BELGRAD, Sonntag, der 30. Juli 2006
Danja Antonovic

Burgfräulein vom Belgrader Hof, Internet und andere Kalamitäten

Das ist das Burgfräulein vom Belgrader Hof, einige Wochen alt, gerade gerettet. Es war November, ich führte meine tägliche Katzenfütterung im Hof durch, die streunende Katzenmeute in Warteposition, drapiert auf den Flachdächern der Nachbarnhäuser. Es miaute kläglich aus einem der Keller. Ein schwarzes Etwas suchte lautstark nach Zuwendung. Milena sagte: „Das hier überlebt den Winter nicht“.

„Das hier“ war gerade eine Handvoll, kam sofort in die warme Wohnung in den vierten Stock, ist heute drei Jahre alt und kämpft gerade mit dem Neuzugang aus Hamburg.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Der hier nicht abgebildete Laptop, der neben dem Drucker steht, soll mich, per Internet, mit dem Planeten Erde verbinden. Dafür brauche ich einen Provider und solche heißen in Belgrad EUNET, SEZAM PRO oder IKOM. Ich bin (noch) eine Prepaid-Nutzerin, zahle ein, wenn Bedarf, und darf meine Stunden absurfen. Surfen? Stark übertrieben. Denn mit 56Kb bin ich eher auf der langsamen Seite des Lebens.

Von einem ADSL träume ich seit Jahren. Keine Chance, die meisten Anschlüsse in Serbien sind analog. Vor zwei Jahren stelle ich einen Antrag auf eine ISDN-Leitung und darf warten. Nach zwei Jahren, ohne jemanden geschmiert zu haben, ist ISDN im Haus. Es ist noch immer mühsam, die Leitung bricht alle paar Minuten zusammen, aber immerhin habe ich jetzt 128Kb zur Verfügung.

Mittlerweile und mit deutscher Hilfe wird das Netz auf digital umgestellt, die flat rate und ADSL sind jetzt bezahlbar. Ich stelle einen Antrag, prompt wird geprüft, ob die technischen Möglichkeiten vorhanden sind. Ja, sie sind vorhanden, in den nächsten Tagen ist der Splitter da. Sagen sie. Seit sechs Monaten ist der Splitter nicht da. Es fehlt ein „Port“. Und für ISDN-Anschlüsse gibt es keine freien „Ports“. Hätte ich noch den analogen Anschluß, wäre ich schon längst dabei. Also warte ich noch immer und werde demnächst schmieren müssen.

Ortswechsel.

Meine Provider in Hamburg heißen AOL und „1+1“. Bei AOL nutze ich den Journalistenrabatt und surfe meine 20 Stunden umsonst, bei „1+1“ zahle ich den Splitter und die ADSL-Leitung. Nun ist meine Lebensmitte in Belgrad und ich will den schnellen Provider in Hamburg per E-Mail kündigen. Ja, kündigen darf ich, um mich zu identifizieren, soll ich eine „0800-Nummer“ anrufen. Das aber geht von Belgrad aus nicht, also, fliegen die Mails hin und her, am Ende stimmt der Provider gnädig zu: ein Brief würde reichen. Aber: der nächstmögliche Termin ist in sieben Monaten. Beschweren hilft nicht, und so werde ich bis März jeden Monat 22 Euro für eine ungenutzte Leitung löhnen.So nerven die Herren der globalen Datenautobahn an allen Ecken: Die Belgrader lassen mich nicht hinein, die Deutschen wollen mich nicht entlassen.

Das Hoffräulein macht das Leben wieder hell. Jetzt hat sie die Spülmaschine entdeckt. Wenn die Tür offen ist, bewegt sie stundenlang mit Hingabe den Wasserstrahlarm, nach links und nach rechts und dann von vorne.

Mit dem Hamburger Neuzugang, zwei Stück Katze, geht es weniger spielerisch zu. Die „Deutschen“ haben die Zimmer vereinnahmt, das Belgrader Waisenkind nennt die Küche und den Balkon sein eigen.Milena redet schon von „Serbien und Montenegro“. Nur das Fressen verwischt die Grenzen, ein Waffenstillstand für kurze Zeit, danach geht das Gekeife wieder los.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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