren Coupon für die gleiche Strecke. Herzlichen Dank. Wirklich fliegen tut nur Air China.

Wir leben in Peking. Im Chaoyang District, der 3,6 Millionen Einwohner hat, und aktuell der einzige Bezirk Chinas ist, der sich noch als Hochrisiko-Bezirk bezeichnen darf. Jeder hier läuft noch mit Maske herum – auch hilfreich gegen den aktuell heftigen Pollenflug. Wir dürfen zwar Freunde sehen – zuhause aber nur wenn sie in der gleichen Wohnanlage wohnen. Zum Glück haben wir sehr nette Nachbarn mit netten Hunden und einen guten Grill. Besuch von außerhalb ist aber seit langem verboten. Wir haben Passierscheine für die Wohnanlage – nur damit kommt man rein. Manche Restaurants sind geöffnet und erlauben drei Personen pro Tisch. Immerhin.

Wirklich viele offizielle Corona-Fälle gibt es hier gar nicht, aber in Chaoyang leben viele Ausländer oder aus dem Ausland heimkehrende Chinesen. In Chaoyang konzentiert sich die Angst vor der zweiten Welle. An mehreren Häusern in der Gegend kleben pinkfarbene Quarantäne-Poster: Darauf steht, bis wann die Bewohner drinnen bleiben müssen.

Alles geht langsamer. Deadlines für den hiesigen TÜV wurden verschoben (Danke). Aber möglicherweise auch die das Erstellen der Hunde-Ausweise: Normalerweise bekommen Pekinger Hunde jedes Jahr in der ersten Maiwoche vom lokalen Meldeamt (das in China von der Polizei geführt wird) einen gültigen Ausweis mit Nummer. Dieses Jahr weiß niemand, ob die Registrierung normal abläuft. Das Amt wartet selbst auf eine Genehmigung von oben. Wir haben unseren Hund Otto im Winter aufgenommen; er lag zitternd vor Kälte vor unserer Terrassentür, damals ein winziger Welpe. Ein Streuner, betreut gelegentlich von ein paar Wachmännern in der Gegend. Die waren froh, dass wir uns um ihn kümmern wollten. Als wir alle Impfungen durch hatten, tobte bereits das Virus. Und nun hoffen wir, bald die Hundeperso-Nummer bekommen, die Otto braucht, um ein Exportzertifikakt und ein Flugticket zu bekommen. Auf jedem Flieger darf aktuell nur ein Tier mit. Allein als “Fracht” reisende Tiere sind wegen Corona verboten.

Wir wollen mit!

Air China ist nun die einzige Airline, bei der man aktuell verlässlich Tickets buchen kann. Air China muss fliegen und wird Anfang Mai den neuen Flugplan herausgeben. Es ist jetzt schon bekannt, dass die Zahl der Flüge extrem gering bleibt. Ich möchte mir nicht vorstellen, dass außer uns noch haufenweise andere Europäer mit Tieren ausreisen wollen (sollte ich aber vielleicht tun). Ob wir neben Frankfurt auch andere Umstiegsmöglichkeiten haben, müssen wir noch rauskriegen – darf ich in Paris oder Warschau umsteigen, um nach Deutschland weiterzufliegen? Ich nehme Hinweise gerne entgegen.

Immerhin wissen wir inzwischen, dass wir nach der Ankunft in unser Haus dürfen. Es liegt in Mecklenburg-Vorpommern, das bis vor kurzem nur Menschen mit Erstwohnsitz im Land die Einreise gewährte. Und anmelden kann man den Erstwohnsitz nur persönlich, sprich NACH der eigentlich verbotenen Einreise. Hmmm. Meine Anfragen bei den verschiedenen Ämtern dazu stießen erstmal auf Verständnislosigkeit. Was mir wiederum durchaus verständlich ist. Es kommen nicht ständig mitten in einer Pandemie Neubürger aus China im ländlichen Mecklenburg an. Eine meiner Emails landete auf dem Tisch des Bezirks-Ausländerbeauftragten. Er schrieb mir, dass er nicht zuständig sei, da er nicht erkenne, dass es sich bei uns um Ausländer handele. Da konnte ich ihm nur recht geben. Auf meine Bitte mir zu sagen, wer denn vielleicht stattdessen für uns zuständig sein könne, meldete sich dann aber niemand mehr. Seit ein paar Tagen aber sind auch Besitzer von Zweitwohnungen in MeckPomm zugelassen – uff! Und der Bürgerbeauftragte des Landes mailte mir gestern, dass es gar eine Verordnung gibt für Leute wie uns: Wer ins Land umzieht, darf immer hinein. Vorausgesetzt, er oder sie kann nachweisen, dass sich der Umzug nicht aufschieben lässt. Das lässt sich machen. Es gibt also auch noch gute Nachrichten. Jetzt brauchen wir nur noch Tickets…

Viele Grüße aus Peking, und bleibt alle gesund!