Offshore Demokratie? Nicht mehr lange.

Schade nur, dass es fast niemand mitbekommen hat: Funktionäre mit Geld und Gütern in Steueroasen müssen zurücktreten. Das haben die Ecuatorianer in einem Referendum beschlossen.

Diese Entscheidung ist wegweisend:

  • Mehr Kontrolle über das Vermögen von Funktionären bedeutet: Mehr Möglichkeiten für Korruptionsbekämpfung.
  • Besonders für Länder mit ungleicher Einkommensverteilung wie Ecuador ist diese Entscheidung von enormer Bedeutung.
  • Es ist ein Dienst an der Politik, die in Südamerika (nicht nur dort) ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Politiker gelten von vornherein als korrupt.
  • „Mit gutem Beispiel voran“? Das gibt es in Südamerika selten. Während Politiker die Bevölkerung auffordern, „den Gürtel enger zu schnallen“ und die Steuern erhöhen, horten viele ihre eigenen Millionen in Steuerparadiesen.

Politiker + Geld in Steueroasen = inkompatibel?
Ecuador did it!

Das Ergebnis des Referendums vom 19.2.2017 muss nun in einem Gesetz formuliert werden, damit es umgesetzt werden kann. Funktionäre haben ab sofort ein Jahr Zeit, ihr Hab und Gut wieder nach Ecuador zurück zu führen. Wer dann noch über Güter und Gelder in Steueroasen verfügt, muss sein Mandat niederlegen.

So zumindest die Theorie. Wie es tatsächlich mit dieser Initiative weiter geht, hängt sicherlich auch von dem Ergebnis der Stichwahl am 2. April ab: Dann entscheidet sich, ob der Kandidat der „Alianza País“ (der Verwaltungswissenschaftler Lenin Moreno ist für den so genannten „Ethikpakt“) oder der Gegenkandidat vom Movimiento CREO (Guillermo Lasso, der Geschäftsmann und Anteilseigner einer Bank hat sich gegen die Initiative ausgesprochen) die Präsidentschaft übernimmt.

Offshore Demokratie? Nicht mehr lange.

Schade nur, dass es fast niemand mitbekommen hat: Funktionäre mit Geld und Gütern in Steueroasen müssen zurücktreten. Das haben die Ecuatorianer in einem Referendum beschlossen.

Diese Entscheidung ist wegweisend:

  • Mehr Kontrolle über das Vermögen von Funktionären bedeutet: Mehr Möglichkeiten für Korruptionsbekämpfung.
  • Besonders für Länder mit ungleicher Einkommensverteilung wie Ecuador ist diese Entscheidung von enormer Bedeutung.
  • Es ist ein Dienst an der Politik, die in Südamerika (nicht nur dort) ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Politiker gelten von vornherein als korrupt.
  • „Mit gutem Beispiel voran“? Das gibt es in Südamerika selten. Während Politiker die Bevölkerung auffordern, „den Gürtel enger zu schnallen“ und die Steuern erhöhen, horten viele ihre eigenen Millionen in Steuerparadiesen.

Politiker + Geld in Steueroasen = inkompatibel?
Ecuador did it!

Das Ergebnis des Referendums vom 19.2.2017 muss nun in einem Gesetz formuliert werden, damit es umgesetzt werden kann. Funktionäre haben ab sofort ein Jahr Zeit, ihr Hab und Gut wieder nach Ecuador zurück zu führen. Wer dann noch über Güter und Gelder in Steueroasen verfügt, muss sein Mandat niederlegen.

So zumindest die Theorie. Wie es tatsächlich mit dieser Initiative weiter geht, hängt sicherlich auch von dem Ergebnis der Stichwahl am 2. April ab: Dann entscheidet sich, ob der Kandidat der „Alianza País“ (der Verwaltungswissenschaftler Lenin Moreno ist für den so genannten „Ethikpakt“) oder der Gegenkandidat vom Movimiento CREO (Guillermo Lasso, der Geschäftsmann und Anteilseigner einer Bank hat sich gegen die Initiative ausgesprochen) die Präsidentschaft übernimmt.

