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“Aus heutiger Perspektive war das Zwangsarbeit”

 

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Chile versucht einen Neuanfang im Konflikt mit den indigenen Mapuche

Fahnen wehen im Wind der drückenden Sommerluft in der Nähe der Ortschaft Victoria. Ein weisser achtkantiger Stern auf blauen Hintergrund markiert die einfachen Holzstände, die mit Laub auf dem Dach die Menschen vor der Sonne schützen. Im Süden Chiles kommen die indigenen Mapuche zusammen, um ein Treffen verschiedener Gemeinschaften abzuhalten, wo politische und kulturelle Themen beraten werden.

Die Gemeinschaften wollen gemeinsam an das Abkommen von Tapihue erinnern. Vor 198 Jahren anerkannte darin der chilenische Staat die Unabhängigkeit der indigenen Gebiete, bevor er 36 Jahre danach begann, die Ländereien zu besetzen und an europäische Siedler – auch aus der Schweiz – zu übergeben. Das Abkommen von Tapihue ist der einzige Vertrag zwischen Chile und den Mapuche als zweier unabhängiger Nationen.

Als erster Präsident seit der militärischen Besetzung anerkannte der im März 2022 ins Amt gekommene Präsident Gabriel Boric das Abkommen. Mit Blick auf das 200-Jahr-Jubiläum kündigte er für März eine Kommission an, die sich endgültig dem Thema der Ländereien widmen und einen konkreten Fahrplan zur Rückgabe an die Mapuche erarbeiten soll. Das Ziel besteht darin, endlich Ruhe in die konfliktreichste Region des Landes zu bringen, in der seit Jahren militante Mapuche gegen Forstunternehmen und Siedler vorgehen. Kann dieses Unterfangen gelingen?

Getreide muss unter Polizeischutz geerntet werden

Es ist Hochsommer im Süden Chiles, Erntemaschinen fahren durch die Felder und mähen das meterhohe Getreide. Der 75-jährige Nachfahre von Schweizer Siedlern Carlos Spichiger hat auf den etwas mehr als hundert Hektaren seiner Familie in der Nähe der Kleinstadt Traiguén vor allem Gerste gesät. Er spielt mit dem Schlüssel seines Autos, während er erzählt, wie er die Ernte vorbereitet: «Ich muss vorher dem Militär und der Polizei Bescheid geben, damit meine Maschinen geschützt werden.»

In letzter Zeit habe es viele Anschläge auf Mähmaschinen und Häuser der Siedler gegeben, so Spichiger. Regelmässig werden Felder angezündet, zum Teil Menschen bedroht, geschlagen oder gar ermordet, und militante Organisationen erheben Steuern auf die Erträge der Siedler. Spichiger sagt: «Ich fahre nicht mehr alleine auf die Felder, das ist viel zu gefährlich.» Viele Siedler seien eingeschüchtert. Diese wollen erst gar nicht mit der Presse sprechen.

Der Konflikt, die Wut der Mapuche und die Angst der Siedler, das sei nicht immer so gewesen, meint Spichiger. Als die ersten Schweizer Siedler vor etwa 150 Jahren kamen, wurden sie vom chilenischen Staat eingeladen, das Land urbar zu machen und Landwirtschaft zu betreiben. Es waren meist arme Familien, deren Abreise aus der Schweiz mit Geldern aus den Gemeinden finanziell unterstützt wurde. Viele siedelten sich zwischen den Hügeln von Traiguén an – einer Stadt, die einst im Zentrum der chilenischen Besiedlungspolitik stand.

Dass sie dabei Land der Mapuche in Anspruch nahmen, war vielen nicht bewusst. Spichiger sagt, der Staat habe ihnen leeres Land und Sicherheit versprochen. Erst mit der Zeit sei ihnen klargeworden, dass hier auch Indigene lebten. Doch das Leben sei lange Zeit friedlich gewesen. In einer Ordnung, in der die Siedler die Mehrheit des Landes in Anspruch nahmen, Schulen aufbauten und Mapuche als Angestellte hatten. Der Wohlstand sei allen zugutegekommen, sagt Spichiger.

