BERLIN, Montag, der 10. Mai 2010
Julia Grosse

Ausrufungszeichen wie Wurfspieße

Haben Sie sich in diesen Tagen beim Blick auf die Insel und das dortige Wahlchaos wieder einmal gefragt: Was haben die Briten eigentlich für ein Problem?  Mit ihrer Etikettenexzentrik. Dem Traditionsfanatismus, Nachmittagstee, Tweedanzug mit Einstecktüchlein und Essig auf fettigen Pommes, Gurkensandwich und Linksverkehr? Ja, kichern Sie ruhig! Zumindest mich bringt die britische Exzentrik längst nicht mehr aus der Fassung. Im Grunde kann ich die Queen sogar verstehen, wenn sie lieber kleine, runde Eiswürfel in ihrem Gin Tonic wünscht, weil sie das Geräusch der eckigen stört! Und dass Gordon Brown bei der Queen um Erlaubnis nach einem Wahltermin fragen musste, weil Premiers das so seit Ewigkeiten tun, ist doch ganz putzig! Wie sie sehen habe ich mich perfekt in dem Wahnsinn made in britain eingefunden. Nur die Presse, oder wie man in diesen Wahltagen besser hätte sagen sollen: die bis zu den zähnen bewaffneten Medientruppen haben mich dann doch ein wenig aus dem Konzept gebracht. Sun, Mirror und Co. lieferten sich bleierne Grabenkämpfe vom allerfeinsten. Hier wurde scharf geschossen mit zermürbenden Headlines, Ausrufungszeichen wurden zu Wurfspießen, Worte zu Todesurteilen, oder zu Heiligsprechungen (die Sun unterstützt die Tories, der Daily Mirror steht zu Labour).

Ganz furchtbar charmant forderte so zum Beispiel die Sun Gordon Brown auf, endlich die Biege zu machen und präsentierte ihn auf ihrem Aufmacher als heimatlosen, anscheinend verwirrten Hausbesetzer: „Ein 59jähriger Mann besetzte ein elegantes Haus ganz in der Nähe der Houses of Parliament. Er weigerte sich das Gebäude zu verlassen, um seinen rechtmäßigen, neuen Mieter (David Cameron) reinzulassen..“ Dazu dieses Foto:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mirror dagegen rasselte schon vor Wochen mit den Säbeln und schob eine Anti-Konservativen-Kampagne an, die schließlich kurz vor den Wahlen in einer seitenlangen, ultimativen Wahl-Gebrauchsanweisung mündete: Unter dem Motto „How to Stop him“ wurden für Leser sämtliche Kombinationen herausgearbeitet, was man in welchem Bezirk ankreuzen müsse, um in keiner Tory-Regierung zu enden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Realitv fein raus war der Lib.Dem-Chef Nick Clegg. Ihm wurde nach seinem telegenen Superauftritt während der TV-Duelle gleich der Obama-Wunderheiler-Titel verpasst, samt der jetzt schon ikonischen blau-roten Obama-Gesicht-Grafik, mit der man von nun an anscheinend jeden etwas über den Tellerrand hinausdenkenden Politiker blau und rot einfärben wird:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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