TOULOUSE, Mittwoch, der 22. August 2012
Birgit Kaspar

“Canicule” auf dem Dorf

Der Aufmacher der Abendnachrichten im französischen Fernsehen ist seit Tagen „la canicule“ – die Hitzewelle. Sie ist selbst in den „Kleinen Pyrenäen“ – einem Vorgebirge der richtigen Pyrenäen – kaum zu ertragen. Nicht einmal die Vögel singen mehr tagsüber. Nur die Eidechsen sonnen sich noch auf heißen Steinen. Die Menschen hingegen haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, Türen und Fenster fest verschlossen, auf der Südseite sogar die hölzernen Fensterläden. Die etwa 60 Zentimeter dicken Wände der alten Steinhäuser sorgen dafür, dass es drinnen mit 23 Grad noch angenehm kühl bleibt. Um die 38 Grad selbst auf 4 – 500 Metern Höhe sind draußen keine Seltenheit. Da kommt dann wirklich jegliche Aktivität zum Erliegen. Das will was heißen, wo doch im Hochsommer ohnehin das sprichwörtliche Schneckentempo, in dem die Dinge hier normalerweise vor sich gehen, bis zu einem Punkt reduziert wird, an dem für Außenstehende Bewegung eigentlich gar nicht mehr erkennbar ist.

So wurde beispielsweise das Tempo des Verlegens neuer Wasserrohre im Unterdorf von Belloc Anfang August einen Gang runter geschaltet. Das bedeutet, die Baugruben am Rande der Straße sind weiterhin offen und mit Warnschildern markiert, die neuen Wasserrohre liegen Krokodilen auf der Lauer gleich, erwartungsvoll in den benachbarten Feldern, aber die Bauarbeiter des „Syndicat des Eaux“ wurden seither nicht mehr gesehen. Ich bin sicher, hinter den Kulissen gibt es noch großartige Pläne und sehr viel guten Willen. Auch wenn sich die Mitarbeiter der lokalen Wasserbehörde in ihrem wohlverdienten Urlaub befinden sollten, denken sie sicher manches Mal wehmütig an die offenen Erdgruben in Belloc. Insofern ist das Projekt nicht tot. Aber erkennbar passiert gerade sehr wenig. Bis gar nichts. Doch regt sich auch kein Protest in Belloc angesichts des unvollendeten Werks. Die Zuversicht ist groß, dass die Arbeit irgendwann wieder aufgenommen wird und wir dann endlich neue Wasserrohre bekommen, so dass die leidigen und häufigen Rohrbrüche eines schönen Tages ein Ende haben werden.

Diese Hoffnung jedenfalls teilen die Belloquois miteinander, wenn die Zeit des intensiven Austausches kommt. Das ist in diesen Tagen in der Regel zwischen 21 und 23 Uhr. Wenn die Sonne rot hinter den Pyrenäen versinkt und den Himmel in die kitschigsten Farben kleidet, vor dem sich dann nur noch die Berggipfel dunkel abheben. Wenn die Bäume und Felder tief durchatmen, die Kühe und Schafe die Energie zum Grasfressen wiederentdecken. Wenn die Vögel beginnen zu zwitschern und die Fledermäuse ihren hektischen Abendtanz aufnehmen. Dann kommen die Bürger von Belloc aus ihren Häusern und flanieren auf der einzigen einspurigen Straße, die durch das Dorf führt vom Unterdorf ins Oberdorf und umgekehrt. Denn die lockere Ansammlung von Häusern dieses „Lieu dit Belloc“ (wörtlich übersetzt heißt das so viel wie „der Ort, den man Belloc nennt” und bezeichnet in Frankreich einen Weiler) zieht sich über gut 2 Kilometer Länge, auch wenn hier statistisch gesehen nur 36 Leute permanent leben.

Wir reihen uns ein in diese lockere Abfolge langsam vorwärts strebender Gestalten, die immer wieder zu einem Schwätzchen im Halbdunkel stehen bleiben. Marion kommt uns mit ihrem Enkel aus Toulouse auf dem Fahrrad entgegen. „Den Jungen muss man ein wenig trainieren“, sagt sie lachend. „In Toulouse gibt es ja keine Berge.“ Im Trainingscamp bei der Oma. Als Belohnung wird der kleine Marc ausgezeichnet bekocht. Denn die Oma pflegt nicht nur einen beeindruckenden Gemüsegarten, sie stellt auch ihre Rezepte ins Internet. Traditionelle regionale Küche, häufig mit raffiniertem armenischen Akzent, denn Marion hat armenische Wurzeln. Ein Familienprojekt, erläutert sie, „Ich serviere das Gericht schön dekoriert auf dem Tisch. Aber mein Mann darf erst essen, nachdem er es fotografiert hat und verspricht, das Bild hinterher ins Netz zu stellen.“ Emanzipation auf Belloquois. Marion grinst. „Ich sollte wohl lernen, das selber zu tun, um unabhängiger zu sein. Kann eigentlich so schwer nicht sein, oder?“

