Steilste Straße der Welt weg

Dieser Juli war einer unser schwärzesten Monate im Jahr. Nicht, weil es hier auf der Südhalbkugel noch tiefster Winter ist. Sondern weil den Kiwis, die eh nicht viel Spektakuläres aufzubieten haben, ein wertvoller Titel gestohlen wurde. Schmach genug, dass wir zuerst den Cricket World Cup verloren haben. Entthront wurden wir anschließend auch von einem Kaff namens Harlech. Das liegt in Wales. Die steilste Straße der Welt befindet sich offiziell nun dort und nicht mehr in Dunedin. Es geht bergab.​

Ende Juni wurde von den Walisern beim Guinness Buch der Rekorde ein für uns höchst alarmierender Antrag eingereicht: „Pen Ffordd Llech – wahrscheinlich die steilste Straße der Welt“. Zwei Wochen später stand das Ergebnis fest und löste in Aotearoa große Bestürzung aus: Harlech lag vorn. Was wie eine Fußnote der skurrilen Ehrenplätze erscheint, ist für die schottisch angehauchte Universitätsstadt auf der Südinsel von Neuseeland jedoch tragisch.​

Es sind gerade mal 161 Meter, die den oberen Abschnitt der Baldwin Street in Dunedin zur Touristenattraktion machen. Aber die haben es in sich. Betrunkene wie Teenager tragen dort Mutproben aus. Busladungen an Besuchern kraxeln die Straße hoch und runter. Stets dabei, bis zu dreißig Mal täglich: der 68-jährige Anwohner Dave Kernahan, inoffizieller „König der Baldwin Street“. Vor drei Jahren wurde eine öffentliche Toilette errichtet, um dem Ansturm gerecht zu werden.​

Kein Asphaltabschnitt im Lande taucht weltweit auf so vielen Selfies auf. Beliebteste Pose: Backpacker krallt sich am Beton fest – oder rollt irgendwie hinab. Die oft genervten Anwohner haben von Pogo-Sticks über elektrische Dreiräder bis Einkaufswagen alles gesehen. Im Januar wagte sich der Erste auf einem Elektroroller hinunter. 2001 starb eine Studentin, die mit einer Freundin in einer Mülltonne hinunterrollte und in einen geparkten Anhänger krachte.​

Satte 35 Grad beträgt die steilste Steigung der berühmt-berüchtigten Straße, 37 Grad nun die der Konkurrenz in Wales, wie ein Landvermesser dort bestätigte. Damit ist der Spitzenplatz für die Kiwis futsch. Die „steilste Straße der Welt“ wird ab sofort als „steilste Straße der südlichen Hemisphäre“ vermarktet. Klingt auch nicht schlecht. Und wie Dunedins Bürgermeister Dave Cull lakonisch feststellte: „Die Straße ist dadurch nicht weniger steil geworden.“​

Ebenfalls tröstlich ist, dass Neuseeland mit stolzen 320 Einträgen bei den Guinness-Weltrekorden auftrumpfen kann. Darunter: das längste Fernsehinterview – 26 Stunden am Stück – und die meisten Gegenstände mit Zebrastreifen – 508 Teile, zusammengetragen von der Sammlerin seit dem vierten Lebensjahr. Nicht zu überbieten sind die 10.163,66 Meter im Vorwärtsrollen und die größte aller Seifenblasen: stolze 32 Meter aus Spülmittel und Glycerin. Vor zwei Jahren schaffte es ein Marathonläufer in Christchurch, beim Rennen 254 Rubik-Würfel zu lösen. Daran halten wir uns jetzt tapfer fest.​

Schlaglöcher in New York

 

Diese Woche wurde unsere Straße geteert.

Sie fragen sich, wo da der Nachrichtenwert liegen soll? Dann waren Sie noch nie in New York.

Eine anständige New Yorker Straße hat ungefähr alle zwei Meter ein Schlagloch, einen Riss oder einen Buckel. Sie ist bereits 32mal notdürftig repariert worden, was man ihr auch ansieht. Diese Fotos habe ich gestern mal eben auf dem Weg zum Supermarkt gemacht.

