NEU-DELHI, Montag, der 7. August 2006
Britta Petersen

Burn Brothel burn!

Die Financial Times Deutschland erhielt neulich eine Reihe von Beschwerden aus den USA nachdem sie einen Kommentar aus meiner Feder veröffentlich hatte, der darauf hinwies, dass der Massenbetrieb von Bordellen in Kabul bei der Bevölkerung für Unmut sorgt.

Diese werden nämlich nicht von Afghanen unterhalten und frequentiert, sondern von amerikanischen Söldnern, die sich mit viel Alkohol und chinesischen Prostituierten die Zeit am Hindukusch versüßen.

Für all jene Leser, die der Meinung sind, dass Amerikaner niemals Bordelle betreiben oder besuchen würden, aber auch für alle, die am Alltag in Afghanistan interessiert sind, erzähle ich deshalb diese Geschichte, die in meinem Kommentar nicht näher ausgeführt werden konnte.

Ich war Nachbarin jenes Bordells, das bei den Unruhen am 29. Mai dieses Jahres in Kabul bis auf die Grundmauern niedergebrannt wurde.

Als ich letzte Woche wieder einmal in meiner alten Wohnung in Kabul war, hörte ich nach Sonnenuntergang plötzlich haarsträubende Schreie. Und da es zu den Erfahrungen des Lebens in einem Krisengebiet gehört, nicht an das nahe Liegende zu glauben, dache ich zunächst, dass dort ein Kind gequält würde. Ich ging zum Fenster und sah die schwarze Ruine dessen, was einmal das Nachbarhaus gewesen war. Irgendjemand hatte mitten in der Asche eine rot leuchtende Glühbirne platziert. Sie und das nicht enden wollende Gejaule ließen mich zum ersten Mal seit langem wieder an die Gespenster-Geschichten denken, die ich in meiner Kindheit vorzugsweise nachts unter der Bettdecke verschlugen hatte.

Aber es waren dort nur zwei Katzen beim Liebesspiel. Sie werden auf absehbare Zeit die Letzten sein, die an diesem Ort von der Öffentlichkeit nicht unbemerkt vögeln können. Der Besitzer des zerstörten Hauses hat bereits angekündigt, dass er ein Business Center dort bauen will, nachdem er jahrelang Schulter zuckend erklärt hatte, dass niemand ihm eine so hohe Mieten zahlen könne, wie die amerikanischen Bordellbetreiber. Aber wie jeder Spekulant weiß: Hohe Renditen lassen sich nur mit einem hohen Risiko erzielen.

Auf die Gefahr hin, altklug zu wirken: Ich habe darauf immer hingewiesen. Sicher, vor allem aus Eigeninteresse, aber immerhin. Ein Jahr lang habe ich neben diesem Bordell gewohnt. Mein Schlafzimmerfester direkt auf der anderen Seite der Mauer, die unser Kulturzentrum von dieser ebenfalls kulturellen Einrichtung trennt. Jede Nacht laute Discomusik. Ein Jahr lang konnte ich nur mit Ohrenstöpseln schlafen. Statt Schäfchen zählte ich Huren. Zwölf war die Höchstzahl. Alles Chinesinnen, die Kunden Amerikaner. Vielleicht waren auch andere Nationalitäten dabei, aber die haben dann nicht so laut herumgebrüllt.

Das Wort „Chinesin“ ist im Bewusstsein der Kabuler Bevölkerung inzwischen zu einer Art Synonym für „Prostituierte“ geworden. Ich hoffe, dass jetzt keine Beschwerden aus Peking kommen. Ich weiß, dass die meisten Frauen in China anständig sind und hart arbeiten. Bitte, ich beschreibe nur die Wirklichkeit, ich bin nicht für sie verantwortlich. Jeder US-Bürger, der an der Existenz dieser Art von Bordellen in Kabul zweifelt, darf gern einen Blick aus dem Schlafzimmerfenster werfen. Ich kann das arrangieren, auch wenn ich jetzt in Delhi lebe.