Passport Heroes

PassportHeroes

Kein Trinkwasser, kein Strom, kein Handyempfang und überall Moskitos. Stundenlange Märsche von einem Dorf zum nächsten, Motorradfahrten mit schweren Rucksäcken. Schlafen in der Hängematte und immer wieder Kochbananen mit Reis, Reis mit Kochbananen. Die Freiwilligen von Peacewatch muten sich einiges zu. Und das alles in einer Gegend im Nordwesten Kolumbiens, in der der bewaffnete Konflikt noch lange nicht vorbei ist – nur hat er heute andere Züge als noch vor wenigen Jahren. Es geht um Geld, durch Palmölplantagen oder Erdölförderung.  Die Peacewatchler nahmen uns mit zu einer mehrwöchigen Kostprobe Kochbananen und Moskitoattacken. Selten haben wir uns bei einer Reportage so willkommen gefühlt. Die Bauern stritten darum, wer die Ausländer bewirten durfte: „Sie essen heute bei mir!“ „Nein, bei mir!“ Sie fühlen sich geschützt durch die Anwesenheit von Ausländern, die keine Waffen bei sich tragen, Studenten, Lehrer oder Rentner sind. Und schlafen wieder ruhig, so lange die Freiwilligen im Dorf sind, sagen sie. „Wissen die Menschen in Europa, dass es uns gibt?“ fragte Alfredo zum Abschied. „Noch nicht, aber wir werden von Euch erzählen.“

In dieser Woche haben wir nun Wort gehalten: Die Reportage “Passport Heroes” ist in Das Magazin (Tagesanzeiger, Schweiz, Ausgabe Nr. 46) erschienen.

Ermöglicht wurde dieses Projekt durch das Gabriel-Grüner-Stipendium, für das wir – Luca und ich – uns herzlich bedanken möchten. Der Anlass für die Existenz dieses Stipendiums ist traurig: Mit dem Stipendium erinnert die Reportageagentur Zeitenspiegel an den stern-Reporter Gabriel Grüner, der 1999 zusammen mit dem Fotografen Volker Krämer und dem Übersetzer Senol Alit im Kosovo ermordet wurde.

http://zeitenspiegel.de/de/preis/gabriel-gruener-stipendium/

Das Stipendium ist eine tolle Möglichkeit, eine Bild-Text-Reportage zu realisieren, für die es Zeit und auch Geld (Reisekosten!) braucht. Es war auch großartig, die Stipendiengeber kennen zu lernen, vielen Dank für die großartige Betreuung. Wir können allen Fotografen- und Journalistenkollegen nur empfehlen, sich mit ihren Projekten zu bewerben!

Quelle Bild oben: http://blog.dasmagazin.ch/aktuelles_heft/46/?goslide=0

“We want Jürgen!” US-Fußball-Fans in Klinsmann-Euphorie

Klinsi-Ultra-Fan

Seit Juli 2011 ist Jürgen Klinsmann Coach der US-Nationalmannschaft. Sein Anfang war etwas holprig, voller Experimente und deshalb auch mit einigen schwachen Spielen. Doch im Gegensatz zum Rest der Welt, wo das zur Ruck-Zuck-Entlassung des Trainers geführt hätte, bekam in den USA kaum jemand was mit vom schwachen Start. Die Stadien waren halb leer, nur eine Handvoll Reporter – davon mehr als die Hälfte von hispanischen Medien – berichtete darüber und die raren Fernsehübertragungen der Spiele schaltete sowieso kaum jemand ein. Trotzdem gab es einen Spieleraufstand – die alteingesessenen Profis fühlten sich übergangen und US-Spieler insgesamt ungerecht benachteiligt gegenüber Neuzugängen mit doppelter Staatsbürgerschaft aus Zentralamerika und Europa.

