BERLIN, Samstag, der 10. April 2010
Julia Grosse

Der DJ auf Streife

 

 

 

 

 

 

 

Über vier Millionen Überwachungskameras haben Großbritannien rund um die Uhr im Blick. Das sind rund vierzehn Briten pro Kamera, und es ist reichlich Stoff für einen deftigen Psychothriller. Dabei wollen die Briten unser Mitleid gar nicht, sie sind stolz darauf, in einem Land zu leben, in dem weltweit die meisten Kameras installiert sind. Warum sollte sich also jemand aufregen über eine Kampagne, mit der momentan die gesamte Londoner U-Bahn tapeziert ist? ‘Last Night a DJ Saved My Life’ steht auf den Plakaten, eine offensichtliche Referenz an die Disco-Hymne, in sexy Layout, viel Schwarz, Pink, Neonröhrenschrift. Allerdings steckt hinter der Kampagne kein flotter MP3-Downloadanbieter, sondern die Londoner Polizei. Sie sucht freiwillige Helfer aus dem Volk.

Diese Kampagne spielt mit britischer Sicherheitsfanatik, mit Panik vor Terror und dem Wunsch des entfremdeten Londoners nach ein bisschen Macht. Aber vor allem ist diese Anzeige clever: Britische Behörden haben längst gelernt, dass man sich genauso raffiniert und effizient verkaufen muss wie die Gesellschaft, an die man heranwill: ‘Egal ob du in deinem Job Platten, Drinks oder Zement mischst: Hilfspolizist bei der Metropolitan Police ist das Sinnvollste, was man in seiner Freizeit machen kann.’ Mit blutleeren Beamtenfloskeln und schlechtem Layout wird man keinen Londoner aus seinem morgendlichen Stechschritt zur U-Bahn reißen.

Mindestens 25 Stunden im Monat können Augenärztin oder Wurstfachverkäufer nun nach Feierabend für ein bisschen weniger Kleinkriminalität in den Straßen sorgen. Zwar dürfen sie nicht verhaften, schießen oder schlagen, doch kontrollieren, informieren und als Dankeschön eine richtige Uniform tragen! Das Perfide dieses Aufrufes zur Komplizenschaft scheint zumindest die Briten nicht zu stören. Nicht einmal im Netz regt sich jemand über die Kampagne auf. Einen nicht minder schlauen Schachzug vollzieht die Steuerbehörde derzeit auf den Startseiten einiger Billigfluglinien. Ahnungslos öffnet man die Seite und entdeckt zwischen nervös zuckenden Preissturz-Anzeigen eine Werbung mit einer braungebrannten Blonden. Dazu die Info, wie viele Briten heimlich im Ausland in der Sonne leben, doch Sozialbezüge aus Britain einsacken. Feinste Hetze in Bild-Manier: Sie arbeiten hart und haben sich Ihren Urlaub verdient! Und diese Schmarotzer leben auf Staatskosten in der Sonne! Los! Verpetzen!

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Die offizielle Seite, auf der man dann ganz legal Verpfeifen kann, ist an Spitzelkunst kaum zu übertreffen. Ein langes Onlineformular geht mit einer solchen Dreistigkeit ins Detail – Geburtsdatum, Adresse des Arbeitgebers, Autokennzeichen, Versichertennummer -, als sei man gerade im Begriff, seinen eigenen Schwager auszuliefern. Warum sich ausgerechnet eine Billigairline als perfekte Werbefläche für dieses Steuerproblem anbietet? Weil die Briten ihren Wohnsitz seit Jahren mit Vorliebe an französische und spanische Küsten verlegen und die Billiganbieter Ryanair, Easyjet und Co. wie ihre Lufttaxis nutzen, um bequem und schnell zwischen der alten und neuen Heimat hin- und herzufliegen. Werden auf der Behördenseite demnächst allerdings fleißig die Petzformulare ausgefüllt, dürften es bald einige Pendler weniger sein.

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