TOULOUSE, Mittwoch, der 14. Oktober 2009
Birgit Kaspar

Arabische Feministinnen rechnen mit dem Westen ab

Wie stellen Sie sich arabische Feministinnen vor? Frauen, die sich den Schleier herunter reißen? Die für Abtreibungsrechte, offene Partnerschaften und das Recht auf Beruf statt Kind kämpfen? Weit gefehlt. Die arabischen Feministinnen sind anders. Sie betonen ihre Weiblichkeit, Kinder zu haben ist in diesen Gesellschaften ein zentraler Wert  – auch in den Augen der Frauen. Ein Zeichen der Emanzipation ist hier beispielsweise, sich am politischen Widerstand gegen israelische oder westliche Besatzung zu beteiligen. All das verstünden die westlichen Schwestern nicht, drum könne man auch auf ihre wohlgemeinte Unterstützung verzichten, man müsse einen eigenen Weg gehen.

Drei Tage lang debattierten mehr als 50 arabischen Frauenrechtlerinnen und Feminismusforscherinnen, in welche Richtung sie sich in Zukunft bewegen wollen. Es war ein emotionales Treffen an der Amerikanischen Universität Beirut . Es wurde gestritten, man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter und es wurden viele Fragen gestellt. Vorne weg diese: Welches ist der richtige Platz für Feminismus in einer Umgebung, die wie die unsere durch Kriege, Bürgerkriege, Armut, autoritäre Regime, ein Fehlen der Bürgerrechte, durch militärische Angriffe und Umsturzversuche aus dem Ausland geprägt ist?

Weil ihr Lebensraum so aussieht, bewegen diese Feministinnen andere Themen als die Frauen im Westen: Das Recht auf Ausbildung, das Recht auf Arbeit, das Recht, einen Pass zu beantragen ohne den Vater oder Ehemann fragen zu müssen, das Recht, die eigene Staatsbürgerschaft an die Kinder weiterzugeben, das in den meisten Ländern dem Mann vorbehalten ist. Es geht um Scheidungsrecht, Erbrecht, um den Schutz gegen Gewalt, die Diskussion um den Hijab (Schleier), um Sexualität und auch, aber nicht an erster Stelle, um politische Rechte. Letztere würden häufig als Folge westlichen Drucks zugestanden, dabei handele es sich dann aber nur um ein Feigenblatt, um zu verdecken, was eigentlich im Argen liege, meinte Mai al-Nakib von der Kuwait University. Sie legte dar, dass die kuwaitischen Frauen zwar im Vergleich zu anderen Golfstaaten mehr Freiheit und vor allem das Wahlrecht haben. Das bedeute jedoch keinesfalls, dass die Frauen in dem ölreichen pro-westlichen Emirat deshalb wesentlich emanzipierter seien als ihre Geschlechtsgenossinnen in den Nachbarstaaten. Al-Nakib:„Die meisten Frauen in Kuwait sind vollkommen apathisch. Der Islam, ein konservativer Moralkodex sowie die Moschee dominieren ihr Leben.“ Und das akzeptierte die Mehrheit.

In Saudi-Arabien, so konnte man auf dem Kongress lernen, erwacht so langsam ein Bewusstsein unter den Frauen für ihre enorme Unterdrückung. Aber eine richtige feministische Bewegung gibt es schon allein deshalb nicht, erklärte Hatoon al-Fassi  von der Universität Riyadh, weil die Frauen sich nicht in der Öffentlichkeit treffen dürften, um über solche Dinge zu reden. Noch dürften sie eigene Publikationen herausgeben. So bliebe es bei privaten Treffen von Einzelkämpferinnen. Sie selbst könne die Missstände nicht detaillierter beschreiben, weil sie sonst fürchten müsse, nicht mehr zurück nach Saudi-Arabien gelassen zu werden. Ein ernüchterndes Statement, das deutlich macht, gegen welche Windmühlen diese Frauen ankämpfen müssen – falls sie es denn überhaupt wollen. Denn die Mehrheit der Frauen in der arabischen Welt betrachte Feministinnen doch immer noch als ein wenig geistesgestört, schimpfte Noha Bayoum von der Libanesischen Universität Beirut .

Aber auch von den westlichen Frauen fühlen sich die arabischen Feministinnen missverstanden. Sie wehren sich gegen deren Bevormundung, sie bräuchten keinen Ideenimport, denn sie hätten ihre eigenen, betonte eine Rednerin nach der anderen. „Das einzige, worauf wir uns einigen können, ist, dass wir beide die Gleichberechtigung der Frau wollen“, sagte mir eine Aktivistin. Doch darüber, wie wir uns diese Rechte im Einzelnen vorstellten, könnten wir uns schon nicht einigen. Das sei Fakt und deshalb wolle sie auch nicht weiter mit mir diskutieren. Sagte es und verließ erregt den Raum.

Der Westen habe den arabischen Frauen sehr viel Leid angetan durch Invasionen wie im Irak und Afghanistan, die Unterstützung von Kriegen und Besatzung wie im Libanon und in Palästina. All das habe die Frauenrechte um Jahre zurückgeworfen, lautete der Tenor. Die US-Invasion und die nachfolgende Besatzung hätten die irakischen Frauen in die 30er Jahre zurück katapultiert, erklärte die irakische Schriftstellerin Haifa Zangana  wütend. „Zwar sitzen nun in unserem Parlament 25 Prozent Frauen. Aber was tun sie dort? Kümmern sie sich um die Belange der Frauen? Nein.“ Dafür habe das Land nun den höchsten Anteil an Witwen weltweit.

Kaum positiver beschreibt die Frauenforscherin Elahe Rostamy-Povey von der Universität London die Lage afghanischer Frauen nach dem Versuch der Vertreibung der Taliban durch westliche Truppen: „Krieg und militärische Konflikte verschärfen immer männliche Vorherrschaft in der Gesellschaft. Die afghanischen Frauen sind heute keineswegs befreit.“ Das Leben sei jetzt anders als unter den Taliban, aber nicht besser.

Es war viel Provokatives zu hören auf dem Beiruter Feministinnenkongress und ich habe vieles über arabische Frauen gelernt. Es war ein Privileg, diese teils mutigen und engagierten Frauenrechtlerinnen kennen zu lernen. Auch wenn sie an viele Dinge ganz anders herangehen. Sie haben Recht damit, weil sie tatsächlich in einer anderen Welt leben. Doch kann ich mich nicht damit abfinden, dass wir unfähig sein sollten, miteinander in einen Dialog zu treten. Radikale Abgrenzung bringt keinen weiter. Wir westlichen Frauen können jedenfalls von unseren arabischen Schwestern einiges lernen, vor allem was Solidarität und das Annehmen der eigenen Weiblichkeit angeht.

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