Inzwischen sind Marianne und Jean zu uns gestoßen. Jean trägt einen abgegriffenen, hölzernen Wanderstock in der Hand, auf den er sich stützt. Nicht weil er besonders gebrechlich wäre, mehr aus Gewohnheit. Die beiden ausgesprochen fitten Rentner machen sich fast jeden Abend auf den Weg zu einer verwitterten Holzbank unter einem alten Baum im Oberdorf, dem Treffpunkt einer Gruppe Alteingesessener. Doch heute sind sie ziellos. Denn den Kontakt mit den Freunden aus Haut-Belloc scheuen sie in diesen Tagen. „Einige haben Flöhe als Andenken von einer Reise zu Verwandten am Mittelmeer mitgebracht. Die sollen sie mal schön für sich behalten“, sagt Jean. Die Flohbank wird seither gemieden.

Früher gehörten Flöhe zum Alltag in Belloc. Die Tierzucht habe das mit sich gebracht und überhaupt seien die hygienischen Verhältnisse nicht vergleichbar gewesen. Wir lernen, dass es Flöhe gibt, die auf Tiere und Menschen spezialisiert sind, aber auch solche, die sich im Parkett und in den Dachstühlen einnisten. Letztere sind angeblich die harmlosesten. Wie beruhigend.

Nach einigen netten Flohgeschichten aus der guten alten Zeit wechselt das Gespräch nahtlos zu einem bedeutenderen, aktuellen Problem: den Aoȗtats. Zu deutsch: Herbstgrasmilben. Dazu kann jeder eine Geschichte beitragen, denn mit denen haben hier im Spätsommer alle zu kämpfen. Die gemeinen, winzigen Aoȗtats sitzen im feuchten Gras und warten nur darauf, dass ein Tier oder ein Mensch mit nackten Beinen vorbeikommt, um sich auf deren Haut vorübergehend einzunisten. Es sind die  Larven, die sich in die Haut reinbeissen und von ihr ernähren, bis sie nach einigen Tagen wieder abfallen. Und das juckt wie verrückt. Was tun? Marianne, eine ehemalige Apothekerin, winkt ab: „All die tollen Salben, die man in der Pharmacie bekommt, nutzen nicht viel. Das ist Unsinn.“ Man müsse sich einfach beherrschen und sich die Haut nicht auch noch aufkratzen. Voilà. Erstaunliche Worte. Wo die Franzosen doch bekanntlich für alles und jedes in die Pharmacie pilgern, um ein kleines Mittelchen zu erstehen, das ihre Beschwerden lindern könnte. Ich kenne kaum ein Land, das eine ähnliche Apothekendichte aufweist wie Frankreich. Aber das ist ein anderes Thema.

Denn nun kommt mein großer Auftritt an diesem Abend: „Geschwefelte Seife hilf”, werfe ich ein. “Schreckt die Milben ab, lindert aber auch den Juckreiz.“ Von diesem Hausmittel haben die Belloquois noch nicht gehört. Sie sind beeindruckt. Dass ausgerechnet eine Deutsche mit diesem Tipp aufwarten kann! Ich verschweige nicht, dass dieser Hinweis von einer französischen Freundin aus dem Béarn, weiter westlich in den Pyrenäen, stammt. Ein Hauch von Erleichterung huscht über die Gesichter: Na dann wird es wahrscheinlich stimmen! Da ich nun schon mal das Wort ergriffen habe, nutze ich die Gelegenheit, mich nach dem Schicksal der neuen Wasserrohre für Belloc zu erkundigen. Denn diese abendlichen Spaziergänge sind eine wichtige Informationsbörse. „Keine Sorge“, beruhigt mich Jean. „Zu gegebener Zeit kommen die Wasserarbeiter sicher wieder und setzen ihre Arbeit fort. Im Augenblick ist es doch ohnehin für alles zu heiß!“ Das leuchtet natürlich ein.

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