Deutsche Botschaft hält Abstand

Eigentlich hätte dieses Wochenende das schönste im Jahresverlauf für die Bewohner Tokios sein können. Es ist Sakura-Zeit, überall in den Parks, auf Plätzen und entlang der Flüsse blühen Kirschbäume. Ihre zartrosa, weißen oder pinkfarbenen Blüten symbolisieren für die Japaner einen Lebenszyklus in all seiner Schönheit und Vergänglichkeit. Sakura wird jedes Jahr ausgiebig gefeiert: Nie sieht man Japaner ausgelassener (und betrunkener) als bei Hanami, dem Picknick unter blühenden Kirschbäumen.Trotz der Ereignisse vom 11. März sind sie in bei lauen Frühlingstemperaturen in den vergangenen Tagen mit ihren blauen Plastikplanen in Tokios Parks gezogen, haben sich mit Kollegen, Freunden und Familie getroffen. Der Wind wehte von Süden und vertrieb damit etwaige Sorgen. Südwind heißt: keine Gefahr aus Fukushima, alles weht aufs Meer hinaus. Heute, am Samstag, regnet es. Das verhindert viele geplante Hanami-Feiern, aber immerhin ist die Nachrichtenlage nicht ganz so düster wie an manch anderen Tagen. Die Amerikaner, so heißt es, überlegen, ob sie mit der Ausweisung einer 80 km-Evakuierungszone um das AKW nicht etwas übertrieben haben.

 Und die Deutschen? Das offizielle Deutschland sitzt weiterhin in Osaka. Am 18. März hat sich die Botschaft aus Tokio abgesetzt und Zuflucht in der 500 km weiter südlich gelegenen Großstadt gesucht. Während die Mehrheit der insgesamt 24 Botschaften, die Tokio in den Wirren nach dem 11. März ebenfalls verlassen haben, inzwischen wieder in der Hauptstadt sind, rücken die Deutschen nicht von ihrer Meinung ab. Momentan bestehe in Tokio aus radiologischer Sicht zwar keine Gefahr, aber so lange die Kühlsysteme in den havarierten Reaktoren nicht wieder zuverlässig arbeiteten, sollte man sich im Raum Tokio/Yokohama nur wegen eines zwingenden Grundes aufhalten und möglichst nicht länger als einen Tag. Nun ist aber inzwischen bekannt, dass die Kühlung erst in Wochen, möglicherweise Monaten wieder funktionieren wird.

Mit ihrer Argumentation hat sich die Botschaft in eine Sackgasse manövriert. Und die Deutsche Schule in Yokohama so wie deutsche Firmen gleich mit. Wegen der Warnung der Botschaft ist die Deutsche Schule die einzige in Japan (außer jenen in den Evakuierungszonen), die noch geschlossen ist. Hunderte Kinder müssen vorübergehend im In- oder Ausland auf andere Schulen gehen. 35 Abiturienten fragen sich, wie sie im Mai ihre Prüfungen ablegen sollen. Große Firmen wie VW, die ihre Angestellten samt Familien wenige Tage nach dem großen Beben nach Deutschland geflogen haben, trauen sich nicht, ihre Leute wieder nach Japan zu schicken.

Unser aller Außenminister, der sich vor zehn Tagen nach Tokio gewagt hatte, brachte das Totschlag-Argument: Sicherheit gehe vor, so Westerwelle. Da frage ich mich, wie es kommt, dass die Briten, Italiener oder Australier nie daran gedacht haben, ihre Botschaft zu evakuieren und auch ihren Landsleuten dies nicht so eindringlich rieten?

 Sind die Deutschen einfach hysterisch, wenn es um die potenzielle Gefahr atomarer Verstrahlung geht? Oder sind wir von Natur aus übervorsichtig, misstrauisch, skeptisch? Andersherum gefragt: Bin ich, weil ich mit meinen Kindern in Tokio bin, leichtsinnig, naiv, schlecht informiert? Letzteres sicher nicht. Wenn mich eines beruhigt, dann ist es der Zugang zu Informationsquellen, die aktuelle Strahlenwerte in Tokio aufzeichnen und die seit meiner Rückkehr aus Singapur im grünen Bereich liegen.