Doch jetzt ist alles anders und viel besser im US-Fußball, der hier ‘soccer’ genannt wird. 16 Mal haben die USA während der WM-Qualifikation gewonnen, davon zwölf sogar in Serie am Stück. Das gab’s noch nie in der Verbandsgeschichte. Sie haben den Gold Cup gewonnen und sich frühzeitig für die WM qualifiziert. Halb leere Stadien gibt es nicht mehr. Dafür sorgen die ‘American Outlaws’ – eine Fanorganisation, die vor ein paar Jahren von 40 Fans in Nebraska gegründet wurde. Ländlicher als Nebraska geht’s eigentlich nicht mehr. Football mag man da und NASCAR-Autorennen. Fußball? Das ist was für Weicheier! Deshalb auch der Name ‘Outlaws’ – Außenseiter ja! Weicheier nein! Zu jedem Spiel der Nationalelf reisen sie, inzwischen zu Tausenden. Insgesamt haben sie über 17 tausend Mitglieder in rund 150 Ortsverbänden. Gemeinsam marschieren sie von der Vor-Party auf dem Parkplatz in die Stadien, singen stehend 90 Minuten lang patriotische Fußballsongs – und LIEBEN Jürgen Klinsmann.

https://soundcloud.com/soundslikerstin/we-want-j-rgen-us-soccer-coach

Beim ausverkauften Freundschaftsspiel gegen Süd Korea hab ich das selber miterlebt. Mehr Stimmung gibt’s auch in deutschen Stadien nicht. Von den Fans, die ich dort getroffen habe, werden mehr als 600 nach Brasilien reisen, um das Team bei der WM anzufeuern. Die Outlaws haben Flugzeuge gechartert und Hotelzimmer reserviert, um der Nationalelf gemeinsam zu folgen. Auch das ist eine absolute Neuheit für den US-Sport. Das gab’s noch nie im Fußball und gibt es in keiner anderen Disziplin. Football, Basketball, Baseball, Eishockey haben starke lokale Fanclubs. Bei Olympischen Spielen können Basketball und Eishockey Patriotismus wecken, aber rund ums Jahr einer Nationalmannschaft hinterherreisen? Das gibt’s sonst nirgendwo.

Klinsi Fans

Dass es so gut aufwärts geht mit dem US-Fußball hat auch viel mit dem Trainer zu tun, da sind die Fans sicher. Klinsmann öffnet Türen – zu Spielen auf höchstem internationalem Niveau, zu Spielern im Ausland, die ins US-Nationalteam wollen und zu Veränderungen im System, die Nachwuchs fördern. Deshalb lieben sie ihn.

Am 26. Juni trifft Klinsmanns Elf auf die von seinem ehemaligen Ko-Trainer Joachim Löw. Klinsi sagt: er wird beide Hymnen singen aber danach ist für 90 Minuten Schluß mit der Freundschaft. Er will nichts lieber, als an dem Tag Deutschland besiegen.

Der Tag, als sie Daddy abgeholt haben

“Rund 5000 Kinder leben in den USA ohne Eltern, weil die ohne Papiere ins Land gekommen sind und abgeschoben wurden.” Dieser Satz eines Aktivisten für Immigrationsrechte veranlasste mich, eine Familie zu suchen, auf die diese Beschreibung zutrifft. Sie zu finden war schwieriger als erwartet. Niemand wollte reden.

Der Pressesprecher einer Bürgerrechtsorganisation schlug mir schließlich vor, Norma und ihre Tochter Jessica zu treffen. Die Familie passe zwar nicht ganz in mein Konzept, Norma sei legal im Land, doch ihr Mann Jose seit mehr als einem Jahr im Gefängnis. Die drohende Abschiebung reisse die Familie auseinander, besonders die Tochter leide darunter, dass sie ihren Vater nur noch im Gefängnis sehen kann, umziehen musste und auf eine neue Schule geht. “Der Fall ist nicht einfach, nicht schwarz und weiß,” erklärte mir der Sprecher. Jose habe eine Drogenstrafe von früher und sei schonmal abgeschoben worden. Aber: Jessica und ihre Mutter seien bestimmt gute Interviewpartner und hätten eine eindrückliche Geschichte zu erzählen.