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Dabei lebe ich in einem respektablen Brooklyner Viertel namens Park Slope, in dem auch Bill de Blasio zuhause ist, seit Januar neuer Bürgermeister von New York. Es ist nicht ganz abwegig, einen Zusammenhang zwischen seiner Wahl und den plötzlichen intensiven Straßenreparaturarbeiten in Park Slope zu vermuten. Unser Viertel erfreut sich seit der Bürgermeisterwahl gesteigerter Aufmerksamkeit. Seit Januar ist Park Slope auf der Wetterkarte des populären Fernsehsenders NY1 verzeichnet. Auf den Avenuen wurden neue saubere Recycling-Eimer aufgestellt, und wir sind jetzt Pilotbezirk für die Biotonne.

Doch zurück zu den Schlaglöchern. David Letterman, Moderator der Kult-Fernsehsendung Late Night Show, witzelte mal, in New York seien die „potholes“ so tief, dass einige ihre eigenen Andenkenläden hätte. Warum die Straßen so schlecht sind, ist ein auf Stehempfängen gern diskutiertes Thema. Die Republikaner machen die Gewerkschaften verantwortlich und die Demokraten zu niedrige Steuern. In der deutschen Expat-Gemeinde herrscht wie stets die Ansicht vor, dass die Amerikaner „es“ einfach nicht können. Ich halte das schon deshalb für eine Unterstellung, weil ich beispielsweise im Mittleren Westen und sogar im Bergland von Montana ganz ausgezeichnete Straßen befahren habe.

Was immer die Ursache, die Konsequenzen sind eindrucksvoll. Im vergangenen Jahr zahlte New York City wegen schlaglochinduzierter Schäden 5,5 Millionen Dollar Schadenersatz an Autofahrer, enthüllte kürzlich die New York Times. Dafür könnte man eine ganze Menge Straßen reparieren. Tatsächlich sind die Schäden noch viel größer, denn die Stadt haftet erst, wenn sie von der Existenz eines Schlaglochs schriftlich unterrichtet wurde und nachgewiesenermaßen mehr als 15 Tage untätig blieb.

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Der Bundesstaat New York vermeidet solche komplexen Statuten. Dort gilt ein Gesetz, das den Staat von der Haftung durch kaputte Landstraßen komplett freistellt, sofern sich Achsbrüche und Unterbodenschäden von Mitte November bis Ende April ereignen. Das ist sehr wirkungsvoll. 2013 zahlte der Staat New York lediglich 13 386 Dollar an Autofahrer.

Jetzt gibt es eine Initiative, das Gesetz abzuschaffen. Ergriffen hat sie Thomas Abinanti, ein demokratischer Abgeordneter aus Westchester County, einem Bezirk nördlich von New York City. Es ergab sich nämlich, dass Herr Abinanti im Januar auf dem Taconic State Parkway unterwegs war und derart über ein Schlagloch bretterte, dass ein Reifen ersetzt werden musste. Kurze Zeit später passierte ihm das gleiche auf der Interstate 95. Die beiden neuen Reifen kosteten ihn rund 700 Dollar. Das ärgert den Politiker. „Ich verstehe nicht, wie der Staat sich aus der Haftung stehlen kann“, findet er. „Das Gesetz ist unfair.“

Bis sich das notorisch zerstrittene und phlegmatische Parlament in Albany auf eine Revision geeinigt hat, werden aber vermutlich Jahre vergehen. Dann dürfte auch unsere Straße in Park Slope erneut reparaturbedürftig sein, denn der schöne neue Belag fängt an den Rändern bereits an auszufransen. Hoffen wir, dass Bill de Blasio dann noch Bürgermeister ist.

