BELGRAD, Samstag, der 21. Oktober 2006
Danja Antonovic

Blogmacht

Wer in Belgrad lebt, weiß, wo die amerikanische Botschaft liegt. Im Zentrum, in der Fürst-Miloš-Straße, gut bewacht, nicht zu übersehen. Kaum einer, der in Belgrad lebt, weiß, dass sich auf der anderen Straßenseite, just gegenüber der Botschaft, eine Unterkunft für alleinstehende Männer befindet. Noch unbekannter ist, dass die Bewohner in der Kneipe „Jezero“ („Der See“), im Erdgeschoss des Hotels, gerne ihr Bierchen trinken.

Der Besitzer tauft kürzlich seine Kneipe um, nennt sie jetzt „Osama“ („Alleinsein“) und will damit betonen, daß seine Gäste die alleinstehenden Männer seines Hotels sind. Gleich beschweren sich die benachbarten US-Diplomaten bitterlich und veranlassen den Besitzer, den Namen zu ändern. Seine Erklärungen, dass die Kneipe mit Osama bin Laden nichts zu tun hat, hilft nichts. Bevor es zu ernsthaften Auseinandersetzungen kommt, kriegt die Kneipe einen neuen Namen. Soweit die Nachricht Nummer eins.

Die Nachricht Nummer zwei lautet: immer mehr Serben fahren an die (jetzt) kroatische Adria. Es passiert aber, dass Autos mit serbischen Kennzeichen an der Küste demoliert werden, und so hat ein gewisser Goran aus Belgrad einen Trick erfunden, der die Autos vor Gewalt schützt. Über den serbischen Kennzeichen werden nun – gleich nach dem Grenzübergang – kroatische angebracht, per Magnet. „Eine lohnende Angelegenheit, leider nur im Sommer“, ließ Goran verlauten.

Beide Nachrichten wurden sowohl in serbischen, kroatischen, ungarischen, chinesischen, vietnamesischen als auch in indischen Medien veröffentlicht.

Beide Nachrichten sind erlogen.Erdacht auf der Blogseite von B 92, und zwar von jungen Leuten, die sich “Illegale Zuckerbäcker” nennen und als “kulturell-künstlerische“ Gemeinschaft” bezeichnen.

Das Belgrader Magazin „Vreme“ („Die Zeit“) eröffnet die Diskussion um die Macht des Blogs und fragt: was nun. Zwei erlogene Geschichten aus Serbien haben die Welt erreicht, ohne irgendwelche Konsequenzen. Die Journalisten haben gezeigt, dass sie leicht in die Unprofessionalität abgleiten können. Alles in allem nichts neues und nichts besonderes. “Vreme” fragt, was aber, wenn es sich um eine Nachricht handelt, die tatsächlich ernsthafte Konsequenzen hat?

Und einer der Zuckerbäcker erklärt das Entstehen dieser Nachrichten so: “Jeder weiß, dass das, was in den Medien steht, zu 90% nicht wahr ist. Weil Medien eher eine Waffe der Macht sind, als eine Informationsquelle”.

Waffe hin und Information her, Tatsache ist, die Zeit der Unschuld ist vorbei. Die mediale Macht der Blogs schreitet voran, Zuckerbäcker haben erneut zugeschlagen, der Blog vom B92 hat in diesem Monat fast 400.000 Besucher gezählt.

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