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2016: Die Pferdeversteher aus der Rue Faubourg Saint-Honoré

Seit nahezu 150 Jahren produziert das Luxushaus Hermès Sättel, die Ross und Reiter glücklich machen. Jetzt bringt die Pariser Sattlerei zwei neue Modelle heraus und zeigt, dass auch dieser Ur-Geschäftszweig des Unternehmens mit innovativen Produkten am Puls der Zeit bleibt.

Von Barbara Markert, Paris | 2016 | The Branders

Schon im Eingang des Stammhauses dreht sich alles um Pferde

Vor dem Stammhaus von Hermès in der Pariser Rue du Faubourg Saint-Honoré formiert sich bereits um halb zehn eine kleine Schlange von Japanern. Rund eine Stunde werden sie hier noch ausharren müssen, bis der Shopping-Tempel seine Türen öffnet. Ein paar Meter weiter, in der Seitenstraße Rue Boissy-d’Anglas, rauchen währenddessen zwei junge Männer in schwarzen Anzügen ihre erste Morgen-Zigarette. Das alte Schild über ihnen erklärt, wo sie arbeiten: Hermès Atelier & Services. Die Services sind Büros, das Atelier ist das der Sattlerei.

 

Das Ur-Business von Hermès ist seit fast 150 Jahren mit seiner Werkstatt an dieser edlen Adresse beheimatet– und es sieht nicht so aus, als ob sich daran jemals etwas ändern sollte.

 

Ein Blick in den Empfangsbereich genügt, um zu wissen, welche Bedeutung das alte Handwerk, mit dem Firmengründer Thierry Hermès 1837 den Grundstein zum heutigen Luxus-Konzern legte, heute noch im Unternehmen genießt. Direkt hinter der Eingangstüre schmücken Pferdeköpfe und Spitzkummets die Wände, neben der Rezeption hängen vergilbte Stiche von historischen Werbeplakaten, auf denen Zaumzeug und Sattel  – neben ein paar Koffern und Taschen – angepriesen werden. Einmal im Inneren des Hauses beginnt ein verzweigtes Wirrwarr von Gängen, die zu verschiedenen Ebenen und Etagen führen. „Man kann sich hier leicht verlaufen. Doch den ersten Aufzug, den Sie sehen, der führt direkt zu uns“, erklärt Laurent Goblet, Atelier-Chef der Sattlerei mit Stolz und einem Augenzwinkern. Klar, dass der direkte Weg in die Sattlerei in den fünften Stock führt. Sie war ja schließlich vor allen anderen im Haus ansässig.

Eingang ins Atelier bei Hermès Stammhaus in Paris

Eingang ins Atelier bei Hermès Stammhaus in Paris

Der sehnige Sattlermeister lächelt kurz und wendet sich dann wieder seiner Arbeit zu: „Eine Minute noch, gleich bin ich fertig. Dieser Sattel muss heute noch raus. Jetzt beginnen die Vorbereitungen für die kommenden olympischen Spiele und die Reiterin braucht diesen Sattel für die Vor-Wettbewerbe.“ Mit voller Konzentration führt Laurent Goblet einen filigranen Spezialhammer über das Leder des Sattels. Die Beine im Ausfallschritt, den ganzen Körper aufs Äußerste gespannt, saust das Metall auf den großen schwarzen Dressursattel vor ihm darnieder. Ein Kollege stemmt sich mit aller Kraft dagegen, um der gezielten Wucht des Hammerschlags Stand zu halten. Mit kritischem Blick durch seine Brille überprüft Laurent anschließend die gerade bearbeitete Stelle und nickt. „Erledigt“, sagt er zufrieden und entlässt den Kollegen samt Sattel aus einem kleinen Büro, in dem sich Einzelteile, zugeschnittene Leder und unfertige Testprodukte bis an die Decke stapeln.

In der Sattler-Werkstatt im 5. Stock des Stammhauses türmen sich sie die halbfertigen Sattel.