Fotos: Christine Mattauch

Nummernschilder zu vermieten – oder auch nicht

Gerade letzte Woche habe ich sie wieder bekommen, die SMS: Lieber Kunde, leider haben Sie auch dieses Mal wieder nicht in der Lotterie gewonnen. Schade. Zwar gehts nicht um entgagene Millionen – sondern nur um ein entgagenes Nummernschild. Doch ohne Nummernschild gibts kein Auto in Peking. Seit einem Jahr landet mein Name jeden Monat mit Hunderttausenden anderer Führerscheinbesitzer der Hauptstadt in einem Topf, und nur 20.000 werden gezogen. Unbestreitbar eine nötige Maßnahme, auch wenn ich dadurch statistisch gesehen wohl noch ein paar Jahre warten muss. Mehr als fünf Milliionen Autos schieben sich durch Peking, es herrscht seit Jahren Dauerstau. Von der Luft ganz zu schweigen. Und das Los ist zumindest von der Idee her demokratisch. In Shanghai dagegen werden Nummernschilder versteigert und kosten mittlerweile umgerechnet 100.000 Euro. Mehr als viele Automobilmodelle.

 

Begehrtes Objekt: Pekinger Nummernschild

Begehrtes Objekt: Pekinger Nummernschild

 

Dass man aber auch in Peking Geld mit Nummernschildern verdienen konnte, zeigte “Tante Wang”, deren illegales Geschäft vor ein paar Tagen aufflog: Wang Xiuxia vermietete mehr als 1000 Nummernschilder, die sie allesamt vor Einführung der Nummernschild-Lotterie Ende 2010 erworben hatte. Offenbar hatte sie sie jahrelang gehortet. Die Dame aus Pekings Nachbarstadt Tianjin hatte schon 2005 zugeschlagen, nachdem ein Verbot für Nicht-Pekinger aufgehoben wurde, Autos in Peking zu registrieren. Die Schilder kosteten nichts, sondern waren wie in Deutschland mit der Anmeldung verbunden, und man zahlte dann eben Kfz-Steuer. Wie Frau Wang N 1000 Schilder kam, ist noch unbekannt. Aber als die Lotterie startete, witterte sie das große Geld. Und alles ging gut. Bis einer ihrer “Mieter” mit dem auf ihren Namen laufenden Fahrzeug einen Unfall verursachte und Fahrerflucht beging. Offenbar hatte aber der Geschädigte das Nummernschild aufgeschrieben. Clever – und Pech für Frau Wang, die angeblich bis dahin eine MIllion Euro mit dem Schilderbusiness verdient hatte. “Ich habe für 10.000 Yuan auf Lebenszeit ein Nummernschild gemietet”, erklärte ein namenloser Fahrer lokalen Medien (wo auch immer diese den Mann aufgetrieben haben).
Nun also ist Schluss mit lustig. Die Verkehrsbehörde erklärte alle 1000 Nummernschilder für ungültig. Parallel dazu gab die Stadtregierung diese Woche bekannt, weitere Restriktionen zu erlassen: Ein neuer Plan zur Luftreinhaltung für 2013-2017 sieht vor, ab 2017 eine Art “Verstopfungs-Abgabe” einzuführen. Außerdem will sie bis dahin die Parkgebühren deutlich anheben und mehr Gebiete für Fahrzeuge außerhalb Pekings sperren.

 

Muss bald draussen bleiben: Nummernschild der Inneren Mongolei

Muss bald draussen bleiben: Nummernschild der Inneren Mongolei

 

Erstmals ging Peking im Kampf gegen den Dreck diese Woche sogar gegen große Staatsfirmen vor: Das Umweltministerium stoppte je ein Projekt der Ölriesen SInopec und CNPC, da diese ihre Auflagen zur Emissionsreduktion nicht erfüllt hatten. Das ist mal eine gute Nachricht. Unter Druck stehen dieselben Firmen, da sie minderwertiges Benzin produzieren – auch die schlechte Qualität des Treibstoffs ist ein Grund für die urbane Luftverschmutzung. Es gibt viel zu tun.
Und 1000 Ex-Schilder-Mieter von Frau Wang müssen jetzt mit mir in den Lotterietopf. Viel Glück!

Ist das Kunst, verrückt oder einfach nur ein Riesenfels?

Manche Geschichten lassen mein Reporterinnenherz besonders hoch schlagen. Dazu gehört die vom gigantischen Granitbrocken, der derzeit auf dem Weg vom Steinbruch ins LACMA Museum in Los Angeles ist und dabei jede Menge Neugierige und wunderbare Kommentare anzieht.