Er hatte Recht. Ich traf Jessica und Norma in ihrem neuen zu Hause – sie leben jetzt in einem kleinen Zimmer bei den Eltern von Norma. Zum Gespräch kam auch Joses Mutter dazu. Als der von den Immigrationsbeamten abgeholt wurde war es sechs Uhr morgens. Norma wollte ihn gerade zur Arbeit fahren. “Vier Streifenwagen haben uns eingekreist, Polizisten mit gezogenen Waffen sind auf uns zugerast, haben gebrüllt und auf die Windschutzscheibe geschlagen. Jose war angeschnallt, sie haben ihn aus dem Wagen gezerrt, ihm Handschellen angelegt und weggefahren”, erzählt sie. Jessica hat alles aus dem Fenster ihres Kinderzimmers beobachtet. Wenn sie davon erzählt, steigen ihr Tränen in die Augen. Sie vermisst es, mit ihrem Vater ans Meer zu gehen, zum See zu radeln, Pizza zu essen und am meisten, dass sie ihn nicht umarmen kann. Wenn sie ihn besuchen, ist eine Glasscheibe zwischen Jose und den Frauen. Norma und Jessica wissen, dass Jose vielleicht wieder abgeschoben wird. Zum ersten Mal geschah das 1994 nachdem er mit Drogen erwischt wurde, sagt Norma. Damals sei er noch am selben Tag zurück gekommen. Es sei leicht gewesen, die Grenze zu überqueren. 2010 wurde Jose bei der Arbeit aufgegriffen und abgeschoben. Diesmal war es schwieriger, zurück zu kommen, doch er schaffte es – und wurde ein paar Monate später wieder verhaftet. Jessica versteht bis heute nicht, warum ihr Vater nicht wie sie und ihre Mutter einen Pass bekommen und bei ihr bleiben kann.

Meine Nachfrage bei der Einwanderungsbehörde ergibt eine nüchterne Antwort: Die Behörde sei dazu da, illegale Einwanderer wie Jose so schnell wie möglich aus dem Land zu weisen. Mit Drogendelikt und mehrfacher illegaler Einreise sei er eine Priorität auf der Abschiebeliste. Ohne Erlaubnis ins Land einzureisen könne mit einer Haftstrafe von bis zu zwanzig Jahren bestraft werden.

Ich gebe diese Email nicht an Norma und Jessica weiter. Die Geschichte ist tatsächlich sehr kompliziert. Im Moment weiß ich noch nicht, wie ich sie am besten erzählen kann.

Hören Sie hier, wie die beiden beschrieben, wie Jose abgeholt wurde, was sie an ihm mögen und was sie für die Zukunft hoffen: Norma and Jessica

Applaus für den Grillmeister!

Sollten Sie in Argentinien zum Grillen eingeladen werden:

– Auf keinen Fall ein eigenes Steak oder gar Würstchen mitbringen! Der Grillmeister (asador) kauft die Grillwaren für alle ein, beim Metzger seines Vertrauens. Die Gäste bringen Wein mit oder steuern ein paar Pesos bei.

– Finger weg vom Grill! Niemand außer dem Grillmeister darf das Fleisch wenden.

– Nicht gleich satt essen, egal wie lecker es ist! Denn: Das beste Stück kommt zuletzt! Die Speisenfolge ist streng. Zuerst gibt’s Blut- und Chorizo-Grillwürste, dann Innereien (wer’s mag…). Dann Rippchen und am Ende das Steak. Dann ist es an der Zeit, der Bewunderung für den Grillmeister Ausdruck zu verleihen: “Ein Applaus für den asador!”

Sollten Sie Vegetarier sein – keine Sorge! Selbst in einem Grillrestaurant werden Sie problemlos satt (ich esse auch so gut wie kein Fleisch):

Bestellen Sie eine provoleta – das ist ein extrem leckerer Grillkäse! Auch die typischen Beilagen sind meist fleischlos: Purée (Kartoffel oder Kürbis), Salate oder gegrilltes Gemüse.

 

Im Vermieterparadies

Argentinien ist ein Land mit eigenen Regeln: Hier fahren Krankenschwestern in der gleichen Kleidung, in der sie später in der Notaufnahme stehen, morgens im voll besetzten Bus zur Arbeit. Rechnungen (auch Gas, Strom, Wasser) haben einen Strichcode und man kann sie an der Supermarktkasse zahlen. Und um eine Wohnung zu mieten, muss man eigentlich schon eine haben.