Die neue Regierung sucht den Dialog

Diese scheinbar idyllische Ordnung ist mittlerweile in sich zusammengefallen. Nach jahrelangen Protesten spricht Chile seit 2008 offiziell von Vertreibung, massiver Gewalt gegen die Mapuche und illegaler Aneignung indigener Ländereien durch den Staat und private Akteure. Eine staatliche Behörde, die Corporación Nacional de Desarrollo Indígena (Conadi), ist seitdem beauftragt, Land aufzukaufen und an indigene Gemeinschaften zurückzugeben.

Doch Conadi ist viel zu langsam; obwohl die Behörde jährlich umgerechnet knapp 100 Millionen Franken zur Verfügung hat, werden kaum Ländereien gekauft. Im Jahr 2020 verwendete die Behörde gerade einmal 8 Prozent der damals verfügbaren 85 Millionen Franken.

Dies sei auch eine politische Entscheidung, meint Victor Ramos, der erzählt, wie die neue Regierung den Fonds von Conadi aufgestockt und die Behörde zu schnelleren Landkäufen verpflichtet hat. Ramos wurde vom Präsidenten Gabriel Boric beauftragt, die Kommission zur Rückgabe von Ländereien, offiziell Kommission für den Frieden und das gegenseitige Verständnis, zu bilden. Sein Büro liegt direkt im Präsidentenpalast, er selber ist ein langjähriger politischer Weggefährte des Präsidenten.

Die Anerkennung des Vertrags von Tapihue sei ein grosser Schritt, unterstreicht Ramos. Die Anwendung in der heutigen Praxis bedeute aber keineswegs territoriale Unabhängigkeit. Es gebe kein Zurück zu zwei getrennten Staaten, sondern einzig eine gewisse kulturelle, wirtschaftliche und politische Autonomie für die indigenen Gemeinden. Die Anerkennung beziehe sich vielmehr auf eine historische Schuld am Leid der Mapuche, deren Reparation nun in die Praxis umgesetzt werden müsse.

«Wir haben nicht den Anspruch, den Konflikt innerhalb einer Regierungsperiode zu lösen», sagt Ramos. Dies sei der grosse Unterschied zu den Vorgängerregierungen, die versucht hätten, schnelle Lösungen zu erzielen, und dabei gescheitert seien. «Wir wollen die Grundlagen schaffen für einen Dialog, um den Weg zur Lösung des Konflikts zu ebnen.» Die Kommission solle nicht ein weiteres Mal feststellen, welche Probleme herrschten, sondern konkrete Lösungswege vorschlagen.

Dabei sei er auf offene Ohren gestossen: «Überall, wo ich hingehe, herrscht der Wunsch nach Dialog und einer Lösung des Konflikts.» Jedoch ist es für Ramos keineswegs gegeben, dass sich die Konfliktparteien auch an einen Tisch setzen und dort über den ganzen Prozess hinweg bleiben. «Das ist unsere grösste Herausforderung», so schliesst der Beauftragte ab.

Die Mapuche misstrauen dem Staat

Die Aussagen des Präsidialbeauftragten in der Hauptstadt Santiago verblassen in der eine Tagesreise entfernten Konfliktregion. Im Parlament bei Victoria zeigt sich der Lonko Alfredo Caniullan, das Oberhaupt einer Gemeinde in Küstennähe, entschlossen: «Der chilenische Staat hat zu häufig seine eigenen Versprechen gebrochen.» Bevor keine konkreten Schritte erkennbar seien, trete man nicht in Dialog.

Doch das Parlament ist klein. Gerade einmal zehn verschiedene Gemeinden sind gekommen. Eigentlich waren Dutzende von Gemeinschaften angekündigt. Doch kurz vor dem Treffen hatten mehrere Lonkos aufgrund interner Konflikte abgesagt. Ein gefällter Baum versperrt unweit des Treffpunkts den Weg zur benachbarten indigenen Gemeinschaft.

«Wieso sollten wir heute sinnlose Gedenkveranstaltungen über Verträge durchführen?», fragt Andy Marilao. Er ist ein Werkén, ein Sprecher einer indigenen Gemeinschaft, die etwa eine Stunde von Victoria entfernt liegt. Er steht neben einer Sägemaschine. Dort wird das Holz eines Forsts verarbeitet, den seine Gemeinschaft seit über zwanzig Jahren besetzt hält. Das internationale Unternehmen habe die Ländereien illegal erworben, meint Marilao, dessen Familie bis heute die staatlichen Besitztitel des damaligen Indigenen-Reservats aufbewahrt.

