LONDON, Freitag, der 27. August 2010
Sascha Zastiral

Agententhriller in Bangkok

Wären die Szenen, die sich in diesen Tagen um die Auslieferung des vermeintlichen russischen Waffenhändlers Viktor Bout abspielen, die Handlung eines Actionthrillers, dann würde der Film vermutlich schlechte Rezensionen bekommen: Kritiker fänden in zu übertrieben, zu sehr an den Haaren herbeigezogen und vor allem viel zu sehr Kalter-Krieg-mäßig.

Bout, 43, sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Bangkok und wird von Dutzenden Mitgliedern einer Kommando-Sondereinheit bewacht. Auf dem Flughafen Don Muang im Norden der Stadt steht seit Tagen eine Maschine der US-Marshalls bereit, um Bout in die USA zu schaffen. Gleichzeitig setzen Mitarbeiter der russischen Botschaft im Hintergrund alle Hebel in Bewegung, um die Auslieferung zu verhindern. Und in einer Präsidentensuite in einem der Fünfsternhotels der Stadt verführt vermutlich gerade James Bond die bezaubernde russische Agentin Dana, um ihr weitere Geheimnisse über die neue Superwaffe aus den Labors des KGB, Pardon, FSB zu entlocken.

Zur alles-kann-jetzt-noch-passieren-Charakteristik schlechter Agentenfilme trägt auch bei, dass Bouts Auslieferung am Mittwoch in allerletzter Minute gestoppt wurde. Im Februar haben die USA weitere Anklagepunkte gegen Bout hervorgebracht, um die Wahrscheinlichkeit einer Auslieferung zu erhöhen. Offenbar muss ein Gericht erst noch diese Anklagepunkte fallenlassen.

Tatsächlich hat Bout schon einmal die Vorlage für einen großformatigen Hollywood-Streifen geliefert: Im 2005 erschienenen Film „Lord of War“ erklärt Nicolas Cage alias „Yuri Orlow“ in der Eröffnungsszene, auf der Welt gäbe es 550 Millionen Waffen, was bedeute, dass jeder zwölfte Mensch eine besitze. Er fragt: „Wie bewaffnet man die anderen elf?“ Dann zeichnet der Film die Geschichte von Viktor Bout nach. Und zeigt, wie Bout Waffen aus Beständen der ehemaligen Ostblock-Staaten an Kriegsparteien weltweit verkauft hat und damit zu einem der größten Waffenschieber aller Zeiten geworden ist.

In Bangkok zeigt sich die Regierung unterdessen gelassen. „Wir handeln in Einvernehmen mit dem Gesetz, und niemand kann uns vorschreiben, die Auslieferung zu beschleunigen“, freute sich Vize-Premier Suthep Thaugsuban am Mittwoch. Thailand sei ein „souveräner Staat“ und lasse sich von niemand etwas vorschreiben.

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn Thailand war während des Kalten Krieges der Frontstaat Washingtons in der Mekong-Region. Der USA haben in Bangkok daher noch heute erheblichen Einfluss. Zudem war Bout offenbar offiziell als Militärberater Moskaus nach Bangkok gereist, um die Lieferung eines russischen U-Boots an die thailändische Marine vorzubereiten. Dass er ausgerechnet dabei von US-Ermittlern hochgenommen und von thailändischen Behörden festgenommen worden ist, dürfte sowohl der Regierung in Moskau als auch hohen Kreisen in Thailand, die den Ausbau der thailändisch-russischen Beziehungen vorantreiben wollten, wenig gut bekommen.

Denn sollte Bout vor einem Gericht auspacken, wie er jahrelang offenbar unbehelligt ganze Flugzeugladungen voller Waffen aus den Staaten der GUS schaffen konnte, wäre das für Russland sicher sehr peinlich. Doch Bout hat nicht nur für Kriegsfürsten und Freischärler weltweit gearbeitet: Eine zeitlang transportierten Bouts Flugzeuge im Auftrag des Pentagon Soldaten und Kriegsgerät der USA in den Irak. Auch für die Vereinten Nationen hat Bouts Unternehmen mehr als einmal gearbeitet: Seine Flugzeuge lieferten in einigen Fällen Hilfsgüter in Kriegsgebiete, die Bout zuvor mit Waffen überschwemmt hatte.

Natürlich kann ein Thriller, der in Thailand eine so bedeutende Wende erfahren hat, nicht ohne eine Prise Thai-Gangster-B-Movie enden. Sirichoke Sopha, der Assistent von Premierminister Abhisit Vejjajiva, ist in diesen Tagen in die Defensive geraten. Denn es ist herausgekommen, dass Sirichoke erst kürzlich Bout im Gefängnis besucht hat. Jatuporn Promphan, Abgeordneter der oppositionellen Puea Thai-Partei und während der blutigen Proteste im April und Mai einer der Anführer der „Rothemden“-Demonstranten hat nun erklärt, er gäbe ein Tonband, auf dem das Gespräch zwischen Bout und dem Assistenten des Premierministers aufgezeichnet ist.

Darauf sei zu hören, wie Sirichoke versucht, Bout dazu zu überreden, eine mysteriöse Waffenlieferung, die im vergangenen Dezember auf dem internationalen Flughafen von Bangkok entdeckt und sichergestellt worden ist, auf seine Kappe zu nehmen und zu erklären, die Waffen seien im Auftrag von Ex-Premier Thaksin Shinawatra (2006 von der Armee aus dem Amt geputscht) für die Rothemden-Proteste bestimmt gewesen. Sirichoke gab zu, dass sein Treffen mit Bout mit den Rothemden-Protesten zu tun hatte, aber dass es kein Tonband gäbe.

Wäre das alles die Handlung eines Films, dann würde spätestens jetzt der letzte Kritiker den Kopf schütteln, seinen Stift und seinen Notizblock einpacken, den Kinosaal verlassen und etwas Sinnvolleres mit dem angebrochenen Abend machen. Dabei hält die Fortsetzung der Bout-Saga garantiert noch unzählige unglaubliche Wendungen und Enthüllungen bereit.

 

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