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Weltreporter-Forum 2016 – hier ist das Programm!

 

Das Programm des Weltreporter-Forums 2016 in Raiding/Burgenland steht:

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Wir freuen uns mit unseren internationalen Gästen auf einen spannenden Sommer-Nachmittag auf dem Land. Und auf Sie!

 

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Paramilitärische Schuldeneintreiber

 

Das Material war schier unglaublich, das den Kollegen von der größten tschechischen Zeitung Mlada Fronta Dnes zugespielt wurde – so heiß waren die Infos, dass daraus ein Skandal entstand, der Politik und Wirtschaft gleichermaßen erschütterte: Videos waren es, die Männer beim paramilitärischen Training zeigten, mit Pistolen schießend, sich von einer Brücke abseilend, im Kampf gegen aggressive Hunde. Auch im Bild war ihre Uniform, abwechselnd ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Kampfweste, auf beiden prangt groß der Schriftzug „NTZ“.

Was die Zeitung enthüllte: Die Männer sind Stromableser beim größten tschechischen Energiekonzern CEZ. Seit Jahren hält sich der Konzern eine Sondereinheit, die mit regelrechten Rollkommandos allen auf die Pelle rückt, die angeblich ihre Stromrechnung nicht zahlen oder unter Verdacht stehen, illegal Strom abzuzapfen.

NTZ – Netechnické Ztraty heißt dieses Kürzel der Stromableser-Kampfeinheit, Nichttechnische Verluste. Die Journalisten von Mlada Fronta Dnes recherchierten auch einige Opfer des Sonderkommandos: Harmlose Familien zumeist, die in Einfamilienhäusern wohnen und plötzlich von sechs schwer bewaffneten Stromablesern heimgesucht wurden. Und es kursiert ein Video, auf dem ein Opfer der Stromableser vor laufender Kamera Selbstmord begeht.

Ohne die journalistische Enthüllungsarbeit wäre die Existenz dieser Einheit vermutlich nie ans Licht gekommen. Inzwischen hat sich selbst die Politik von den Praktiken des halbstaatlichen Stromkonzerns distanziert. Typisch war aber auch die erste Reaktion des zuständigen Ministers, als er die Videos vom paramilitärischen Training des Kommandos gesehen hat: Was sei denn daran Besonderes, wollte er wissen, das sei doch schließlich ein ganz normales Teambuilding.

 

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Kein Fest für Fische

 

Große Christen sind sie nicht, die Tschechen – nirgendwo anders in Europa ist die Quote der Nicht-Gläubigen höher als hier. An der liebsten Weihnachtstradition ihrer Vorfahren halten sie dennoch eisern fest: an den Festtags-Karpfen.

Und so ändert sich ein paar Tage vor dem Heiligen Abend das ganze Stadtbild in Prag: An fast allen Straßenecken bauen Händler ihren Stand auf, der aus zwei oder drei großen Wannen besteht und einem Campingtisch. Über dicke Schläuche fließt vom nächstgelegenen Hydrant, den die Stadt zu diesem Zweck freigegeben hat, frisches Wasser in die Becken. Darin tummeln sich dicht gedrängt die Fische; stattliche Exemplare sind es von beachtlichem Gewicht.

Die eigentliche Weihnachtstradition nun geht so: Man erwirbt einen solchen Karpfen, trägt ihn lebendig in einer mit Wasser gefüllten Plastiktüte nach Hause und lässt ihn dort die Badewanne beziehen. Ich habe von Familien gehört, in denen sich einige Tage vor Weihnachten niemand duscht, weil ja die Wanne blockiert ist. Und an Heiligabend ist es die vornehme Pflicht des Familienvaters, zuerst die kleinen Kinder aus dem Raum zu schicken und dann den Karpfen zu meucheln. Die Mutter muss anschließend die Schuppen abschaben und den Fisch pfannenfertig zubereiten, damit das Abendessen gesichert ist.

Soweit die Tradition. Bei den Tschechen jedenfalls löst der Anblick der mächtigen Wannen an den Straßenecken allein schon weihnachtliche Gefühle aus. Nur einen Fehler sollte man nicht machen: auf die Preisschilder an den Verkaufsständen schauen. Darauf sind die Einzelposten aufgelistet: Ein Kilo so und so viele Kronen, eine Plastiktüte so und so viel. Und dann, gewissermaßen als Zusatzangebot: „Zbavení zivota“ – das „Entledigen vom Leben“. Fünf Kronen wollten sie im vergangenen Jahr dafür. Mal schauen, ob die Inflation vor diesem Weihnachtsfest auch den Karpfentotschlag erfasst hat.

 

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Ein Mann, ein Feiertag

 

Dieser Tage mit Václav Havel zu sprechen, käme einem Lotto-Volltreffer gleich. Heute ist in Tschechien Nationalfeiertag, „Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie“ heißt er und ist die tschechische Form der Erinnerung an den Fall des Kommunismus.

Eigentlich aber ist der Name etwas irreführend: Václav-Havel-Tag könnte er genauso heißen, denn in Tschechien verteilen sich die Verdienste um die historischen Sternstunden des Jahres 1989 nicht auf mehrere Schultern wie in Deutschland; hier ist Havel und nur Havel das Gesicht der Wende.

Der einstige Dissident und spätere Präsident, inzwischen 73 Jahre alt und gesundheitlich angeschlagen, ist rund um den Gedenktag allgegenwärtig. Die Zeitungen widmen ihm Sonderseiten, das Fernsehen zeigt Dokumentationen und vielen Tschechen stehen die Tränen in den Augen, wenn sie die berühmten Worte Havels hören, die es vor 20 Jahren zum Motto des Aufbruchs gebracht haben: „Wahrheit und Liebe müssen siegen über Lüge und Hass“.

Schon seit Monaten türmen sich im Büro von Václav Havel die Interviewanfragen aus aller Welt. Selbst aus Asien und Südamerika haben Journalisten ihr Begehr angemeldet. Havel entsprach keinem einzigen – und lud stattdessen alle Fragesteller gebündelt zu einer großen Pressekonferenz ein. Dazu hat er ein ganzes Theater gemietet; natürlich das, in dem er als Dramatiker mit seinen frühen Werken den Durchbruch geschafft hat. So groß war der Ansturm, dass die Plätze nicht ausreichten.

Ihren Höhepunkt erreichte die Havel-Show aber schon kurz vor dem eigentlichen Feiertag: Da lud er zu einem Konzert ein, das zu einer großen Feier von Havel und seinen Freunden wurde: Lou Reed war da, Suzanne Vega, Joan Baez und Opernsängerin Renée Fleming. Und alle huldigten Václav Havel: „Der Beweis, dass friedliche Revolutionen existieren“, sagte Joan Baez und zeigte auf Havel, „sitzt hier vor uns.“

 

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Die Prager Journalisten und der Lissabon-Vertrag

 

Ausnahmsweise blickt ganz Europa angestrengt nach Tschechien, und die Journalisten-Kollegen hier vor Ort sind etwas ratlos angesichts der Geschehnisse: Präsident Václav Klaus will den Lissabon-Vertrag nicht unterschreiben und erfindet stetig neue Finten, um einer Unterschrift auszuweichen. Wenn er sich weiterhin weigert, könnte er im Alleingang das Vertragswerk verhindern, das Diplomaten aus 27 Ländern in jahrelanger Kleinarbeit ausgehandelt haben.

Das Problem für die Journalisten: Niemand weiß, wie es jetzt in Tschechien weitergeht. Ratlosigkeit durchzieht ihre Kommentare, hilflos zeichnen sie Szenarien von einer Absetzung des Präsidenten bis hin zum Austritt Tschechiens aus der EU. Es kommt alles nur auf einen Mann an – und der schweigt eisern, was bei Václav Klaus selten genug vorkommt.

In dieser allgemeinen Suche nach Indizien hat jetzt ausgerechnet eine britische Zeitung für Furore gesorgt: Die Times berichtete, der Präsident habe am Rande eines Pferderennens im böhmischen Ort Pardubice gesagt, er werde Lissabon nie unterschreiben. Das Problem dabei: Niemand anders hat diesen Satz gehört.

So brachte es also der englische Journalist zu plötzlicher Berühmtheit in Tschechien: Das Fernsehen schaltete zu ihm, alle Zeitungen zitierten ihn – und er musste gestehen, dass er den Satz nicht selbst gehört habe, sondern dass er ihm von einem verlässlichen Informanten zugetragen worden sei. Und den dürfe er natürlich nicht verraten.