Glücklich schlafen in Buenos Aires: Nur mit garantía!

In Argentinien braucht man eine garantía, um eine Mietwohnung zu bekommen. Eine garantía ist eine Bürgschaft in Form einer anderen Wohnung. Sollte der Mieter die Bude abfackeln oder Mietschulden haben, bekommt der Vermieter die Wohnung des Bürgen. Und das kann nicht irgendeine Wohnung sein: Der Wohnraum muss einen vergleichbaren Wert haben und in einer dem Vermieter genehmen Gegend liegen. Wenn dem die Immobilie des Bürgen nicht gefällt, wird der Vertrag nicht unterschrieben.

Wer also keine eigene (Erst-)Wohnung hat, braucht Freunde, die bereit sind, Haus und Hof zu verpfänden. Jemandem eine garantía zu geben ist der vielleicht grösste Freundschaftsbeweis, den ein Argentinier machen kann. Zum Grillen einladen kann man mehrere Großfamilien und das jeden Sonntag. Die Wohnung kann nur zweidrei Mal verbürgt werden.

Als Ausländer ohne garantía hat man drei Möglichkeiten: Zu meist absurd hohen Preisen zur Untermiete hausen (und wenn Besuch aus der Heimat kommt hat man Pech, denn in den möblierten Zimmern darf man oft keine Gäste haben). Eine gefälschte garantía auf dem Schwarzmarkt kaufen und hoffen, dass sie nicht auffliegt. Jemanden finden, der sein Haus für einen verpfändet.

Es wäre allerdings ungerecht, auf die Vermieter zu schimpfen, ohne die andere Seite zu sehen (1): Argentinische Mieter scheinen außer Rand und Band zu geraten, wenn sie irgendwann ausziehen. Als ich in meine jetzige Wohnung einzog, fehlte das Rohr vom Spülkasten zur Toilette und der Sicherungskasten war weg, die Stromkabel waren mit Klebeband direkt aneinander geklebt.

Inzwischen miete ich nun seit sechs Jahren die gleiche Wohnung. Ruhe habe ich aber immer noch nicht. Erstens kümmern sich Vermieter hier um nichts (immerhin – den neuen Durchlauferhitzer hat meiner zur Hälfte übernommen, weil der alte unkontrolliert Gas ausspuckte und eine echte Gefahr war). Und zweitens werden Mietverträge in Argentinien alle zwei Jahre erneuert. Dann kann sich nicht nur die Miete verdoppeln, sondern der Makler heimst jedes Mal neu zwei ganze Monatsmieten Provision ein. Eine Quittung gibt er mir dafür – natürlich! – nicht. Mieterrechte sind gesetzlich so gut wie nicht geregelt, sagte man mir übrigens beim Mieterschutzbund. Ich könne den Vermieter ja darauf hinweisen, dass das “gegen die guten Sitten verstoße”. Mach’ ich gleich morgen. Da wird er sicher nachts ins Kissen heulen.

(1) Liebe Vermieter mit Wohungseigentum in Argentinien. Bitte seht davon ab, mir Leserbriefe zu schreiben. Es tut mir sehr Leid für Euch, wenn Eure Mieter nicht auf Eure Wohnungen aufpassen. Gebt sie einfach mir! (allen, denen diese Fußnote absurd erscheint sei gesagt: Ist sie nicht! Ich habe tatsächlich schon böse Leserbriefe von Menschen bekommen, die in Argentinien Wohnungen vermieten und das System der garantía verteidigen. Dabei zweifele ich ja gar nicht daran, dass auch die Vermieter hier ein hartes Los treffen mag!)

Ein hilfreicher Link für wohnungssuchende Buenos Aires-Besucher: http://buenosaires.es.craigslist.org/

Neue Deutsche Welle

Die Deutsche Welle strukturiert ihr Programm neu. Für Lateinamerika heißt das: 20 Stunden statt zwei auf spanisch am Tag.

