CHRISTCHURCH, Mittwoch, der 1. Juni 2011
Anke Richter

Dank Rachel: Ein Hauch von Wellywood

Während die Deutschen wacker gegen Atomkraft protestieren, haben wir in unserer nuklearfreien Zone ganz andere Übel zu bekämpfen. Kiwis gehen gegen die Verstrahlung durch Glanz und Glamour auf die Barrikaden. Geschlossen stemmen wir uns gegen das größte Übel, das jenseits der Kernspaltung den Südpazifik bedroht: das Showbusiness. Die dort haben  Fukushima – wir haben Rachel Hunter. Und dann droht uns noch Wellywood. Der Super-Gau.

Es begann mit Prinz William und später Russell Crowe, die das zerstörte Christchurch besuchten und ihr Beileid aussprachen. Schön und gut. Soll doch jeder auf der Welt sehen, was wir hier durchmachen. Doch dann kam „uns Rachel“. Die hatte einst Rod Stewart geheiratet, war dann Supermodel (oder umgekehrt?), wurde geschieden und deutlich dicker (oder umgekehrt). All das sah man ihr nach. Viele Promis hat Neuseeland schließlich nicht zu bieten. Dass Hunter jetzt Ramschmode entwirft: auch verziehen. Es macht sie schließlich „eine von uns“. Nicht abgehoben wie die da in Hollywood.

Aber dass sie sich in Schutzhelm und Neon-Weste vor den Trümmern der halb eingestürzten Kathedrale Christchurchs filmen ließ, um Spenden im Rahmen eines Telethons anzukurbeln – das war zu viel des Guten.  Zugegeben, die Rettungskluft stand Rachel gut. Betroffen fixierten ihre großen Augen das Chaos. Man sah förmlich hinter der hübschen Stirn den berühmte Satz aus ihrer Shampoo-Werbung aufsteigen: “It won’t happen overnight, but it will happen“ (Es wird nicht über Nacht passieren, aber es wird passieren).

Was meine Stadt diesem Auftritt nicht verzieh: Rachel durfte mit Ausnahmegenehmigung in die „red zone“. Die rote Zone ist die noch immer komplett vom Militär abgeriegelte, da gefährliche Innenstadt. Eine ausgestorbene Parallelwelt der Ratten, der Mauerreste, der klaffenden Lücken. Seit Wochen fordern immer mehr Bürger, endlich dort hinein gelassen zu werden, um sich selber ein Bild von der Verwüstung zu machen. Das sei wichtig für den Heilungsprozess. So wie man sich von einer aufgebahrten Leiche verabschiedet, bevor sie in der Gruft verschwindet. Volkes Zorn und Trauma machen sich seit Tagen in Leserbriefen Luft. Was glauben diese Promis eigentlich, wer sie sind? Warum dürfen die sich am Elend weiden und wir nicht?

Aufruhr überall: In Wellington protestierten sie derweil mit Hupkonzert und Autoblockade am Flughafen.  Dort soll ein „Wellywood“-Schild in den Hügeln errichtet werden, um jeden Hauptstadtbesucher bei der Ankunft daran zu erinnern, dass hier einst „Herr der Ringe“ entstand. Und „Avatar“ bearbeitet wurde. Und vielleicht Rachel Hunter irgendwann die Rolle in einem Katastrophen-Movie übernimmt, wenn die Bevölkerung nicht wachsam ist.  Hollywood billig kopieren – das sei der Untergang der kiwianischen Kultur, entsetzten sich die Demonstranten. Warum nicht gleich Plastikpyramiden und ein Mini-Eiffelturm in den Ankunftshallen von Aotearoa? Die Aufständischen sollten sich lieber um Christchurch sorgen. Nächste Woche schaut bei uns der Dalai Lama vorbei.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE