MOSKAU, Montag, der 21. September 2009
Stefan Scholl

Wissen Sie, wer Alexander Suworow ist? Der größte Feldherr aller Zeiten. Das finden zumindest die Russen. Erstens, weil er Russe ist, zweitens weil er die Alpen überquert hat. Wie Hannibal, nur ohne Elefanten, und in eine andere Richtung. Suworow soll übrigens die ganze Aktion für ziemlichen Schwachsinn gehalten haben. Trotzdem führte er 1899 seine Truppen aus Norditalien auf einer halsbrecherischen Route über den Sankt Gotthard Pass, wurde dann aber in der Schweiz von französischen Revolutionstruppen geschlagen. (Ab hier berichtet die russische Geschichtsschreibung ziemlich ungenau.) Suworow und seine Krieger mussten über verschneite Pässe nach Österreich ausweichen, von 25.000 Mann kamen 15.000 an. Ein ebenso überflüssiger wie wahnwitziger Feldzug. Aber die Russen mögen so was.

Der Historienmaler Wassilij Surikow fand den Kanonenrohralpinismus seiner Landsleute jedenfalls ziemlich abgefahren.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/Suvorov_crossing_the_alps.jpg

Die Schweizer offenbar auch. Die haben das anstehende 210. Jubiläum der Alpenüberquerung Suworows zum Anlass genommen, um den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew einzuladen. Denn weder vor noch nach Suworow hat es ein russisches Staatsoberhaupt je zum einen offiziellen Besuch ins Eidgenössische geschafft – von Iwan dem Schrecklichen bis Gorbi oder Putin. (Klar, Lenin, war mal länger da, aber das noch als Privatmann, bevor er auszog, um in der Heimat Oktoberevolution zu veranstalten.) Und tatsächlich, Medwedew ist heute in der Schweiz eingetroffen, kein russischer Staatsmann sagt nein, wenn es darum geht, die ruhmreichen Waffentaten der Ahnen zu feiern.

 

War also eine prima Idee der Schweizer mit Suworow. Aber sie dürfen sich nicht wundern, wenn ihr Bundespräsident in 3 Jahren eine Einladung von Alexander Lukaschenko (allgemein bekannt als letzter Diktator Europas) aus Weißrussland kriegt. Den will seit Jahrzehnten kein westlicher Staatsmann besuchen, weil er sich innenpolitisch so daneben benimmt. (Und Lukaschenko hat weder Öl noch Gas zu verkaufen.) Aber das sollte man in Helvetien vergessen. Im November 1812 standen 4 dezimierte Schweizer Regimenter am Ufer der Beresina. Auf dem Heimweg eines danebengegangenen Moskau-Trips. Aber sie hielten mit blanken Bajonetten und unter Absingen später als Beresina-Lied berühmt gewordener Verse eine russische Übermacht auf, retteten so die Reste der Großen Armee Napoleons. Die Masse dieser Armee ging auf der weiteren Flucht trotzdem vor die Hunde. Und von 1300 Schweizer Helden überlebten den Tag nur 300. Auch der heroischste Männerchor aller Zeit verreckte völlig sinnlos. Also, die Berner Diplomaten könnten das Beresina-Lied schon mal auswendig lernen:

 

Unser Leben gleicht der Reise
Eines Wandrers in der Nacht;
Jeder hat in seinem Gleise
Etwas, das ihm Kummer macht.

Aber unerwartet schwindet
Vor uns Nacht und Dunkelheit,
Und der Schwergedrückte findet
Linderung in seinem Leid.

 

Mutig, mutig, liebe Brüder,
Gebt das bange Sorgen auf;
Morgen steigt die Sonne wieder
Freundlich an dem Himmel auf.

Darum laßt uns weitergehen;
Weichet nicht verzagt zurück!
Hinter jenen fernen Höhen
Wartet unser noch ein Glück.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE