Der Auslandskorrespondent als Hochleistungssportler

Normalerweise ziehe ich gut dreimal pro Woche beim Joggen meine Runden. Letzte Woche war es lediglich ein Spurt auf dem Rotterdamer Bahnsteig, um in allerletzter Sekunde doch noch den Zug nach Den Haag zu erwischen. Dennoch kam ich mir vor wie ein Hochleistungssportler – mit dem Unterschied, dass Auslandskorrespondenten Allrounder sein müssen und sich besser nicht spezialisieren sollten.

Das liegt nicht nur an Hollands Eislaufstar Sven Kramer, der in Vancouver bei den 10 Kilometern von seinem Trainer auf die falsche Bahn geleitet und disqualifiziert wurde, obwohl er Olympischen Rekord gelaufen war – ein menschlicher Fehler mit allen Ingredienzen einer griechischen Tragödie, die die gesamte Nation tagelang in Schockzustand versetzte. Jetzt lieben alle Kramer noch viel mehr als zuvor, denn der Sportler hat echte Grösse bewiesen und seinem Trainer verziehen.  

Für die Auslandskorrespondenten in den Niederlanden war dieser falsche Wechsel ein kurzer Zwischensprint, den wir unerwartet einlegen mussten – zwischen dem Platzen der Regierungskoalition, der am Wochenende zuvor die zweite Verlängerung der Afghanistanmission zum Verhängnis geworden war, und den Kommunalwahlen  am kommenden Mittwoch – beides eher mittellange Abstände.

 Die Afghanistanmission selbst hingegen beschäftigt uns schon seit Jahren und ist eher als Marathon einzustufen. Was auch für Geert Wilders gilt von der islamfeindlichen Partei für die Freiheit PVV. Wobei ein Ende des „Wilders-Marathons“ noch lange nicht in Sicht ist: Glaubt man den Umfragen, feiert die PVV nicht nur bei den Kommunalwahlen am 3. März Triumphe, sondern auch bei den Neuwahlen am 9. Juni.

 Wie sehr sich ein Land ändern kann, das merkte ich auch bei einer Arbeitsmarktreportage in Oss und Rotterdam (wo ich dann fast den Zug verpasst hätte): Denn bei Hartz IV-Empfängern kennen die Niederländer kein Pardon mehr: In neun von 10 Gemeinden müssen sie etwas tun für ihr Geld: „Voor wat hoort wat“, lautet das Motto, „keine Leistung ohne Gegenleistung“. Und deshalb falten niederländische Hartz IV-Empfänger Kartons, halten Grünanlagen instand oder montieren Antennen: „Irgendwas kann jeder“, so das Motto von Rotterdams Dezernenten für Soziales Dominic Schrijer.

Ach ja, und dann haben wir uns letzte Woche auch noch auf den Karadzic-Prozess vorbereitet, der nach mehreren Unterbrechungen am Montag endlich richtig losgehen soll. Auch das eher ein Endlos-Marathon. Aber noch ist nicht Montag. Und deshalb gehe ich jetzt erstmal joggen. Endlich.

 

 

Schnell weiter nach Holland — was die Pekinger Olympia-Treffpunkte der Nationen über die Länder verraten

Wir beginnen in Österreich. Ein Geheimtipp, heißt es, ein Ruhepol, Mitten in der chinesischen Hauptstadt. Das österreichische Haus liegt im weitläufigen Garten eines Fünf-Sterne-Hotels im Pekinger Botschaftsviertel. Die Tische sind festlich eingedeckt, dekoriert mit kleinen Vasen, in denen weiße Rosenblüten schwimmen. Das österreichische Olympische Komitee hat ein Kaffeehaus in einem traditionellen chinesischen Pavillon aufgebaut. Chinesische Kellnerinnen im Dirndl servieren Leberkäse, der hier in mundgerechten Happen mit Zahnstochern gereicht wird, dazu Ketchup in kleinen Gläschen. Leichte Musik weht durch den Garten über die Tische. Es gibt Fernseher, auf denen noch einmal die Wettbewerbe des Tages zusammengefasst werden. Doch kaum jemand schaut hin. Vielleicht ist der ganze Olympische Trubel entspannter, wenn ohnehin klar ist, dass man kein Gold gewinnt.

Viel größere Aufmerksamkeit erfährt das Buffet in dem Restaurant. Es ist genau so angenehm still, vornehm und entspannt wie überall in Österreich. Und der einzige Hinweis, dass wir hier noch in China sind, sind die Insektenlampen, die ihr bläuliches Licht von der Decke verbreiten. Man kennt diese Lampen auch aus dem Urlaub in Italien. Wenn eine Mücke zu dem Licht fliegen will, bleibt sie in dünnen Drähten hängen, der elektrisch geladen sind. Dann zerplatzen die Insekten jedes Mal mit einem kleinen Knall.

