MüNCHEN, Donnerstag, der 24. Mai 2012
Christine Mattauch

Besuch beim Militär

Mit der US-Army verbindet mich eigentlich gar nichts. Doch als ich  erfuhr, dass es möglich ist, in die Herzkammer der nationalen Verteidigung vorzudringen, ging ich mit. Es war keine Tour für Journalisten: Die Militärakademie West Point lädt jeden zur Besichtigung ein, der gewillt ist, 13 Dollar zu zahlen. Die Formalitäten waren, gemessen an den Sicherheitskontrollen eines durchschnittlichen New Yorker Bürogebäudes, geradezu lächerlich: Ein Wachmann warf einen kurzen Blick auf meinen Personalausweis.

Dabei gibt West Point ein perfektes Feindbild für Antiimperialisten. Jährlich treten in der Ausbildungsstätte 80 Kilometer nördlich von New York rund 1300 Kadetten an und lassen sich für Führungspositionen des US-Militärs ausbilden. Gleichzeitig studieren sie Geschichte, Wirtschaft oder Ingenieurwesen. Die Ausbildung dauert vier Jahre und ist, anders als die meisten Universitäten, kostenfrei. Im Gegenzug verpflichten sich die jungen Männer und Frauen – letztere stellen rund 15 Prozent der Kadetten – zu einer mehrjährigen Karriere bei der Army. Für die meisten Deutschen wäre das wohl nicht sehr attraktiv, doch die US-Kaderschmiede ist überlaufen: Auf einen Platz kommen fast zehn Bewerbungen. Und schon das Bewerben ist gar nicht so leicht, denn man braucht eine Empfehlung eines Kongressabgeordneten oder des US-Vizepräsidenten.

Gegründet wurde die Akademie bereits 1802. Die düsteren, wie eine neugotische Trutzburg gestalteten Hauptgebäude wurden allerdings erst hundert Jahre später gebaut. Sie stehen in einem eigenartigen Kontrast zu der lieblichen Umgebung – das Gelände liegt auf einer Anhöhe am Hudson und bietet atemberaubende Panoramen.

Das Areal ist riesig: 65 Quadratkilometer. Deshalb fuhren wir auch mit dem Bus. Erster Haltepunkt war – eine Kirche. Ein neugotischer Prachtbau, in dem jeden Sonntag ein evangelischer Gottesdienst gehalten wird. „Die Teilnahme ist nicht obligatorisch, aber die meisten kommen trotzdem“, erklärte Jane, unsere Führerin. Es gibt auf dem Gelände auch eine katholische Kirche und eine Synagoge.

Überhaupt ist West Point ein ziemlich komplettes Gemeinwesen. Nicht nur die Kadetten wohnen dort, in studentenwohnheimähnlichen Baracken (jeweils zwei teilen sich eine Stube). Auch der Akademieleiter und  Lehrkräfte sind dort untergebracht, in hübschen kleinen Villen. Besucher können im luxuriösen Thayer Hotel absteigen, für 200 Dollar die Nacht. Es gibt neben den Lehrgebäuden ein Offizierskasino mit Aussicht auf den Hudson, ausgedehnte Sportfazilitäten samt Baseballstadium, und, natürlich, einen Exzerzierplatz. Straßen, Zäune, Mauern – alles ist in tiptop in Ordnung, ein krasser Gegensatz zur zivilen Infrastruktur der Vereinigten Staaten.

Drei Mal dürften wir aus dem Bus aussteigen: bei der Kirche, an einem Denkmal mit vielen Kanonen und am Exerzierplatz. Fotografieren war ausdrücklich erlaubt. Kadetten indes sahen wir nur von Ferne und vom Bus aus. Sie trugen ausnahmslos Uniform und wirkten sehr ernsthaft. Die Wirtin unseres B&B erzählte später, dass das Pensum so anstrengend ist, dass die jungen Leute nur eines wollen, wenn sie etwa wegen Elternbesuchs Ausgang erhalten: schlafen.

Die Offenheit von West Point war mir sympathisch. Was mir nicht gefiel, waren die Texte zur Militärgeschichte im hauseigenen Museum. Zum Ausbruch des amerikanischen Bürgerkriegs fand sich ein einziger Satz: „Die Ursachen waren äußerst komplex und beinhalteten verfassungsrechtliche, ökonomische, politische und moralische Themen.“ So lässt sich der Kampf gegen die Sklaverei also auch beschreiben. So verständlich es ist, dass sich das Militär scheut, politische Positionen zu beziehen – ein Bekenntnis zu bestimmten Grundwerten erwarte ich von einer Armee in einem demokratischen Staat schon.

Zum Abschluss der Tour ging ich ins Visitor Center, das einen riesigen Souvenirladen beherbergt. Ich überlegte, ob ich eine schwarze Küchenschürze mit „Army“-Aufdruck kaufen sollte, Servietten mit „Army“-Logo oder lieber einen „Army“-Regenschirm. Am Ende entschied ich mich für Socken. In Zukunft kann mir also keiner vorwerfen, dass mich nichts mit der Army verbindet. Auch wenn ich sie, streng genommen, mit den Füßen trete.

Fotos: Christine Mattauch

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