Der Fels ist über zwei Stockwerke hoch und wiegt 340 Tonnen. Das ist so schwer wie eine Boeing 747, vollgeladen und vollgetankt. Über 160 Kilometer legt die wertvolle Fracht zurück – in Plastik verpackt und in einem extra dafür angefertigten Transporter mit fast 200 Rädern und 40 individuell steuerbaren Achsen hängend. Höchstgeschwindigkeit: acht Stundenkilometer. Der Konvoi kann aus verkehrstechnischen Gründen nur nachts unterwegs sein und aus gewichtstechnischen Gründen nur auf auserwählten Straßen fahren. Sonst müssten nicht nur Ampeln, Straßenschilder und Äste entfernt werden sondern auch Brücken und Autobahnauffahrten. Der Sinn des Ganzen? Der Granitbrocken ist entscheidender Bestandteil der Skulptur ‘Levitated Mass’ des Künstlers Michael Heizer. Der hatte 1968 die Vision einer Betonspalte, die sich in den Boden gräbt und auf deren Mitte ein Riesenfels scheinbar schwebend zum Liegen kommt. Erst vor sechs Jahren hat er den richtigen Fels gefunden – im Steinbruch östlich von Los Angeles. Das LACMA Museum ist begeistert von der Skulptur. Private Spender haben zehn Millionen Dollar gegeben und dank Meisterleistungen von Ingenieuren und Stadtplanern bewegt sich nun der Fels in Richtung Museum.

Eine wahre Reporter-Schatzgrupe sind all die Neugierigen, die sich rund um den Fels versammeln. Die Diskussionen, die der Transport auslöst sind natürlich gewaltig: vor allem geht es dabei darum ob ein Riesengranitbrocken auf einer Betonspalte Kunst ist und ob die zehn Millionen Dollar nicht sinnvoller ausgegeben werden könnten, zum Beispiel um Obdach- und Arbeitslosen zu helfen. Ganz nebenbei ist eine riesige Fangemeinde entstanden. Der Granitbrocken löst Heiratsanträge, Fotowettbewerbe, Facebook- und Twitterseiten aus. Ist er nachts unterwegs, folgen Hunderte der Transport-Meisterleistung. Ist er tagsüber geparkt, gibt es Rockfestivals und Kunstunterricht am Wegesrand.

Ein wenig erinnert mich das alles an die Stimmung am Reichstag in Berlin, als der von Christo und Jean Claude verhüllt wurde. Ob das alles Kunst ist wird für mich dabei komplett nebensächlich. Der Granitblock verbindet die Stadt wie es wenige Ereignisse können. Viele, die den Transport verfolgen werden zum Museum kommen, um in der Betonspalte unter dem Brocken zu stehen. Dem wird man dann all die Arbeit nicht mehr ansehen. 340 Tonnen schwebend unter wolkenlosem blauen Himmel. Großartig!

 

Willkommen auf meiner Brücke!

Über den  Eifer, mit dem in New York Straßen, Wegstrecken und Brücken nach Prominenten benannt werden, habe ich bereits in einem früheren Blog geschrieben. Die Queensboro Bridge beispielsweise, die die Stadtteile Bronx und Queens verbindet, wurde vor guten einem Jahr offiziell umgetauft und dem früheren New Yorker Bürgermeister Edward “Ed” Koch gewidmet – was allerdings bis heute den wenigsten Einwohnern bekannt ist. Der inzwischen 87jährige Mayor nimmt’s mit Humor, wie ein kultverdächtiges Video zeigt. Darin begibt sich der gegenwärtige Bürgermeister Michael Bloomberg auf eine Fahrt in die Bronx – und begegnet dabei unerwarteterweise seinem Vor-Vorgänger. Der kleine Film wimmelt vor Insider-Gags und Anspielungen auf lokalpolitische Scharmützel, aber auch wer sie nicht versteht, wird Freude haben an dem sich selbst karrikierenden Demokraten Koch, der versucht, eine weitere Brücke für sich zu reklamieren…

Welcome to my bridge

Ich lebe im Eruv

Religion ist schon eine kuriose Sache. Ich beispielsweise bin (trotz 9 Jahren auf einer Klosterschule) eher unreligiös, wohne aber in einer für gläubige Juden ausgesprochen wichtigen Gegend: Mitten in einem Eruv (eine Art Sabbath-Erlaubniszone, erkläre ich gleich).

