portrait kerstin zilmLOS ANGELES, Montag, der 10. September 2012
Kerstin Zilm

DDR-Sexualkunde im L.A.-Wende Museum

Ein wenig seltsam war mir schon zu Mute als ich mit Justin Jampol, Direktor des Wende Museums, auf den Computerbildschirm starrte, wo sich ein nacktes Paar begleitet von erotischer Musik sinnlich abtastete, näher und näher kam. Der Historiker hatte mir begeistert von Filmen aus der DDR erzählt, die sein Museum dank einer Finanzspritze des Institutes of Museum and Library nun katalogisieren, digitalisieren und im Internet veröffentlichen kann. Er führte mich in die Lagerhalle seines Museums, in dem über 70 tausend Gegenstände und Zeugnissen aus dem ehemaligen Ostblock lagern und schaltete den Computer ein. Die lasziven Szenen auf dem Bildschirm sind das Intro eines Films über Aids aus dem Jahr 1989, produziert im Auftrag des Hygienemuseums von Dresden. Bevor es peinlich werden konnte, kam zum Glück ein Filmschnitt: in einen Tanzclub zur Umfrage über Aids – was wissen die Clubgänger, benutzen sie Kondome, gehen sie fremd, denken sie nach über den Virus? “Das meine ich!” rief Jampol. “Das ist doch unglaublich! Während wir in den USA heute noch diskutieren, ob Sexualkunde in Klassenzimmer gehört, gab es in der DDR vor über zwanzig Jahren schon diese Aufklärungsfilme! Das müssen die Leute doch wissen: der Staat war politisch repressiv aber auf anderen Ebenen sehr progressiv!”

Dieser Film gehört zur audiovisuellen Sammlung des Wende Museums mit über 6500 Filmen, zehn tausend Dias und Höraufnahmen. Sie wiederum ist nur ein kleiner Teil des Archivs, in dem Wissenschaftler, Studenten, Küntler und andere Besucher Zeugnisse der Alltagskultur wie Teegeschirr, Kinderspielzeug, Speisekarten und Sportklamotten genauso wie Propagandamaterial, Lenin-Büsten, Straßenschilder, Flaggen, Uniformen, Handwerkszeug der Spione und Brigadebücher finden.

Jampol hat das Museum vor zehn Jahren gegründet. Der in Los Angeles geborene Historiker studierte in Oxford als er bei Besuchen in Berlin mit wachsendem Entsetzen beobachtete, wie Dokumente, Gegenstände und andere Zeugnisse des Kalten Krieges zerstört, weggeworfen oder verramscht wurden. Für den Historiker können Alltagsgegenstände genausoviel Geschichte vermitteln wie Statistiken und Jahreszahlen. Also begann Jmpol zu sammeln. Seine Sammlung wurde bald zu groß für seine Wohnung, Garagen, Speicher und Container von Familie und Freunden. Kein deutsches Museum interessierte sich für die Kollektion, also wandte er sich an Freunde, ehemalige Lehrer und Professoren in Los Angeles. Dort stieß er auf großes Interesse, fand einen Raum für seine Sammlung und die Finanzierung für ihren Transport nach Kalifornien.

Zuerst schien es eine Notlösung zu sein, so weit entfernt vom ursprünglichen Geschehen das Wende Museum zu eröffnen. Die Distanz zum ehemaligen Ostblock erweist sich aber inzwischen als perfekte Grundlage für Forschung unabhängig von aktuellen Diskussionen um Ost und West. Manche Spender überlassen ihre Materialien interessanterweise außerdem lieber einer Institution in den USA als Museen in Europa. Deshalb wächst der Bestand des Wende Museums weiterhin an. Justin Jampol hat inzwischen mehr mit Verwaltung und Leitung des Museums zu tun als mit den Gegenständen im Archiv. Seine Mitarbeiter wissen aber – wenn wieder neue Spenden oder Ankäufe aus dem Osten Europas ankommen, müssen sie dem Historiker Bescheid sagen. Er ist heute noch genauso neugierig, was in den  Kisten steckt wie vor fünfzehn Jahren bei seinen Schatzsuchen in und um Berlin.

 

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