JOGJAKARTA, Freitag, der 21. Juli 2006
Christina Schott

Chronik einer Katastrophe

Schon wieder hat die Erde in Indonesien gebebt. Diesmal 240 Kilometer südlich von Westjava am Montag, den 17. Juli 2006, um 15.19 Uhr. Um 16 Uhr – ich saß gerade mitten in einer Besprechung in einem einstöckigen Privathaus im zentraljavanischen Yogyakarta und hatte von dem Beben überhaupt nichts gespürt – erhielt ich den ersten Anruf aus Deutschland: „Können Sie uns Details über die neue Katastrophe berichten? Stimmt es, dass es einen Tsunami gab?“

Wie schon so oft, hatte ich von einer Katastrophe nur wenige hundert Kilometer vor meiner Haustür, über die Redaktionen in Deutschland erfahren. Die Newsticker der internationalen Agenturen kommen in der Regel dort schneller an, als die Nachrichtenmeldungen der indonesischen Medien bei der eigenen Bevölkerung.

Leider galt das in diesem Fall auch für die internationale Tsunami-Warnung des Pacific Tsunami Warning Center in Hawaii, das die indonesischen Behörden mindestens eine halbe Stunde vor der drohenden Todeswelle an der Südküste Javas gewarnt hatte. Die hielt die Befürchtungen jedoch für übertrieben und gab die Warnung nicht weiter. Die Bevölkerung an den Stränden Westjavas wurde daher vom Indischen Ozean völlig ungewarnt überrollt.

Während ich mich ans Telefon stürzte, um bei Bekannten aus der betroffenen Gegend mehr über die aktuelle Situation vor Ort herauszufinden, telefonierte der indonesische Nachrichtensender Metro-TV mit panischen Einwohnern aus den bedrohten Orten, die genauso wenig Ahnung hatten, was direkt an der Küste vor sich ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Tsunami-Wellen die Strände von Pangandaran, Batukeras und anderen Fischerorten bereits platt gewalzt und Hunderte Menschen mit sich in den Tod gerissen. Selbst mein Lieblingsstrand, nur 30 Kilometer von Yogyakarta entfernt, wurde von der Riesenwelle verwüstet – und keiner hier hatte etwas davon mitbekommen.

In Europa dagegen waren bereits die ersten Satellitenbilder zu sehen. In den kommenden Stunden fragten vier verschiedene Fernseh- und Radiostationen aus Deutschland Telefonschalten an, zwei Tageszeitungen wollten Berichte. Dabei ging es weniger um die neuesten Informationen – die waren ja schon längst in Hamburg, Berlin oder Wiesbaden angekommen – als um das Bild einer „Expertin vor Ort“. Am nächsten Tag, während an der javanischen Küste die Suche nach Überlebenden weiterging, spekulierten die deutschen Medien über die technischen Details des von Deutschland entwickelten Tsunami-Frühwarnsystems. Etwas zur gleichen Zeit trafen in den abgelegeneren Fischerdörfern die ersten Ambulanzen ein.

Drei Tage später, als die Zahl der Toten nicht mehr stündlich stieg und die ersten Touristen aus der Katastrophengegend in Yogyakarta und Jakarta eintrafen, war der Tsunami in Deutschland bereits kein Thema mehr. „Vielen Dank und bis zur nächsten Katastrophe“, flötete ein Redakteur durchs Telefon. Mehr über Seebeben in Indonesien: www.bmg.go.id

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