Es geht bei den Olympischen Spielen nie nur um Sport. Über 200 Länder nehmen an den Pekinger Sommerspielen teil, es ist die größte internationale Veranstaltung der Welt. Und das größte Medien- und Marketingevent. Jedes Teilnehmerland versucht dabei, für sich zu werben. Für die Zeit der Spiele haben viele dafür eigene Niederlassungen in der chinesischen Hauptstadt eröffnet – als Treffpunkt für Fans, Sponsoren und Journalisten, als Schaufenster für die Einheimischen und als Basislager für die Athleten. Einrichtung und Aufmachung der Häuser sagen viel über das Selbstbild der Länder aus – und über die Bedeutung des Sports. Ein Rundgang.

Das Deutsche Haus liegt gleich um die Ecke im Kempinski Hotel. Gerade kommt eine Gruppe deutscher Athleten an. Man erkennt sie an den schwarzen Rucksäcken mit dem Bundesadler hinten drauf. Alle deutschen Sportler wurden vor den Spielen von einer Kaserne in Mainz eingekleidet. Dirk Nowitzki ist dabei, er trägt eine Kochmütze und wirkt damit noch größer als sonst.

Am Ende der Hotellobby steht ein Anmeldeschalter. Man muss sich zunächst mit Foto und Fingerabdrücken registrieren. Jeder Besucher bekommt dann eine Chipkarte, die persönlichen Daten werden in einem Computer gespeichert. Der Eingang mit den Drehkreuzen und befindet sich dann gleich hinter den Fahrstühlen. Im Deutschen Haus sind die Sicherheitsvorschriften am strengsten. Doch das scheint niemanden zu stören. „Wenn die Chinesen eine Karte mit ihrem Foto drauf bekommen, sind sie total glücklich“, versichert ein Mitarbeiter. Wir glauben ihm das mal so.

Das erste Deutsche Haus eröffnete bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary, organisiert von der Deutschen Sport-Marketing, eine gemeinsame Tochterfirma des Deutschen Olympischen Sportbundes und der Stiftung Deutsche Sporthilfe. ARD und ZDF übertragen ihre Interviews und Talksshows von hier. Es gibt deutsches Essen. Und alles ist ganz anders als in Österreich.

Zunächst fällt auf, dass alles viel bunter ist, selbst das Licht. Vielleicht weil die rund 50 Sponsoren auf die Verwendung ihrer Firmenfarben bestehen – überhaupt scheinen die Sponsoren beim Deutschen Haus im Mittelpunkt zu stehen. Die Drehkreuze und Fingerabdruckscanner wurden von der Bundesdruckerei aufgestellt, die ihr System gerne auch an Grenzübergängen installieren würde. Ein Geldautomat der Sparkasse steht hier, ein Glücksrad einer Schweizer Versicherung, ein Karbonhersteller stellt seine Produkte aus und überall stehen extra groß die Markennamen drauf. Es soll sogar einen offiziellen Fußbodensponsor des Deutschen Hauses geben. Auch die Atmosphäre ist anders als nebenan in Österreich. Es ist voller, lauter, doch alle schauen angespannt auf die Bildschirme und verfolgen die Wettkämpfe. Trotzdem geht es offenbar nur nebenbei um Sport, es ist die gleiche Atmosphäre wie bei einer Verkaufsveranstaltung mit Freibier. Die Olympischen Spiele als Rettung für den Standort Deutschland. Fans und Touristen trifft man in Deutschen Haus übrigens gar nicht. Den meisten ist der Eintrittspreis von 200 Euro schlicht zu teuer. Schnell weiter.

Die kleinste Länder haben oft die interessantesten Häuser aufgebaut. Das holländische Heineken Haus lockt mit Freibier, jeder darf rein. Die Schweizer haben sich gleich in dem Galerie- und Ausstellungsviertel 798 eingemietet, jeder soll kommen und gucken – und gleich am ersten Tag kamen 7000 Besucher.

Das englische Haus heißt London House. In vier Jahren sollen die Sommerspiele in der englischen Hauptstadt stattfinden. Das Königreich will schon mal Vorfreude wecken. Auch hier gibt es Sicherheitskontrollen. Am Eingang liegen Gästelisten und es gibt einen Gepäckscanner wie am Flughafen. Doch offenbar ist es egal, was man aufs Band legt. Die Engländer haben einen Mittelweg zwischen Business und Party gefunden. „Bis 17 Uhr finden hier Seminare und Vorträge statt. Danach feiern wir“, sagt Gastgeber David Adam von der London Development Agency. Gleichzeitig haben Museen aus der Englischen Hauptstadt Ausstellungen in Peking organisiert. Viele Chinesen kommen zum afternoon tea.