Leser, die wissen, dass ich an dem Stück Sand wohne, das auch als “Australia’s most famous beach” vermarktet wird, mögen sich wundern: Das lasterhafte Strandparadies voller Bars, Cafés, unkosherer Tattoos und Bikinis – eine Glaubensoase? Ja, beides stimmt: Ich lebe am Bondi Beach und mitten in einem Eruv. Okay, okay, ich erklär’s:

Ein Eruv ist eine Zone, in der jüdische Mitbürger auch am Sabbath Dinge tun dürfen, die an dem Tag sonst nur in ihrem Heim erlaubt sind: Etwa Dinge (oder Babys) tragen, oder Dinge (oder Babys) bewegen, zb im Kinderwagen. Da der Sabbath unpraktischerweise meist auf den Samstag fällt, ist vor allem die Nichtbewegen-Regel lästig. Schon blöd: am freien Tag drinnen zu hocken weil man nicht mit Baby oder Rollstuhlfahrer in den Park darf. Clevere Rabbis haben daher weltweit überlegt: Wir machen die “Zuhause-Zone” einfach größer! Und sie haben herausgefunden, dass das talmud-technisch völlig in Ordnung ist, solange das “Zuhause” nur von genug festen Pfählen und Zäunen, Parkplatzmauern, Golfplatznetzen, Telegraphenmasten und -kabelsalat begrenzt wird. (Mal ehrlich: Gott muss sich da oben auf die Schenkel klopfen, oder…?).

Rund um Bondi (Foto oben, das Seil über dem Surfer) und Tamarama (Foto ganz oben) und Dover Heights sind daher all die ohnehin vorhandenen “baulichen Merkmale” eines Heims (wie Golfplatzzäune und Promenadengeländer) zu einer Erlaubnisgegend verbunden worden, viele Quadratkilometer groß, verknotet mit Kabeln und Drähten: Fertig ist der Eruv!

Den meisten Leuten fallen die kaum auf, aber für einige heißen sie: “Easy, alles wie Zuhause, Kinderwagen schieben erlaubt!”

Religion ist eine irre Sache, aber das erwähnte ich ja schon.

 

New York nach dem Hurrikan

 

Als die deutsch-deutsche Mauer fiel, war ich in Budapest und rercherchierte für meine Diplomarbeit. Mit ungläubiger Verwunderung blickte ich auf verwaschene schwarz-weiße Fernsehbilder von jubelnden Landsleuten und konnte nicht fassen, dass ich in dieser historischen Stunde am falschen Ort gelandet war.

Ähnlich fühlte ich mich, als ich vergangene Woche in München war, um ein neues Visum zu beantragen, und die Nachricht las, dass New York von Hurrikan „Irene“ heimgesucht werden sollte, dem womöglich stärksten Sturm seit Jahrzehnten. Ich las von Evakuierungen, nur wenige Kilometer von meinem Brooklyner Viertel Park Slope entfernt, von Subway-Stilllegung und Hamsterkäufen, und erhielt besorgte Emails von Freunden, die nicht wussten, dass ich mich sechstausend Kilometer entfernt im sicheren Deutschland aufhielt. Ich konnte alle beruhigen. Hinfliegen ging schon deshalb nicht, weil ich meinen Pass im Konsulat hatte abgeben müssen.

 

Die Katastrophe blieb aus, jedenfalls in der Metropole. Das stand auch in deutschen Zeitungen. Aber immerhin war „Irene“ ein formidabler Tropensturm. Deshalb war ich heute, nach der Landung auf JFK, gespannt auf das Ausmaß der Schäden vor Ort. Und fragte den Taxifahrer, der mit Panama-Hut, gestreiftem Hemd und karibischer Gelassenheit durch das Flughafengewühl steuerte. Er wiegte den Kopf. „Viel Wind, viel Regen. Aber nicht so schlecht.“ Nach kurzer Pause fügte er hinzu: „Gott steht über allem.“ Ich wollte nicht widersprechen und spähte um so aufmerksamer durchs Fenster. Aber von Sturmschäden sah ich wenig. Ein paar abgefallene Äste, das war’s, auf der kompletten Fahrt, die zirka eine Dreiviertelstunde dauert und durch dutzende von Wohnquartieren in Queens und Brooklyn führt.