Die Geschichte um die vermeintlich sensationelle Meldung der Times wird in den tschechischen Medien ausführlich breitgetreten. Aussagekraft hat sie indes nicht, weil der Wahrheitsgehalt zumindest fragwürdig ist. Sie zeigt nur, wie aufgewühlt die Journalisten hier sind – und wie bereitwillig sich manche an den dünnsten Strohhalm klammern, um ein unlösbares Rätsel doch zu lösen.

 

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Wo Politik noch spannend ist

 

Stinklangweilig sei es gewesen, das deutsche Kanzlerduell – sagen alle Freunde, die es gesehen haben. Ich habe sie hingegen beneidet um das geordnete, zivilisierte Duell. Hier in Tschechien laufen solche TV-Begegnungen so ab: Die Kandidaten würdigen sich keines Blicks, fallen einander ins Wort, bezichtigen sich wechselseitig der Geisteskrankheit, geben sich am Schluss demonstrativ nicht die Hand und erstatten anschließend jeweils einige Strafanzeigen gegeneinander wegen übler Nachrede, Rufschädigung oder ähnlicher Delikte.

Solcherlei Duell ist aber erst der Auftakt zu Größerem, es ist sozusagen die Prelude zur echten Politik. Denn im Abgeordnetenhaus geht es genauso weiter. „Es ist manchmal schwierig“, wird dieser Tage der Prager Außenminister Jan Kohout zitiert, „unseren Kollegen im europäischen Ausland zu erklären, was hier in Tschechien los ist.“ Es ist für seine Diplomaten vor allem ebenso peinlich wie schwierig.

Gerade jetzt gipfelte das politische Tohuwabohu in einer Posse um die vorgezogenen Neuwahlen. Die waren nötig geworden, nachdem die linksgerichtete Opposition es fertiggebracht hat, die Regierung mitten in der EU-Ratspräsidentschaft zu stürzen. Jetzt, zweieinhalb Wochen (!) vor dem ursprünglich geplanten Termin, werden die vorgezogenen Wahlen abgeblasen: Erst hatte das Verfassungsgericht Bedenken, daraufhin änderten die Parteien mit einem großen und seltenen Konsens kurzerhand die Verfassung – und jetzt weigerte sich die selbe Oppositionspartei, die schon die Regierung gestürzt hatte, der Parlamentsauflösung zuzustimmen, obwohl sie noch einen Tag zuvor am heftigsten auf rasche Neuwahlen gedrängt hatte. Ohne Parlamentsauflösung aber keine Neuwahlen. Das ist jetzt die Kurzfassung, in Wirklichkeit gibt es noch ein paar Winkelzüge, Verwicklungen und persönliche Verstrickungen mehr.

Uns Korrespondenten stellt das vor eine entscheidende Herausforderung: Längst geplante Sendetermine und Interviews „vor den Wahlen“ müssen wir verschieben oder absagen und in den Redaktionen daheim erklären, dass wieder einmal alles anders ist als gedacht. „Ach ja, die Tschechen“, seufzen dann meistens die Kollegen in Deutschland. Und für uns hier wäre es ohnehin langsam ein besseres Geschäftsmodell, von der politischen Berichterstattung ganz auf Glossen umzusatteln – Steilvorlagen immerhin gibt es täglich.

 

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Morgens auf dem Planeten Erde (5): Prag

 

Sie war schon wieder da heute morgen, die junge Frau. Wenn ich im Schlafzimmer die Vorhänge zurückschlage, steht sie da und schaut durch ihren altmodischen Handspiegel zu mir herüber. Ich schaue sie an, streife sie nur kurz mit meinen Blicken. Das ist unser Ritual, jeden Morgen wieder.

Und dann mache ich mich auf den Weg. Der Mensch braucht seine täglichen Routinen, und ich bin wohl einer der wenigen, die sich darauf freuen. Nicht einmal eine Zeitung habe ich abonniert, weil ich mich so an meinen morgendlichen Rundgang gewöhnt habe, auf dem ich alles Notwendige erledige: Aus der Türe raus, dann gerade die zwanzig Meter weiter bis zur Moldau. Da, wo ich wohne, ist sie von einer Promenade eingefasst. Auf der anderen Uferseite liegt der Hradschin, der Berg mit der mächtigen Burganlage, die über der Prager Altstadt thront. Jetzt im Frühling sieht sie ganz anders aus als im Winter unter der Decke aus Pulverschnee oder im Herbst hinter den Nebeln, die über der Moldau wallen. Hier bleibe ich stehen, so wie jeden Tag. Es ist ein Anblick, dessen man nicht satt wird.