Der Staat habe immer mit Repression und Einschüchterungen auf die Forderungen der Mapuche reagiert, meint Marilao. «Ich bin aufgewachsen mit Polizisten, die Tränengasgranaten in mein Haus schossen und auf meine Eltern einprügelten, wie soll ich da Vertrauen in den Staat haben?», fragt er fast rhetorisch.

Für ihn gebe es nur einen Weg, und der sei militant. Nur damit habe man Erfolg. Die Angst der Siedler kann er dabei durchaus verstehen, doch auch diese müssten das Leid der Indigenen anerkennen und akzeptieren, dass sie auf Land lebten, das eigentlich diesen gehöre.

Teufelskreis muss mit Dialog durchbrochen werden

«Aufarbeitung bedeutet, eine tiefe Wunde erneut zu öffnen», meint der Historiker und Mapuche Claudio Alvarado Lincopi. Der ehemalige Berater von Elisa Loncón, der indigenen Abgeordneten, die 2021 den chilenischen Verfassungskonvent präsidierte, sitzt in einem typischen Lokal der Innenstadt von Santiago. Im Hintergrund läuft der Fernseher, der am laufenden Band Raubüberfälle zeigt, auch aus dem Süden Chiles.

«Wir befinden uns in einem Teufelskreis», sagt Lincopi. Radikale Gruppen der Mapuche hätten sich über die letzten Jahre gegen jegliche institutionelle Lösung des Konflikts gestemmt. Der verfassunggebende Prozess, der den Mapuche mehr Autonomie gegeben hätte, wurde von breiten Teilen der Mapuche boykottiert. «Es fehlte an Vertrauen», meint Lincopi. In den Regionen der Indigenen fand der im September 2022 von den Chilenen abgelehnte Verfassungsentwurf eine noch deutlichere Ablehnung als im Rest des Landes.

Die Antwort der Regierung sei derweil enttäuschend. Bisher habe sie vor allem mit Repression auf den Konflikt reagiert. Bis heute herrscht im Gebiet der Mapuche der Ausnahmezustand, das Militär ist für die Sicherheit verantwortlich. Daneben seien alle Einladungen zum Dialog wirkungslos. «Wer will sich an einen Tisch setzen, während das Militär auf der Strasse ist?», fragt Lincopi. Die radikalen Sektoren seien daran nicht interessiert.

Wie soll man nun vorgehen? Die Frage sei schwierig, seit der Verfassungsentwurf abgelehnt wurde, haben rechte Positionen, die verlangen, mit Gewalt gegen militante Sektoren der Mapuche vorzugehen, überhandgenommen. Ein Abzug des Militärs sei derzeit politisch nicht machbar. Dialog sei weiterhin der richtige Weg. «Sofern es die Regierung schafft, alle Akteure zusammenzubringen, wäre das ein grosser Schritt», meint Lincopi.

Es sei wichtig, über sich gegenseitig zugefügtes Leid zu sprechen und dieses anzuerkennen. «Ich stelle mir etwas Ähnliches vor wie beim Friedensprozess in Kolumbien», sagt Lincopi. Dort gingen Kommissionen der beteiligten Parteien zu den Orten, wo Anschläge und Massaker stattgefunden hatten, um sich zu entschuldigen. An solchen Vorgängen sollten sich auch die Staaten beteiligen, die Siedler ins Gebiet geschickt haben. «Sie trifft eine Mitschuld, und für die chilenische Regierung wäre eine solche Unterstützung eine enorme Hilfe», sagt Lincopi.

Zurück beim Schweizer Carlos Spichiger: Er habe kein Problem damit, sein Land irgendwann gegen die passende Bezahlung abzutreten. Seine Kinder seien sowieso schon alle weggezogen, die Gewalt, der Hass und die besseren wirtschaftlichen Aussichten habe sie in die Grossstädte des Landes geführt. Doch das Ganze müsse geordnet ablaufen, ohne Besetzungen und ohne Gewalt. Schliesslich sei der Staat dabei gefragt, seit langem gemachte Versprechen in die Tat umzusetzen.

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