WIEN, Samstag, der 26. September 2009
Hilja Müller

Bye Bye Bicycle!

Gerade habe ich sie gesehen. Wie die in Tokio allgegenwärtigen Krähen sich auf den Müll stürzen, so haben es diese Männer auf Fahrräder abgesehen. Der Tatort: eine Straßenecke im hippen Stadtteil Shibuya. Im unauffälligen Kleinlaster fahren drei Männer vor, schnappen sich alle hier abgestellten Räder und hieven sie auf die Ladefläche. Passanten lassen sich von dem Vorgang nicht irritieren –  der Radklau ist legal. Wer seinen Drahtesel hier länger als eine Stunde auf öffentlichen Plätzen oder Gehwegen stehen lässt, muss damit rechnen, dass dieser mit offizieller Genehmigung abtransportiert wird.

 Das hat mir der nette Mann im Bikedepot erklärt, wo ich vor zwei Wochen mein entführtes Rad gegen Zahlung von 2000 Yen, etwa 15 Euro, auslösen durfte. Als gerade Zugezogene hatte ich keine Ahnung, dass man sein Rad nicht einfach überall abstellen darf. Und so fand ich nach getätigtem Großeinkauf statt meines “Mama Chari”, wie die mit voluminösen Körben ausgestatteten Fahrräder hier heißen, lediglich einen Zettel vor. Mit Klebeband war er auf dem Gehweg befestigt und verkündete auf Japanisch, dass mein fahrbarer Untersatz nur gegen Zahlung von Lösegeld  wieder mir gehören würde.

Zu verstehen ist das alles nicht so richtig. Hatte nicht Japans neuer Ministerpräsident Yukio Hatoyama gleich nach seinem Wahlsieg Ende August ehrgeizige Klimaschutzziele  angekündigt? Die Industrienation werde 2020 um 25 Prozent weniger Treibhausgase produzieren als 1990, versprach Hatoyama. Eigentlich müsste Japans neuer starker Mann doch jedem dankbar sein, der statt mit Autoabgasen die Luft zu verpesten lieber in die Pedalen tritt.

 Was ohnehin im Trend liegt, glaubt man dem Stadtmagazin “tokyojournal”.  In seiner Sommerausgabe titelt das Heft “Bike Boom in Japan” und widmet dem Thema elf Seiten. Tatsächlich sind auf Tokios Straßen und Gehwegen (für Radwege ist im engen Tokio kein Platz) alle Spielarten von Rädern unterwegs, vom U-Bahn geeigneten Klapprad über angesagte Single Speed Bikes bis hin zu den unzähligen behäbigen “Mama Charis”. Und die Nachfrage steigt: Ein großes Kaufhaus hat gerade die Pflanzenabteilung in ein oberes Stockwerk verbannt, um im Erdgeschoss die zweirädrigen Verkaufsschlager anbieten zu können. Kein Wunder, steht man im Auto doch ohnehin im Stau. Und in der vollgepackten U-Bahn holt man sich nur das Schweinegrippe-Virus.

Aber was nutzt das alles, wenn man sein Rad zwar fahren, aber nicht sicher abstellen kann? Ich habe meine Lehre gezogen und halte mich momentan brav an die Ein-Stunden-Parkzeit, was dann doch etwas Gutes hat. Mein Einkäufe beschränken sich auf das Nötigste. Ausgedehntes Bummeln Shoppen mit Ausgaben auf extravagantem Tokioter Preisniveau fällt flach. Radfahren ist eben doch eine preiswerte Art sich fortzubewegen.

 

     

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