Die Niederungen des Alltags liegen zu diesem Zeitpunkt noch zwei Straßenblöcke entfernt. So weit ist der Weg zu meiner Bäckerei, die übrigens ein Segen für das ganze Viertel ist. Weil im restlichen Land die Versorgung mit Gebäck über Supermärkte sichergestellt ist, bilden sich hier vor dem mutmaßlich einzigen Bäcker der Stadt lange Schlangen. Die Leute stehen bis auf die Straße, es passt nur eine Handvoll Kunden gleichzeitig in das Geschäft. Sobald sich die Türe öffnet und jemand heraus auf die Straße tritt, geht der nächste aus der Schlange hinein. Im Laden steht nur eine alte Sperrholztheke, und im Rücken der beiden Verkäuferinnen führen die Bäcker ihr erstaunliches Ballett vor. Sie wirbeln dort in der Backstube, nur von einem halbhohen Regal vom Verkaufsraum abgetrennt, zwischen dem Ofen und den Arbeitsflächen hin und her. Dort formen sie ihre Mohnkuchen, ihre tschechischen Buchteln und die Hefezöpfe, die hier vanocka heißen. Der Duft zieht durch die offene Türe bis fast hinunter an die Moldau, und ich bin fest überzeugt: Das hier bei meinem Bäcker Zoulek ist eine der wenigen Schlangen, in denen sich das Anstellen wirklich lohnt.

Dann geht es wieder zurück nach Hause, die Brötchentüte in der einen, die Zeitungen in der anderen Hand. Links und rechts der Straße erheben sich die Häuser, für die aus aller Welt die Touristen nach Prag kommen: Jugendstil und Gründerzeit in Reinkultur, Erkerchen und Balkone, Giebelmalereien und Fresken in verschwenderischer Fülle. Bei mir oben im vierten Stock ist der Tee inzwischen gezogen. Mein Blick fällt durch die Erkerfenster hinaus, da drüben steht immer noch die Frau mit ihrem Handspiegel. Sie ist eine zeitlose Schönheit, seit 100 Jahren nicht gealtert, eine ein Stein gemeißelte Ode an die Jugend, die den Giebel des Hauses auf der anderen Straßenseite ziert.

Ich stelle mir die Mohnkuchen auf den Schreibtisch. Jetzt kann sie losgehen, die neue Woche hier in Prag.

 

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Flüssiges Konjunkturpaket aus Prag

 

In der Psychologie der Masse sind die Tschechen einfach Meister, das muss man mal neidlos anerkennen. Gerade jetzt im weltweiten Krisengeschrei zeigt sich das wieder: Während in Deutschland die Bürger mit Abwrackprämien und Konjunkturpaketen bombardiert werden, setzt die tschechische Regierung auf ein viel billigeres und wahrscheinlich noch effizienteres Instrument: Die Mehrwehrtsteuer soll dramatisch gesenkt werden – und zwar für Kneipenbesuche. Damit bleibt den Tschechen also selbst in mageren Jahren ihr geliebtes Bier und die Politiker zeigen, dass sie die erfolgreichste Lektion aus der kommunistischen Herrschaft gelernt haben. Schon damals nämlich gab die Partei ein zentrales Credo aus: Egal was passiert, Bier und Zigaretten müssen billig bleiben, sonst rebelliert uns nachher noch das Volk.

 

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Ein Lob der Inflation

 

Es gibt Situationen, die sind so absurd, dass es eigentlich zum Lachen wäre. Das einzige Problem: In Tschechien spielen sich solche Begebenheiten vor allem in der Politik ab, so dass alle gleichmäßig darunter leiden müssen.

Es gibt zwei Konstanten im öffentlichen Leben von Tschechien, so viel muss man vorab wissen: Erstens der unbedingte Willen, in Sachen Wohlstand und Lebensqualität an den Westen aufzuschließen (was auch sehr gut gelingt: die ersten alten EU-Staaten hat Tschechien schon abgehängt). Und zweitens der nationale Stolz auf Rekorde aller Art, sei es bei den Olympischen Spielen, sei es bei den jährlichen Miss-Wahlen.