Neben dem London House liegt ein kleiner See und auf der anderen Seite das russische Haus . Und schon von Weitem hört man die laute Party, die russische Fahne weht über einer Terrasse. Es heißt, die Russen betreiben in Peking das Haus mit der strengsten Tür, die sich nur für handverlesene geladene Gäste öffnet. Doch die Party soll legendär sein. Früher wollten alle raus aus Russland, jetzt wollen alle rein. Am Eingang steht eine streng aussehende Russin in einem chinesischen Seidenkostüm. „Wir haben leider schon geschlossen, die Party ist vorbei“, sagt sie. Durch den Türspalt sieht man wogende Menschenmassen, Gelächter und laute Musik dringt heraus. Die Frau wirkt nicht so, als ob man mit ihr verhandeln könnte. Ist es vielleicht wegen der Nato und Georgien?

Die Casa Brazil hatte sich bereits wenige Tage nach der Eröffnungszeremonie einen legendären Status verdient: als beste Party der Stadt, der Samba in Peking. Wir hatten bis zuletzt gewartet. Und waren sicher, dass hier sowieso bis zum Morgen gefeiert wird. Doch die Rolltreppe ist bereits abgeschaltet, der Rollladen runtergelassen. Es ist ein Uhr nachts. Sind wir vielleicht zu früh?

Schließlich tauchen in der Hotellobby doch noch zwei Brasilianer auf. Einer sagt: „Wir sind schon lange zu. Seit wir beim Fußball gegen Argentinien verloren haben, will niemand mehr feiern. Kommen Sie morgen früh wieder.“ Morgen früh? Schade. Aber gut zu wissen, dass es auch in Peking noch Orte gibt, wo es offenbar in erster Linie um den Sport geht.

Chinesische Olympioniken

"Hai keyi" sagt das chinesische Zimmermädchen, als ich sie frage, wie ihr die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele gefallen hat, "ganz gut". Klingt nicht nach Euphorie. Ich höre allseits eher Erleichterung heraus, dass das grandiose Anfangs-Spektakel, auf das ganz China 7 Jahre hinarbeiten musste, endlich erfolgreich über die Bühne gebracht ist.

Ganz Peking stand still, Restaurants waren geschlossen, Straßen gesperrt, Polizisten bewachten jede Brücke. Mehr als 80 Staats- und Regierungschefs waren angereist, Chinas Präsident Hu kam aus dem Händeschütteln gar nicht mehr raus. Für die kommunistische Führung hat sich der Aufwand gelohnt. Und für die Mitwirkenden…  

Wang Xiao und Xu Feng, 2 Schauspielerinnen aus Anhui, waren dabei. Mehr als ein Jahr lang haben sie geprobt, zuletzt in Peking, jede Nacht von 1 Uhr bis zum Morgen. Musste ja alles geheim bleiben. Tag für Tag, ohne Pause, nur nach der Generalprobe hatten sie einen Tag frei. Den nutzten sie, um früh um 3 Uhr aufzustehen und den Einlauf der olympischen Fackel in Peking zu verfolgen. Mein Kopfschütteln kann Wang gar nicht verstehen. "Olympia ist großartig, da müssen wir China doch anfeuern," sagt sie ohne jede Ironie.

Im Vogelnest am 8.8. sind Wang und Xu nur Teil des Vorprogramms. Musikgruppen, Drachentänzer, die das Publikum anheizen bis zum großen Countdown. 2 Tropfen in einem Ozean von Menschen, versteckt hinter bunten Kostümen. Und die beiden bekommen nicht mal Geld dafür. Kost und Logis sind frei, alles andere – Schulterzucken. Dabei sein ist alles, ein wahrhaft olympischer Gedanke.

 

 

Zehn Mal China wie immer

Ich arbeite inzwischen seit sechs Jahren als Autor in China. Ich bin ein wenig stolz darauf, dass ich in der ganzen Zeit in keinem einzigen meiner Artikel die Phrase „Reich der Mitte“ geschrieben habe.

Trotzdem taucht sie in fast jedem meiner Artikel auf – denn offenbar glauben viele Redakteure in Deutschland, dass ein Chinatext sonst unvollständig ist. Überhaupt ist deutsche China-Berichterstattung wahnsinnig redundant und deshalb leider oft wahnsinnig langweilig.

In den nächsten Wochen werden wir in den deutschen Zeitungen mehr über China lesen als im ganzen Jahr davor.
20 000 Reporter aus der ganzen Welt sollen kommen. An euch, liebe Kollegen, ein große Bitte: Schreibt nicht schon wieder alle das Gleiche. Denkt euch eigene Bilder aus, ganz neue Sätze, sucht euch eigene Interviewpartner.

Als kleine Hilfestellung deshalb hier eine Liste der zehn dümmsten China-Phrasen – so könnt ihr einfach nachschlagen, wenn ihr unsicher seid:

– Reich der Mitte
– Chinas Langer Marsch
– Chinas Großer Sprung nach vorne
– Maos Enkelkinder
– China süßsauer
– Land des Lächelns
– Große Mauer (es sei denn, man schreibt tatsächlich über eine Mauer)
– Chinas Neue Reiche
– die „Kleinen Kaiser“ oder die „Roten Kaiser“
– sämtliche Kombinationen mit aufwachenden, aufstehenden oder sich erhebenden Drachen