Als ich noch in Kabul wohnte, hatte ich eher daran gedacht, das strategisch günstig gelegene Fenster einem netten Islamisten zur Verfügung zu stellen. Man hätte von dort wirklich zielsicher eine Bombe werfen und dann schnell und unverdächtig wieder das Weite suchen können. Aber nach all den Do-no-harm Workshops und zivilgesellschaftlichen Initiativen zur gewaltfreien Konfliktlösung habe ich es dann doch vorgezogen, mir nach einem Jahr zermürbendem Streits eine andere Wohnung zu suchen.

Eine Nacht ist mir noch immer in düsterer Erinnerung. Ich hörte plötzlich Schüsse. „Verdammt nah dran“, dachte ich, und schlich mich seitlich zu dem Fenster, das Milchglasscheiben hatte, weil zumindest mein eigenes Schlafzimmer nicht zum Ort öffentlichen Ärgernisses werden sollte. Ich öffnete einen Spalt. Was ich sah, verschlug mir den Atem. Gut gelaunte Amerikaner standen da mit Gewehren in der einen und Bierdose in der anderen Hand im Garten und feuerten in die Luft.

Mir wurde bewusst, dass die bloß ihr Gewehr ein bisschen schräg halten brauchten, um mitten durch mein Fenster zu schießen. Ich legte mich flach auf mein Bett und wartete, bis der Spuk vorbei war.

Der letzte große Streit war weniger gefährlich als unerfreulich. Es war wie immer mitten in der Nacht. Trotz Oropax konnte ich nicht schlafen, weil die Bässe aus der Anlage so wummerten. Ich hatte am nächsten morgen wichtige Termine. Ich war wütend und riss das Fenster auf. Einem Gast im Garten rief ich zu, ich wolle den Betreiber sprechen. Es kam einer der Amerikaner, mit denen ich mich schon öfters über die Lautstärke der Musik gestritten habe. Ich schrie ihn an, er solle endlich die Musik leiser machen. Dies sei eine Wohngegend und er gefährde das Leben der Anwohner, weil sein Lokal früher oder später zum Ziel von Islamisten werden würde.

Er bellte, dass ihn meine Meinung nicht interessiere. Empört warf ich das Fenster zu. Doch die Genugtuung, meine Wut heraus gelassen zu haben dauerte keine Sekunde. Die Scheibe zerbrach und klirrte in Scherben zu Boden – noch nicht einmal in den Nachbargarten, sondern in mein eigenes Zimmer. Nun war ich nicht nur der Musik sondern auch der herbstlichen Kälte schutzlos ausgeliefert.

Es musste etwas geschehen. Am nächsten Tag griff ich zum Telefon und rief den stellvertretenden afghanischen Innenminister an. Ein Bekannter von mir. Wie der Innenminister selbst hatte er lange in den USA gelebt. Er freute sich über meinen Anruf: „Wir planen seit längerem, gegen die Bordelle vorzugehen.“ Schon am nächsten Tag war Ruhe im Nachbarhaus, die Polizei hatte den Laden geschlossen. Ich konnte es kaum glauben. So effektiv hatte ich mir das afghanische Innenministerium nicht vorgestellt.

Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Drei Tage später machte der Laden wieder auf: neuer Name, altes Spiel. Nur ein Schild an der Tür wies das Etablissement jetzt als Privatclub aus, nur für Mitglieder, Zugang für Afghanen verboten. Hatte etwa jemand daran gezweifelt, dass die afghanische Regierung in Afghanistan nichts zu sagen hat?

Ich gab auf. Zermürbt von schlaflosen Nächten und beunruhigt über die Sicherheit zog ich um. Eineinhalb Jahre später sollte ein aufgebrachter Mob das Haus abfackeln. Ich war am 29. Mai in Delhi, aber unsere Mitarbeiter erzählten mir am Telefon, dass die verängstigten Prostituierten in unseren Garten geflohen waren. Die Polizei suchte später die Whiskyvorräte zusammen. Von den Betreibern ließ sich niemand blicken.

Ja, ich gestehe, dass mich beim Hören der Nachricht eine klammheimliche Freude überkam. Aber ich fürchte, das wird nicht anders werden als mit der Fensterscheibe: Am Ende fällt uns alles auf die Füße.

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