Bei den olympischen Spielen mit einem Hermès-Sattel dabei zu sein und vielleicht sogar zu gewinnen, das wäre natürlich ein Traum. Selbst für Laurent Goblet, der seit 38 Jahren im Haus ist. Das letzte Gold gab es für das Modell „Steinkraus“ bei den Spielen in Mexiko im Jahr 1968. Auch 1952 hatte man gewonnen. Für 2016 sind die Karten neu gemischt und der drahtige Maître Sellier und seine Mitarbeiter haben alles getan, um sich in eine gute Startposition zu bringen. Beim alljährlichen Pariser Reitturnier „Saut Hermès“ stellte das Atelier aus der Faubourg-Saint-Honoré im März 2016 gleich zwei neue Sattel-Modelle vor: Hermès Allegro fürs Springreiten und Hermès Arpège für die Dressur.

 

In den neuen Produkten stecken zweieinhalb harte Jahre Arbeit, mehrere Prototypen und viele innovative Ideen, um den Kontakt zwischen Reiter und Pferd zu verbessern.

 

Laurent Goblet: „Es geht um das Gleichgewicht zwischen beiden: Pferd und Reiter sollen eins werden. In einem guten Sattel stecken Savoir-Faire und jede Menge technisches Know-how der Profireiter, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Wir haben schon viele Probleme erkannt und Wünsche realisiert, aber unser Ziel ist es, morgen noch etwas Besseres als heute abliefern zu können.“ Seine jüngste Entwicklung, der neue Sattel Hermès Arpège, entwickelt mit der deutschen Dressurreiterin Jessica von Bredow-Werndl, ist ein komplexes Gebilde: Er besteht aus 65 Einzelteilen und aus 27 verschiedenen Materialien. Der Atelierchef zeigt stolz die Aufstellung, die wie in einem Kochrezept vom Nagel bis zum Oberleder alles in Menge und Größe auflistet, was er zu Fabrikation braucht. „Das hier ist die magische Tüte“, witzelt Goblet und zeigt eine durchsichtige Plastiktüte voller Schnittmuster, in denen sich sämtliche Vermessungen und Vorab-Studien auf Papier-Bögen vereinen.

 

Jeder Sattel von Hermès ist eine Spezialanfertigung und beginnt auf dem nackten Rücken eines Pferdes. Mittels eines sogenannten Equiscan, einer Art beweglichem Kunststoff-Skelett werden Wölbung und Breite des Rückens an 90 Punkten aufs Genaueste vermessen. Aus diesen Daten wird ein Modell erstellt, das gleich einem Schuhleisten als Basis für die Fertigung  dient.

 

„Bei allem, was wir tun, geht es immer darum, zwei Kunden zu befriedigen: das Pferd und seinen Reiter“, erklärt der Maître. 

 

Drei Finger müssen zwischen Sattel und Pferd passen, egal ob es galoppiert oder ruhig steht. Das Gerüst eines Sattels ist deshalb aus stabilem Holz und Stahl. Auf diese Basis werden im Anschluss je nach Sattelmodell fünf bis sieben Schichten aufgetragen: Erst kommt eine aus Baumwolle, danach werden Gurte gespannt, mit denen die Unterseite abgesichert wird. Auf diese kommt die erste gepolsterte Schicht, häufig aus Latex, weil dieses Material sehr formbeständig ist. Nach dieser ersten Komfort-Schicht kommt erstmals Leder zum Einsatz. Ab jetzt geht es um äußerste Präzision. Die Tierhaut muss mit einer speziellen Zange gezogen werden, so dass sich auch später keine unangenehmen Falten bilden können. Auch die Nähte, genäht mit einem besonders reißfesten, gewachsten Faden, dürfen nirgends hervortreten, weil sie später Ross und Reiter verletzen könnten.