Und in Park Slope, mit seinen vielen alten Bäumen? An meiner Haustür klebte eine Visitenkarte von „Leo’s Handyman“, einem Reparaturservice, der Sturmschäden behebt. Doch Leo scheint nicht viel zu tun zu bekommen. Bei einem ersten Rundgang durchs Viertel war alles so wie immer. Selbst die Subway meldet gegenwärtig lediglich ein Signalproblem und eine klemmende Weiche. Wer die New Yorker U-Bahn kennt, weiß, dass dies schon in normalen Zeiten als Erfolg zu werten ist.

 

Nicht überall lief es so glimpflich. In Manhattan, an der Lower East Side, trauern Nachbarn um einen entwurzelten alten Weidenbaum. „Es ist wie der Tod eines alten Freundes“, sagte einer. Der Baum stand in einem kleinen Gemeinschaftsgarten namens La Plaza, der auf wertvollem Baugrund angelegt ist und deshalb schon mehrfach dem Erdboden gleich gemacht werden sollte. Er hat sich aber dank des Einsatzes der Nachbarn für ihr Grün halten können, berichtet die New York Times, die für Heldengeschichten immer zu haben ist. Und jetzt, ohne die Weide? „Gott steht über allem“, würde der Taxifahrer mit dem Panama-Hut sagen.

Fotos: MTA

Aufs Rad gekommen

Nicht Umweltbewusstsein oder Sparsamkeit – nein: ein Reihe von Modetrends hat die Indonesier zurück zum Fahrrad gebracht. Mir fiel dies zum ersten Mal auf, als eine verwegene Zirkustruppe auf selbstgebauten Hochrädern durch Java tourte und bei jedem Halt alte Schrotträder umbaute. So hinterließen sie auf ihrer Reise an allen möglichen Orten neue Brutstätten für ihre Zweistockfahrräder und diverse abgewandelte Modelle. Da das Auf- und Absteigen dieser Vehikel eher umständlich ist, konnte ich immer öfter unerfahrene Hochradfahrer beim Umklammern von Laternenpfählen oder an roten Ampeln hinter Lastwagen gehängt beobachten. Die Profis kümmern sich schlichtweg nicht um rote Ampeln und verlassen sich darauf, dass man sie schon sehen wird (was auch meistens der Fall ist). Bei den damals noch eher seltenen Fahrrad-Demos versammelten sich die Hochradfreaks mit Pseudo-Harley-Bikern, deren Räder etwa so lang wie die anderen hoch waren.

Etwa gleichzeitig kehrte BMX zurück. Ein australischer Freund reist seither nur noch mit seinem BMX-Rad nach Indonesien und verbringt seine Ferien in diversen Heimwerkstätten, die für wenig Geld und umso mehr Erfindungsreichtum seine Spezialwünsche besser und vor allem viel billiger erfüllen als alle australischen Bikeshops.

Doch all das ist Schnee von gestern, wenn man nun auf die Straßen schaut: Dort wimmelt es auf einmal vor Eingangrädern – Stichwort „fixed gear“: In knallbunt leuchtenden Farben, die Pedale immer in Bewegung und möglichst ohne Bremsen. Selbst meine bewegungsfaulen Mitbewohner, die sich bisher immer von Taxis möglichst noch bis in die Eingangshalle ihres Ziels fahren lassen haben, sind mittlerweile aufs Fahrrad umgestiegen. Sie haben festgestellt, dass sie damit nicht nur in sind, sondern auch noch Geld für Transport und den Fitnessclub sparen. In Jakarta – gefühlt die Stadt mit dem schlimmsten Verkehrschaos der Welt – ist diese Mode allerdings nach wie vor eher ein Überlebenskampf außer an autofreien Sonntagen (einen Vormittag im Monat auf der Hauptachse der Stadt). Die gerade neu eingeführten Radwege wurden sofort mit Begeisterung von Straßenverkäufern und falsch überholenden Mopeds in Beschlag genommen.