5 Uhr 30, Caracas, der Blick aus dem 11. Stock zeigt das Häusermeer der venezolanischen Hauptstadt, irgendwo da unten kräht ein Hahn. Kühle Luft weht durch das vergitterte Fenster, aber natürlich kein Vergleich zu Europa. Im Fernsehen berichtet die Deutsche Welle (DW) von den Kältetoten. Auf Spanisch. Und das ist eine kleine Revolution, denn der Auslandssender, der Informationen aus Deutschland in die Welt schickt, orientiert sich neu.

Es ist eine Richtungsentscheidung. Auslandsdeutsche und Deutschlernende sind nicht mehr Zielpublikum, jetzt sind die Latinos dran. Bisher war die DW für sie ein Spartensender. Zwei Stunden spanischsprachiges Programm am Tag – wohl kein Lateinamerikaner stellte sich den Wecker, um die nicht zu verpassen. Nun greift der Sender an: Er steht mit seinem neuen Programm in Konkurrenz zu CNN en Español und auch zu vielen lateinamerikanischen Fernsehsendern. Deren Nachrichten sind oft so oberflächlich, effekthascherisch oder auch tendenziös, dass eine renovierte Deutsche Welle durchaus Chancen hat, sich positiv abzusetzen. Denn die News der DW sind angenehm klassisch aufgebaut, ohne wilde Schwenks, wirken seriös – in Deutschland wären sie Standardprogramm. Doch, damit mehr Latinos einschalten, muss der Sender zunächst Vorurteile bekämpfen.

„Deutsche Welle, ist das nicht der Propagandasender von der Merkel?“ Diese Frage beschreibt das bisherige Image der DW in Lateinamerika recht gut. Warum sollten sich die Latinos für einen Sender interessieren, dem es bisher in erster Linie wohl darum ging, Deutschland, seine Bewohner, seine Unternehmen in ein gutes Licht zu rücken? Nehmen wir die Woche vor der Programmreform am 6. Februar. Es war selbst für wohlwollende Zuschauer unfassbar langweilig, sich eine Dokumentation über ein Fünfsternehotel in Garmisch-Partenkirchen anzusehen, in dem die größte Sorge des Managements zu sein scheint, dass von den Servicedamen ein Staubkörnchen übersehen werden könnte.

Seit Anfang Februar ist fast alles anders. In den vergangenen Monaten hat die Deutsche Welle fast 100 Mitarbeiter für die spanischsprachige Redaktion angeworben, viele aus Lateinamerika. Vielleicht müssen sich einige Moderatoren noch ein bisschen eingrooven und lockerer werden. Doch zur Programmreform in Lateinamerika vor dem Fernseher saß, sah viel Interessantes im DW-Programm: das Beste aus der Bundesliga, wie Hightech Blinde wieder sehen lässt, Musikvideos. Und natürlich die Nachrichten, stündlich, in unterschiedlicher Länge – drei, 15, 28 Minuten.

Aber, allem voran sahen die Zuschauer viele schöne Frauen aus Lateinamerika. Die neuen Moderatorinnen und Anchor-Damen sind ungewöhnlich hübsch. Und auch deshalb in ihren Heimatländern beliebt oder sogar berühmt. Linda Guerrero etwa: In Kolumbien verabschiedete sich die Moderatorin, die bei der DW nun die Nachrichtensektion der Sendung „Euromaxx“ präsentiert, mit sanft-kitschigen Nacktfotos von ihren Fans, gedruckt in der Zeitschrift Soho mit dem Begleittext: „Jetzt ist es an Ihnen, lieber Leser, Ihre Träume in die gefühlvollen Bilder dieser spektakulären Frau zu projizieren. Auch wenn sie wohl nur schwer in Erfüllung gehen werden, denn sie ist verlobt und heiratet nächstes Jahr. Doch – egal. Entspannen Sie sich und genießen Sie.“ Bei der Deutschen Welle zu arbeiten, sei für sie wie für einen Fußballer, bei Real Madrid zu spielen, sagte die schöne Kolumbianerin der gleichen Zeitschrift.