 

Spätestens bei diesen delikaten Arbeitsschritten zeigt sich, wie sehr die acht Atelier-Mitarbeiter und ihre beiden weiblichen Kolleginnen ihr Handwerk beherrschen. Würde man zu fest ziehen, könnte das Leder einreißen. „Es geht nicht um Kraft, sondern um die Technik“, erklärt Goblet, während um ihn herum konzentriert gehämmert und gezogen wird. Jeder Sattel wird von A bis Z, also vom Holz-Stahl-Gerüst bis zur letzten Ölung, von dem gleichen Mitarbeiter gefertigt. Das bedeutet, dass Jeder in diesem, vom Tageslicht durchfluteten Atelier im fünften Stock, ausnahmslos alle einzelnen Arbeitsschritte beherrschen muss. Weil es keine Ausbildungsstätten mehr für Sattlerei gibt, bildet Hermès selbst aus. In wenigen Monaten wird das Atelier um vier Mitarbeiter erweitert. Ein Indiz dafür, dass sich das Ur-Business des Luxushauses auch in unserer modernen Zeit weiter entwickelt und neue Kunden findet.

 

Rund 5000 Euro kostet ein normaler Sattel bei Hermès. Bei Sonderanfertigungen sind die Grenzen nach oben offen. Damit liegen die Sattel, gefertigt mitten im Pariser Zentrum, rund 50% über den Preisen der Konkurrenten. Wie kommt’s? Laurent Goblet: „Die Spezialität des Hauses ist Leder. Für Sattel verwenden wir für Kuh-, Kalb-, Büffel- und Schweine-Leder, aber davon nur das Beste. Nur ein kleiner Prozentsatz des Angebots genügt unseren hohen Qualitätsanforderungen. Wir arbeiten mit den besten Gerbern zusammen und haben selbst das Know-how, um aus einem Leder Qualitätsleder zu machen.“ 25 Stunden Handarbeit stecken in einem Hermès-Sattel. Rund drei Monate nach Bestellung kann der Kunde damit losreiten. Hat er Monate später Änderungswünsche, ist das kein Problem. Kommt der Kunde Jahre oder gar Jahrzehnte später mit einem kaputten Sattel, wird er repariert. Service wird in Rue Faubourg Saint Honoré groß geschrieben.

 

„Natürlich ist die Sattlerei nur ein klitzekleines Business bei Hermès. Aber dieses Atelier ist wie der rote Faden, der sich durch die Geschichte des Hauses zieht.

 

„Pferde sind noch immer die größte Inspirationsquelle für alle Produkte der Marke“, erklärt der 56-jährige Atelierchef mit Stolz. Recht hat er: Ob bei Seidentüchern, Taschen, Schmuck, Bekleidung, Möbeln oder Geschirr – immer sind dekorative Elemente aus der Welt der Pferde integriert, wie zum Beispiel Zaumzeug, Steigbügel oder Halfter. Auch das einmal pro Jahr stattfindende internationale Reitturnier „Saut Hermès“, das mitten in Paris im Grand Palais unter einer Denkmal-geschützten Glaskuppel aus der Belle-Epoque-Zeit stattfindet und die besten Reiter der Welt willkommen heißt, unterstreicht die Bedeutung dieses Geschäftszweiges für das Unternehmen – wie auch für den Reitsport an sich. Laurent Goblet: „Wenn sie irgendwo auf der Welt in ein Hermès-Geschäft gehen, egal wie klein es auch sein mag, wird es dort auf alle Fälle eine Abteilung mit Satteln geben.“ Besser hätte man die Bedeutung des kleinen Ateliers für das Gesamthaus kaum zusammenfassen können.

Altes werbeplakat Hermes

Altes Werbeplakat für Sattel von Hermès

 

Das Stammgeschäft in der Rue Faubourg Saint Honoré hat inzwischen seine Pforten geöffnet und die kleine japanische Gruppe, die über einer Stunde davor ausgeharrt hat, strömt hinein. Wer weiß, vielleicht sind sie auf der Suche nach einer Kelly-Bag, aber vielleicht auf der Suche nach einem Steinkraus-Sattel. Beide Namensgeber sind Berühmtheiten, beide wurden von Hermès mit einem Meisterstück geehrt, aber nur eines der beiden Produktklassiker des Hauses wurde im fünften Stock des Stammhauses gefertigt.

 

 

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