In der Kulturmetropole Yogyakarta jedoch haben die Radfans mittlerweile den letzten Freitag jedes Monats zum Radeltag ausgerufen. Mit einem Massenaufgebot, das alle Umweltaktivisten vor Neid erblassen lässt, demonstriert die Jugend der Stadt nun monatlich und mit großer Fröhlichkeit, wie die City der Sultansstadt am schönsten wäre: auto- und motorradfrei.

Flieg, Asche, flieg…

Australien hat reichlich Potential für Dramen: Fluten, Brände, Dürren – immer, oft und gern. Vulkane gehörten bislang nicht dazu. Feuerspeiende Hügel gibt’s hier unten einfach nicht. Dass sie trotzdem gerade Medien-Thema Nr. Eins sind, verdanken wir Chiles Puyehue-Cordón Caulle. Richtig: Asche kann offenbar weiter als nur von Reikjavik bis Recklinghausen reisen. Sie fliegt bei Rückenwind erstaunliche 11061,49 Kilometer von Chile bis nach Adelaide. Das nenn ich mal Globalisierung im ganz großen Stil. Aber dies nur am Rande, denn natürlich geht es hier um Wichtigeres. Um Höhere Gewalt und menschliche Schicksale! 

Denn abgesehen von den Reisenden, deren Beweglichkeit durch die wg Asche stornierten Flüge eingeschränkt ist, tun mir dieser Tage vor allem meine Kollegen vom TV leid (stimmt nicht, sie gehn mir kolossal auf die Nerven): Seit Queen’s Birthday hocken sie nun in Flughäfen und führen tagein tagaus die mit Abstand uninteressantesten Interviews der Welt: Sie sprechen mit Menschen, die in Melbourne “gestrandet” sind (es gibt in Melbourne keinen Strand!), mit Passagieren, die in Adelaide “festsitzen” (ps: auch Adelaide hat Bus und Bahn), oder, Schreck-schwere-Not! solchen, die gar Hobart nicht erreichen / verlassen können.

 

Da stehen sie nun, die Kollegen von Kanal 2 bis 10 und halten im Halbstundentakt Leuten mit Koffern ihre Mikros und Kameras ins Gesicht. Und diese sagen dann mit 150prozentiger Sicherheit – richtig: so rein überhaupt und gar nichts Wissenswertes. Bzw: “Tja, nach xz wollte ich heute nun, und guess what? das wird wohl nix.” Manche ergänzen noch persönliche Details zb welche Festivitäten/Anschlussflüge/Konferenzen/ sie nicht erreichen.

Gestern machte derlei öffentlich rechtlich über 8 Minuten der 15-minütigen Hauptnachrichten aus! Wirklich nicht Schuld der “Gestrandeten”, dass sie uns so endlos langweilen. Aber was um Himmels willen sollen diese armen Figuren nun auch Ergreifendes sagen? Welche Originalitäten erwarten die Kollegen Reporter und TV-Stationen eigentlich?

Befreiung von der Qual, fürchte ich, kann wieder mal nur von Ganz Oben kommen. Also: Bitte liebe Asche – Senke dich, falle nieder oder flieg zurück. Wir möchten wieder Nachrichten mit Inhalt! 

Wenn Straßennamen Geschichten erzählen

Wenn ich aus dem Norden Manhattans komme und auf die Brooklyn Bridge einbiege, fällt mir jedes Mal eine kleine Gedenktafel ins Auge: „Ari Halberstam Memorial Ramp“. Seit Jahren frage ich mich, wie es kommt, dass ein zirka 30 Meter langer, schlaglochgespickter Zubringer überhaupt nach jemandem benannt wird und wer Ari Halberstam war, dass ihm das passieren musste.