In einem Bereich treffen diese beiden Konstanten mit fatalem Ergebnis aufeinander: bei der Preisgestaltung. In Paris ist das Metro-Ticket teurer als bei uns, also müssen wir auch die Preise erhöhen – eine Argumentation, die bei den Prager Verkehrsbetrieben ernsthaft zu hören ist, ganz ungeachtet aller Kaufkraftunterschiede. Deshalb hat sich eine Einzelfahrt inzwischen im Preis verdoppelt – innerhalb von drei Jahren. Oder die Post: Das Porto für einen einfachen Brief ins Ausland ist heute doppelt so teuer wie noch 2005.

Mich erstaunt dabei am meisten, dass die Tschechen das alles mit stoischer Ruhe hinnehmen. Ein halber Volksaufstand, wie er in Deutschland losbricht, wenn die Bahn ihre Preise um 3,9 Prozent erhöht, ist völlig undenkbar.

Und damit sind wir bei der tschechischen Politik: Dort wird nämlich gerade diskutiert, die Autobahnvignetten im nächsten Jahr teurer zu verkaufen. Und wie immer in der tschechischen Politik wird geklotzt und nicht gekleckert – statt 1.000 Kronen sollen sie künftig 1.500 Kronen kosten, satte 50 Prozent mehr. Die Begründung dafür ist so überzeugend, dass die Politiker wohl auch diesmal auf öffentlichen Rückhalt zählen dürfen: „Die Inflation in Tschechien ist derzeit so hoch“, so sagten sie der größten Zeitung des Landes, „dass wir uns dieser Entwicklung nicht verschließen dürfen.“

 

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Saufgelage im Parlament

 

So eine leidenschaftliche Debatte gab es schon lange nicht mehr im tschechischen Parlament: Als sich Regierung und Opposition wieder einmal heftig beharkten, verließ der erste Abgeordnete plötzlich das Feld der sachlichen Argumente. Die konservative Regierung und insbesondere der Premier, sagte ein hochrangiger Sozialdemokrat, seien dem Alkohol offenbar in übertriebenem Maße zugetan. Der Premier ergriff daraufhin höchstpersönlich das Mikrofon und blaffte genervt: „Das entspricht nicht der Wahrheit – anders als bei den Sozialdemokraten. Ich könnte ohne Probleme bei jeder Sitzung ins Röhrchen blasen!“

So entfocht sich, während die Tagesordnung irgendwo bei den Feinheiten des Staatshaushaltes stehengeblieben war, eine Debatte über die Frage, welche Fraktion wohl die trinkfreudigsten Abgeordneten habe. Die Diskussion an und für sich ist dabei weniger überraschend als die Tatsache, dass sich alle für abstinent erklärten. Eigentlich nämlich ist der Konsum von Alkohol in Tschechien alles andere als geächtet. Man ist stolz auf das süffige böhmische Bier – so sehr, dass sich die meisten Tschechen wohl lieber einen übermäßigen Durst nachsagen lassen würden als eine strikte Enthaltsamkeit. Unvergessen ist der Politiker, dessen heranwachsender Sohn einmal torkelnd auf offener Straße aufgegriffen wurde. „Er ist halt ein Tscheche“, wurde die Antwort des Vaters kolportiert, „da sind doch zwölf Bier nun wirklich nichts Ungewöhnliches!“ Ein Bier, das muss man dazu wissen, misst in böhmischen Kneipen immer einen halben Liter.

Im Parlament jedenfalls, das haben die Tschechen nach der Debatte der Abgeordneten erfahren, gelten andere Sitten als im Wirtshaus. Um das zu überprüfen, schickte die größte Tageszeitung des Landes am nächsten Tag eine Reporterin mit Alkohol-Messgerät in den Sitzungssaal der Volksvertreter. Als sie die ersten Kandidaten aufforderte, einmal fest ins Röhrchen zu blasen, stürmte sogleich der Vorsitzende des Abgeordnetenhauses herbei. „Ich tue alles, um ein gutes Bild von unserer Arbeit zu vermitteln“, klagte er der Reporterin, „und dann kommen Sie mit Ihrem Messgerät!“ Nach einer längeren Debatte, so stand es anschließend in der Zeitung, gab der Mann seinen Protest auf – und ließ sich sogar selbst zu einer Atemprobe herab. Das wenig überraschende Ergebnis: Er war tatsächlich nüchtern. Den Alkoholpegel des Premierminister allerdings konnte die eifrige Reporterin gar nicht erst eingehender kontrollieren. „So einen Quatsch mache ich nicht mit“, beschied er der Dame schmallippig – und bewies mit dieser Reaktion allemal einen klaren Verstand.

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