MOSKAU, Samstag, der 16. August 2008
Stefan Scholl

Das viel kleinere Übel. Russland interveniert in Georgien

 

„Hat der russische Bär sich wieder von seiner Kette losgerissen?“, diese Frage hörte ich in den letzten Tagen immer wieder von deutschen Redakteuren. Und immer wieder vergleichen die Kollegen in der Heimat die russische Intervention in Georgien mit dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968. Obwohl inzwischen auch amerikanische Experten konstatieren, dass Georgien die Feindseligkeiten mit einem massiven und von langer Hand geplanten Überraschungsangriff auf die Separatistenprovinz Südossetien begann. ( Paul J. Saunders in der „Washington Post“)

 Aber wenn der Kreml Truppen losschickt, ist es der erste Reflex hierzulande, ihm das Schild „Aggressor“ um den Hals zu hängen, seine G8-Mitgliedschaft, seinen WTO-Beitritt und die Winterolympiade in Sotschi in Diskussion zu stellen. Klar, Putin ist kein Demokrat, die Propaganda seiner Staatsmedien auch diesmal zum Kotzen, selbst moskowitische Touristen benehmen sich überall daneben. Aber auch wenn noch immer russische Panzer durch Georgien kurven, diese Intervention entwickelt sich weniger blutig, als, das, was die Nato 1999 zur Rettung einer anderen Separatistenprovinz, nämlich des Kosovos, auf serbischem Staatsgebiet veranstalteten. Vom Irak ganz zu schweigen.

 Jetzt beklagt die Weltpresse hunderte Tote und zehntausende Flüchtlinge. Die Mehrzahl von ihnen wurden Opfer der georgischen Attacken auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali. Aber das bleibt meistens unerwähnt. Und niemand stellt sich die Frage, was passiert wäre, wenn der russische Bär sich in Südossetien nicht auf die Hinterbeine gestellt hätte.

Dann hätten die Georgier nach weiteren heftigen Kämpfen Zchinwali erobert. Gelitten hätte darunter vor allem die Zivilbevölkerung. Aber damit wäre das Unheil erst losgegangen. Freiwillige aus Nordossetien, aber auch aus Tschetschenien oder Abchasien wären über die russische Grenze ihren südossetischen Brüdern zur Hilfe geeilt. Hitzköpfige Kosaken, aber auch Gewalttouristen aus ganz Russland hätten sich ihnen angeschlossen. Während auf der georgischen Seite nicht weniger Blut lechzende Abenteurer und Söldner aus der Ukraine aufgetaucht wären.

So wie bei den georgisch-kaukasischen Waffengängen in den 90iger Jahren hätten sich beide Seiten einen erbitterten Kleinkrieg geliefert. Der wäre nach den regionalen Sitten wie damals schnell in Gemetzel an Gefangenen und hilflosen Zivilisten ausgeartet. Und in noch brutalere Vergeltungsgreuel. Und wie damals wäre dieser kaukasische Blutrachekrieg auch auf die andere Rebellenrepublik in Georgien, Abchasien, übergesprungen. Im Falle eines georgischen Sieges hätten vor allem dort ethnische Säuberungen mit hunderttausenden von Flüchtlingen gedroht. Im Falle eines Sieges der Separatisten wären die letzten georgischen Dörfer in Südossetien ebenfalls kaum einer ethnischen Säuberung entgangen. Die westliche Öffentlichkeit hätte über dieses ferne, schwer zu begreifenden Vertreiben, Töten und Sterben geseufzt – erst vor Mitgefühl, dann vor Langeweile. So wie sie das Suchumi aber auch das Sarajewo der Neunziger Jahre vergessen hat, zwei durchaus vergleichbare Schlachtfelder. Russland selbst aber hätte sich tausende siegesbewußter, bewaffneter, Kriegs erprobter Tschetschenen, Tscherkessen und Dagestanern gegenüber gesehen, die nun die Idee von blutigem Selbstbestimmungsrecht in die russischen Kaukasusrepubliken zurückgetragen hätte. Wie in jenen Neunzigern die tschetschenischen Rebellen, die ihre Feuertaufe im ersten Abchasienkrieg gegen die Georgier erlebten.

Um in den Indikativ zurückzukehren: Wenn schon kein Segen, so war es doch das viel kleinere Übel für die Region, dass Moskau seine Armee nach Georgien geschickt hat. Und Europa sollte sich gut überlegen, ob es sich künftige Natopartner wirklich in Gegenden suchen muss, deren politische Kultur erstens von kriegerischen Ehrgesetzen aus dem politischen Mittelalter geprägt ist. Und die zweitens für Russlands Sicherheit einen wunden Punkt darstellen.

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