SYDNEY, Mittwoch, der 13. April 2011
Julica Jungehülsing

Australien spielt Schiffe versenken, trotz Protest der Delfine…

Recycling ist keine Stärke der Australier. Das ist schade, u.a. wg Umwelt. Zugleich birgt die Wegschmeisswonne eine echte Gefahr für Exil-Deutsche: Wir verfallen bei dem Thema rasch in die allseits gefürchtete, allemanische Besserwisserei (“nun schaut mal Leute, WIR zeigen euch jetzt rasch wie das geht, okay…?”). Ich mühe mich derlei strikt zu vermeiden. In Sachen Wiederverwertung beiss ich mir allerdings dabei oft auf die Zunge bis die Zähne rot sind. Hilft nix, beim R-Thema komm ich mir oft vor, wie in Westfalen vor 25 Jahren (“Hömma gezz ellich, Glasscontäner…? Die sind doch viel zu laut, oder? und ürgendwie hässlich….”) Aber weil der WR Blog ja nicht Australisch geschrieben, die Gefahr als bettergerman enttarnt zu werden also gering ist, erlaub ich mir jetzt unter uns, mal eben so richtig drauf zu hauen. Anlass: ein Kriegsschiff.

 

 

Mit dem hat heute Australiens Navy nämlich wahrhaft Schiffe versenken gespielt: HMAS Adelaide, ein stattlicher Kriegskreuzer, wenngleich altersschwach, wurde mit Schlitzen versehen. Dann wurde er aus dem Hafen geschleppt, und vor Avoca nördlich von Sydney implodiert und auf dem Meerseboden abgelegt. Warum? Because they can! Wozu mühsam Stahl, Öle, Schrauben und was alles sonst noch so ein Schiff ausmacht recyclen, wenn man’s auch einfach auf dem Pazifikboden vermüllen kann? Genau, ist schließlich auch ein Super Tauchrevier der Zukunft oder? Wer weiss, wie lange es das Great Barrier Reef noch so macht, da hat man eben schon mal ein paar alternative Scuba-Paradiese….

Und jetzt zum Positiven (etwas Ausgewogenheit muss sein): Nicht alle Australier mögen den “hau wech die Sch…e”-Stil. Eine Anwohnergruppe versuchte sogar ein Jahr lang verzweifelt das Schiffeversenken vor ihrem Lieblingsstrand zu verhindern. Sie fanden das künstliche Riff zweifelhaft. Die Idee, 23 000 m2 bleihaltige Farbe via Schiffsrumpf ins Meer zu schieben kam ihnen ebenfalls etwas gestrig vor. Erfolg hatten sie und andere Umweltinitiativen nicht. 

Kurz vor der Explosion des Kriegskreuzers protestierte dann sogar noch die Tierwelt. Das war dann schon wirklich eine Spur esoterisch: Exakt um die Uhrzeit, zu der die legale Meeresbodenverschrottung geplant war, tauchte eine Delfinschar (klick für Beweise!) rund um den grauen Schiffsrumpf und verzögerte die Aktion. Leider nur ein paar Stunden. 

Weitere Positive Tendenzen: Es gibt hier und dort zarte Zeichen, dass Down Under recyclingtechnisch eines Tages im 21. Jahrhundert landen könnte: Es gibt zb schon ein paar Gegenden mit mehr als einer Mülltonnenfarbe. (Zb Bondi Beach, wie mein Hinterhoffoto, rechts, beweist). Es gibt gar Orte wie Bundanoon, das 2009 beschloss, kein Wasser in Plastik mehr zu verkaufen. Fast rührend angesichts der 600 Millionen Liter Plastikwasserflaschen das Australier – gesegnet mit erstklassigem Leitungswasser – pro Jahr kaufen… aber immerhin ein Anfang. Ein Ort in Tasmanien verpackt nicht mehr jede Banane in Plastiktüten, wie sonst allseits normal. Coles Bay ist seit Jahren tütenfreie Zone, und seltsamerweise sind nicht alle Einwohner sofort geflohen noch auf die Barrikaden gegangen, wie es Politiker für den Rest des Landes befürchten, sollte jemand eines Tages Geld für Tüterei verlangen…

Ach ja, thanks for sharing! das tat jetzt mal gut. 

Zum Dank fürs Zuhören noch was Überraschendes: Die Vorgängerin der HMAS Adelaide von 1918 wurde übrigens artig zerlegt, verschrottet und anschließend Teile des Schiffsmaterials gar wiederverwertet.

Schon seltsam, wie kluge Ideen aus der Mode kommen.  

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