Amerikaner haben ein emotionales Verhältnis zu Straßen und Brücken – vermutlich ein Erbe der Pionierzeit, als es eine Leistung an sich war, sich einen Weg zu bahnen. Einen entsprechend hohen Stellenwert haben ihre Namen. Es ist eine hohe Auszeichnung für jeden Amerikaner, wenn irgendwo ein Straßenabschnitt nach ihm oder nach ihr benannt wird. Anders als in Deutschland ist das auch erlaubt, wenn der Ehrenbürger noch lebt. In New York wird mit großem Eifer von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

Nicht immer verläuft dies konfliktfrei, vor allem dann nicht, wenn Traditionsnamen zu Gunsten einer Berühmtheit geopfert werden, wie bei der Triboro Bridge. Dieses Konglomerat aus drei Brücken, die Manhattan, Queens und die Bronx verbinden, wurde 2008 in Robert-F.-Kennedy Bridge umbenannt, nach dem Bruder des Präsidenten John F. Kennedy, der 1968 ermordet wurde. Da RFK als Senator den Staat New York vertreten hatte, soll die Brückenwidmung zum 40. Todestag ein ausdrücklicher Wunsch der Kennedy-Familie gewesen sein. Doch bis heute weisen noch immer viele Straßenschilder in Richtung „Triboro“, und der Mann auf der Straße kann eine RFK-Bridge so wenig lokalisieren, dass die Brücke im Verkehrsfunk umständlich als „RFK-Triboro-Bridge“ bezeichnet wird. Dass seit ein paar Monaten auch die Queensboro Bridge offiziell nach einem Prominenten heißt, nämlich dem 86jährigen früheren New Yorker Bürgermeister Edward „Ed“ Koch, ist ins kollektive Gedächtnis überhaupt noch nicht vorgedrungen.

Wer nicht so eine gute Lobby hat wie Kennedy und Koch, muss sich auf ruppige Sitten einstellen. Das erfuhr in diesem Frühjahr Emelia Kazimiroff, eine 95jährige Witwe aus der Bronx. 1981 war zu Ehren ihres Gatten ein Abschnitt des Southern Boulevard in „Dr. Theodore Kazimiroff Boulevard“ umgetauft worden. Immerhin handelte es sich bei Dr. Kazimiroff um einen Amateurhistoriker und mutigen Zahnarzt, der einen Löwen im Bronx Zoo von einem vereiterten Zahn befreit haben soll, ohne zu Schaden zu kommen. Mit seiner Straße hatte der Lokalpromi weniger Glück. Die für ihre Sturheit bekannte US Post soll sich jahrelang geweigert haben, die schwierige Adresse zu akzeptieren. Zur Verwirrung ortsunkundiger Besucher gibt es zudem, etwas außerhalb, einen Kazimiroff Boulevard, an dem sich der Botanische Garten befindet. Kurz und gut – nach 30 Jahren entschied die Stadt New York, Dr. Kazimiroff seinen Straßennamen zu entziehen und den Abschnitt wieder in Southern Boulevard rückzubenennen. Sie hatte nicht mit der streitbaren Witwe gerechnet, die das Votum als „Schlag ins Gesicht“ empfand und umgehend die New York Times verständigte. Dem Weltblatt war der Vorgang einen vierspaltigen Aufmacher im Lokalteil wert, samt Fotos des Verblichenen und seiner Witwe. Das scheint gewirkt zu haben – jedenfalls ist die Straße bei Google Maps heute immer noch zu finden.

So erzählen Straßenschilder lustige Geschichten – und tragische. Für diesen Blog habe ich endlich nachgeschaut, welche Bewandnis es mit Ari Halberstam und seinem Zubringer hat. Halberstam war ein 16jähriger Talmud-Schüler aus Brooklyn, dessen Familie mit dem charismatischen und umstrittenen Rabbi von Lubawitsch, Menachem Mendel Schneerson, befreundet war. Am 1. März 1994 besuchte der Teenager den kranken Rabbi in einem Manhattaner Krankenhaus und wollte danach zurück nach Brooklyn. Beim Einbiegen auf die Brooklyn Bridge eröffnete ein arabischer Extremist das Feuer auf den Wagen, in dem neben Halberstam weitere junge Männer saßen. Halberstam wurde in den Kopf getroffen und starb fünf Tage später. Seine Familie kämpfte jahrelang darum, dass der Anschlag als Akt des Terrorismus anerkannt wurde, was ihr schließlich gelang. Künftig werde ich mich, wenn ich an dem Schild vorbeifahre, ein bisschen dafür schämen, dass ich seinen Zubringer so lange nur für eine Kuriosität gehalten habe.