Die vielleicht am besten gelungenen Sendungen des ersten Tages waren Todo Gol, die Fussballsendung, und Kultur.21: Optisch ansprechend umgesetzt, mit Lateinamerika-Bezug. Die venezolanische transsexuelle Sängerin Aerea Negrot war ein Porträt wert, ihre Berlin-Lobeshymne klang zwar fast schon einen Tick zu werblich, doch es ging ans Herz. Eine Venezolanerin, die sich erst in Deutschland wirklich als Venezolanerin fühlen kann, weil sie in der Heimat nicht anerkannt wird. Auch in der Sportsendung ging es um Venezuela: Tomás Rincón, Mittelfeldspieler beim HSV, beschrieb, wie er anfangs in Deutschland Strafzettel sammelte. Oder wie er sich an den schnelleren Fußball gewöhnen konnte. Solche Stücke sind wichtig, um die Zuschauer zu interessieren, denn für die meisten Latinos ist Deutschland vor allem eins: Weit, weit weg. Natürlich braucht man davon nicht 20 Stunden am Tag, das wäre auch gar nicht machbar, so viele Anknüpfungspunkte gibt es nun auch wieder nicht – aber es ist der richtige Weg.

Flieg, Asche, flieg…

Australien hat reichlich Potential für Dramen: Fluten, Brände, Dürren – immer, oft und gern. Vulkane gehörten bislang nicht dazu. Feuerspeiende Hügel gibt’s hier unten einfach nicht. Dass sie trotzdem gerade Medien-Thema Nr. Eins sind, verdanken wir Chiles Puyehue-Cordón Caulle. Richtig: Asche kann offenbar weiter als nur von Reikjavik bis Recklinghausen reisen. Sie fliegt bei Rückenwind erstaunliche 11061,49 Kilometer von Chile bis nach Adelaide. Das nenn ich mal Globalisierung im ganz großen Stil. Aber dies nur am Rande, denn natürlich geht es hier um Wichtigeres. Um Höhere Gewalt und menschliche Schicksale! 

Denn abgesehen von den Reisenden, deren Beweglichkeit durch die wg Asche stornierten Flüge eingeschränkt ist, tun mir dieser Tage vor allem meine Kollegen vom TV leid (stimmt nicht, sie gehn mir kolossal auf die Nerven): Seit Queen’s Birthday hocken sie nun in Flughäfen und führen tagein tagaus die mit Abstand uninteressantesten Interviews der Welt: Sie sprechen mit Menschen, die in Melbourne “gestrandet” sind (es gibt in Melbourne keinen Strand!), mit Passagieren, die in Adelaide “festsitzen” (ps: auch Adelaide hat Bus und Bahn), oder, Schreck-schwere-Not! solchen, die gar Hobart nicht erreichen / verlassen können.

 

Da stehen sie nun, die Kollegen von Kanal 2 bis 10 und halten im Halbstundentakt Leuten mit Koffern ihre Mikros und Kameras ins Gesicht. Und diese sagen dann mit 150prozentiger Sicherheit – richtig: so rein überhaupt und gar nichts Wissenswertes. Bzw: “Tja, nach xz wollte ich heute nun, und guess what? das wird wohl nix.” Manche ergänzen noch persönliche Details zb welche Festivitäten/Anschlussflüge/Konferenzen/ sie nicht erreichen.

Gestern machte derlei öffentlich rechtlich über 8 Minuten der 15-minütigen Hauptnachrichten aus! Wirklich nicht Schuld der “Gestrandeten”, dass sie uns so endlos langweilen. Aber was um Himmels willen sollen diese armen Figuren nun auch Ergreifendes sagen? Welche Originalitäten erwarten die Kollegen Reporter und TV-Stationen eigentlich?

Befreiung von der Qual, fürchte ich, kann wieder mal nur von Ganz Oben kommen. Also: Bitte liebe Asche – Senke dich, falle nieder oder flieg zurück. Wir möchten wieder Nachrichten mit Inhalt! 