Ich bin gespannt, wann die deutsche Fahne wieder über der Botschaft im Bezirk Minato-Ku wehen wird. Vielleicht bekomme ich es aber auch gar nicht mehr mit. Im Sommer ziehen wir zurück auf die Philippinen. Ob die Kühlung in Fukushimas AKW bis dahin wieder funktioniert, ist nicht abzusehen.

 

Trinken, TV und ein Traktorschlauch

Vang Vieng ist eine südostasiatische Schönheit: Steile Karstberge ragen aus grünen Reisfeldern, es mäandert der Nam Song, Kinder fischen im Fluss, Reisfelder, Bambushütten, Wasserfälle. Schwer zu übertreffen der laotische Ort (Traum eines jeden Reisejournalisten) Wären da nicht die Besucher. Vor ein paar Jahren haben die 18- bis 28jährige “Traveller” aus aller Welt Vang Vieng entdeckt und zu ihrer Nr 1 Trink- und Partyzentrale gemacht.
Attraktionen: a) drinking b) tubing c) TVing.

Seither geht Vang Vieng so: Ein Veranstalter im Ort gibt Urlaubern in Badezeug gegen Mittag (bzw. nach dem Ausnüchtern) je einen aufgeblasenen Traktorreifenschlauch und bringt sie flussaufwärts. Dort werden sie in den Nam Song geworfen um im Reifen flussabwärts zu treiben. Das nennen sie tubing; tube: engl. = Schlauch, tubing = sich im Schlauch treibend die Kante geben. Denn weil im Fluss treiben durstig macht und weil Alkohol in Laos sehr billig ist, können sich die jungen Abenteurer unterwegs in Bucket-Bars erfrischen. Dort bekommen sie für 30 000 Kip (2,60 Euro) einen Eimer Hochprozentiges. Den trinken sie per Strohhalm. Wer 2 Eimer kauft, bekommt 1 umsonst, Whisky, bei 38 Grad im Schatten, nur dass es kaum Schatten gibt.

Wenn sie im Ort ankommen sind sie folglich nicht mehr so frisch. Daher lassen sie sich auf Party Island nieder, wo die Lautsprecheranlagen von fünf Bars einander open air beschallen und erholen sich bei ein paar Drinks. Dann geht es in die TV-Bars. Von denen gibt es an den 3 Haupt- und 2 Nebenstraßen etwa 50 bis 60 (nicht übertrieben): luftige Kneipen, in denen in Meditationspolster gelehnt alle Besucher tagein tagaus in die gleiche Richtung starren: auf einen der Fernseher (4 bis 5 pro Bar). Die zeigen in Endlosschleife Friends (Folgen einer amerikanische Vorabendserie mit Lachern aus der Dose). Besonders kecke Bars zeigen Zeichentrickserien, aber meist läuft Friends. Dazu trinken die verwegenen Weltentdecker Beerlao (0,65 Liter für 1 Euro), teilen noch ein paar buckets Whiskey und essen “happy” Pizzen.

Dann gehen sie ins Hostel. Und am nächsten Tag gleich in die TV-Bar, weil tubing waren sie ja nun schon. Nein, stopp, zwischendurch springen sie noch kurz ins Internetcafe und teilen ihren Facebookfriends mit, was sie so ‘erleben’, wichtig, dass alle Bescheid wissen. Oder sie skypen, weil sie leider (Beerlao) keine Fotos mehr hochladen können.

Dieses Gespräch einer jungen Irin durfte ich mitverfolgen (sie schrie so laut in den Schirm, dass schwer war diskret wegzuhören):

– “yea, so cool, so cheap – been tubing too”

– (Frage am anderen Ende)

– Not sure, called Vaengving or something like that.

– (Frage aus Dublin)

– Not sure, Asia somewhere. (Frage an den Computernachbarn): Hey, Sean, what’s this place called?

– (wieder in den Skype Schirm) Right, it’s called Laos, cool place, really, near Thailand, you better come over.

