KöLN, Samstag, der 6. Oktober 2007
Alois Berger

Belgien ist unverkäuflich

Gleich um die Ecke, auf dem Gemüsemarkt von St. Alix, kann man jetzt zwischen Salatgurken und Radieschen auch belgische Fahnen kaufen. Nicht so kleine, wie die Schweizer und Franzosen sie manchmal auf die Käsewürfel stecken, sondern richtig große, die man aus dem Fenster hängen kann. Genau das wird seit drei, vier Wochen auch viel gemacht, ganze Wohnblocks haben ihre Balkongeländer schwarz-gelb-rot eingekleidet. „Die Tücher gehen weg wie frische Baguette-Brötchen“, freut sich der junge Mann mit den langen Haaren, der die Fahnen verkauft. „9,95 Euro das Stück, fabrikneu eingeschweißt, absolutes Sonderangebot, im Laden kosten die das Doppelte.“

Die Wohnbezirke von Brüssel sehen derzeit aus wie Berlin während der Fußball-WM. Überall belgische Fahnen. Das ist deshalb erstaunlich, weil bei der belgischen Staatsgründung vor 177 Jahren das National-Gen ganz offensichtlich nicht mitgeliefert wurde. Belgier sind stolz auf ihre Biere, auf Schokolade, auf Fritten und auf den Chicorée, den der Brüsseler Hofgartenmeister Monsieur Bresier 1846 gezüchtet hat. Auf Belgien aber sind Belgier eher selten stolz. Als die Fussball-Nationalmannschaft bei der EM 2000 im eigenen Land vorzeitig ausschied, blieben die Devotionalienhändler auf ihren belgischen Fahnen und T-Shirts sitzen. „Belgien ist als Produkt unverkäuflich,“ stöhnte damals ein ruinierter Geschäftsmann.

Doch jetzt erinnern sich viele Belgier plötzlich an ihre Landesfarben. Das hat mit den zähen Koalitionsverhandlungen zu tun, die seit über 100 Tagen keinen Zentimeter vorwärts kommen und von einer unangenehmen Musik begleitet werden. Denn nicht nur einige Politiker, auch 40 Prozent der Flamen sind nach jüngsten Umfragen der Meinung, dass man das Land besser ganz auflösen sollte. 40 Prozent der Flamen, das ist umgerechnet auf´s ganze Land jeder vierte Belgier. Da sind dann doch viele von den anderen drei Vierteln erschrocken. Die wollen nun zeigen, dass Flamen und Wallonen mehr gemeinsam haben als Chicorée und Kartoffelstäbchen. Deshalb kann man auf dem Gemüsemarkt von St. Alix jetzt auch die belgische Fahne kaufen.

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