Ohne Papiere, ohne Job – Tagelöhner in Los Angeles träumen vom besseren Leben

 

 

 

 

Ich war kurz vorm Nervenzusammenbruch – hatte viel zu tun bei der Arbeit, dazu Besuch der herumgefahren werden wollte und ich plante eine Reise nach Deutschland, die wegen der weit verstreuten Familie und Freunde eine logistische Höchstleistung erforderte. Weil ich mal wieder mehrere Sachen gleichzeitig erledigen wollte, schüttete ich mir dann auch noch Milchkaffee über den Laptop, der sofort seltsame Geräusche machte und sich bald weigerte, bestimmte Befehle auszuführen. Bevor ich komplett in Verzweiflung und Selbstmitleid versinken konnte, kam genau die richtige Geschichte, um mein Leid zu relativieren…

Für einen Bericht über illegale Einwanderer in den USA stellte ich mich morgens um sechs mit Tagelöhnern an eine Straßenecke in Los Angeles und fragte sie nach ihren Geschichten. Heraclio aus Mexiko berichtete von der Razzia, bei der er vor zwei Jahren verhaftet wurde. Seither kämpft er gegen seine Abschiebung. Seine Anwältin hat ihm geraten, nicht  zu arbeiten solange der Prozeß läuft, aber er weiß nicht, wie er ohne Arbeit seine Frau und zwei Töchter ernähren und das Zimmer bezahlen soll, dass sie sich mit einem Bruder teilen. Seine Kinder sind in den USA geboren und haben deshalb die US-Staatsbürgerschaft. Heraclio und seine Frau hoffen, dass sie eine gute Ausbildung und gut bezahlte Arbeit bekommen. Sie haben Angst, zurück in ihr Dorf in Mexiko geschickt zu werden. Candido aus Honduras erzählte mir, dass er vor drei Jahren seine Frau und drei Kinder zu Hause zurück gelassen hat und einem Schmuggler 6000 Dollar zahlte, um die Grenze zu überqueren. Auch er träumte von einem besseren Leben in Kalifornien. Doch statt wie gehofft, regelmässig Geld nach Hause zu schicken, kann der 31jährige selbst kaum überleben. Jeden Morgen steht er ab sechs Uhr in Malermontur an der selben Straßenecke, seit drei Wochen hat er keine Arbeit bekommen. Für einen Job, an dem er vier Tage arbeitete, hat er nie Geld gesehen. Der Auftraggeber versprach, den Lohn vorbeizubringen, ist aber nie wieder aufgetaucht. Candido hat Sehnsucht nach seiner Familie, sieht aber keine Möglichkeit, sie bald zu sehen. In seiner Heimat gibt es noch weniger und schlechter bezahlte Arbeit als in den USA und wenn er nur zu Besuch fahren wollte, müsste er wieder einem Schmuggler viel Geld bezahlen, um zurück nach Kalifornien zu kommen. 

Während wir redeten, hielt ein Auto am Straßenrand. Der Mann am Steuer wurde mit großen Jubelrufen empfangen, obwohl er keine Arbeit zu vergeben hatte. Wie jeden Tag brachte er um 9 Uhr 30 einen grossen Karton voller Donuts zu den Tagelöhnern. Die bestanden darauf, dass ich mir auch einen frischen zuckerbestreuten Teigkringel nehme, obwohl viele von ihnen nicht wussten, wovon sie sich und ihren Familien das nächste Essen bezahlen würden.

Die Tagelöhner hoffen auf eine Reform der Immigrationspolitik, auf Arbeitsgenehmigungen, die ihnen ermöglichen zwischen den USA und ihrer Heimat zu reisen. Von Präsident Obama sind sie enttäuscht, weil er im Wahlkampf versprach, sich für die Rechte der Einwanderer ohne Papiere einzusetzen und ihnen einen Weg zur Staatsbürgerschaft zu ermöglichen. Bisher gab es aber keine Entscheidung der US-Regierungen, die diese Versprechungen in die Realität umsetzen würde.

Zurück am Schreibtisch war ich ziemlich dankbar, dass ich Arbeit habe, Freunde aus Deutschland mich jederzeit besuchen können, ich die Reparatur meines Laptops bezahlen und – auch wenn es logistische Höchstleistungen erfordert – wann immer ich will zu meiner Familie nach Hause fliegen kann.