Am nächsten Tag bin ich weiter nach Norden gefahren. Der Rest von Laos ist nämlich weitgehend tubingfrei (schon dank der Dürre und der chinesischen Staudämme), und wirklich interressant, auch schön. Die Einheimischen in Vang Vieng allerdings taten mir noch länger leid. Sicher machen sie Geld, aber um welchen Preis? Und Tourismus war mir mal wieder peinlich. Aber wahrscheinlich werde ich nur alt und humorlos. Obwohl: Ich bin auch mit 21 nicht 9000 Kilometer geflogen und sehr lange Bus gefahren, nur um mich dann am Ziel vor einer amerikanischen Fersehserie mit billigem Bier zu betrinken. Glaube ich jedenfalls.

 

Singapur – das Land, das einst sogar Kaugummi verboten hatte

Doha, die langweiligste Hauptstadt der Welt

Zuerst wurde ich überrascht. Am Flughafen von Qatar begrüßte mich ein grimmig aussehender Polizeibeamter. „Das ist ein neuer Pass“, brummte er durch seinen Vollbart. Es klang wie ein Vorwurf. Ich, vorsichtig: „Ja? Stimmt etwas nicht?.“ – Er: „Die neuen deutschen Pässe sind fälschungssicher.“ Ich, meine Sonnenbrille anhebend: „Ja. das ist mein Pass.“ Er: „Schauen Sie, das Hologramm. Toll!“. Es klang jetzt wie Bewunderung. Ich war zu müde, um dass zu verstehen.

Ein zweiter Polizist trat hinzu und deutete auf den Pappbecher in meiner Hand: „Was ist das für ein Kaffee?“ Ich: „Nun, ein ganz normaler Kaffee, ich habe ihn gerade da vorne gekauft.“ Der Polizist: „Er richt so gut. Wissen Sie, ich habe schlimme Kopfschmerzen. Der Geruch tut meinem Kopf richtig gut.“ Doha, Hauptstadt von Qatar, ist offenbar eine Gegend mit besonders sanftmütigen Menschen.

Ich war aus Versehen gekommen, eigentlich nur zum Umsteigen, doch die zwölf Stunden Wartezeit wollte ich nutzen, um mir die fremden arabische Boomstadt anzuschauen. Ich fuhr mit dem Taxi ins Stadtzentrum, fragte den Fahrer, einen Inder, was man sich hier anschauen könnte. Er antwortete misstrauisch: „In Doha?“ Er hielt meine Frage offenbar für einen Scherz. Geantwortet hat er zumindest nicht.

Die freundlichen Polizeibeamten hatten mir nicht ohne Stolz empfohlen, ins City Centre zu fahren. Wir fuhren über sandigen Straßen, vorbei an sandfarbenen Gebäuden, mutige architektonische Mischbauten aus modernen Spiegelglasfassaden und Wachtürmen im Stil alter Wüstenoasen.

Der Wagen hielt an einer riesigen Shoppingmall mit amerikanischen Fastfood-Imbissen und kitschigen Möbelhäusern. Es kalt wie in einem Gefrierfach. Schnell wieder in die Sonne.

Ich irrte über breite Straßen, vorbei an vielen sämtlich unfertigen Hochhäusern. Es gab Banken, Botschaften und Ministerien. Menschen sah ich lange nicht. „Was kann man sich hier anschauen?“, fragte ich, als ein paar Blocks weiter ein paar Jugendliche auftauchten. „Das City Centre“, antworteten beide gleichzeitig. – „Kenne ich.“ Sie überlegten. „Waren Sie schon am Flughafen? Der ist neu!“

Von extremer Hitze und der aggressiven Klimaanlagenkälte hatte ich Kopfschmerzen bekommen. Ich fuhr mit dem Gefühl zurück, nichts und trotzdem alles Wichtige gesehen zu haben. Ich setzte mich wieder in das Café. Mein Gehirn pulsierte. Es roch angenehm nach Kaffe und Zimt. Ein Amerikaner setzte sich neben mich. Ich sagte: „Wissen Sie, ich habe schlimme Kopfschmerzen. Der Geruch tut meinem Kopf richtig gut.“ Er schaute mich irritiert an. Nach Doha fahre ich nie wieder.