CHRISTCHURCH, Freitag, der 28. Dezember 2018
Anke Richter

Der echte Maori-Santa

Seit der SPIEGEL fälschte, fühle auch ich mich irgendwie ertappt. Korrespondenten kommen wieder in Verruf. Denn wieviel leichter ist es, Menschen in exotischen Ländern zu erfinden, die die meisten Leser nie betreten? Jetzt stehen die, die am weitesten entfernt von der Heimat unter harten Bedingungen für die deutsche Medienfront schuften, unter Kollektiverdacht. Just sayin‘… 18.000 Kilometer sind es in meinem Fall. Da kommt man ins Schwitzen.

Es gab nämlich nicht nur die Hitler-Tagebücher und Tom Kummer, sondern auch die kurzzeitig berühmte Ulla Ackermann. Mit der saß ich vor 15 Jahren in einer Talkshow, als ihr hochdramatisches Korrespondenten-Epos „Mitten in Afrika“ bei Hoffmann und Campe erschien. Las sich toll. Reden konnte sie auch. Alle waren ganz weg von ihren Stories über den wilden, dunklen Kontinent. Da konnte ich mit meinem Buch über sieben Monate auf einem Südsee-Atoll kaum mithalten.

Dumm nur, dass Ackermann alles in ihrem Werk zusammengeschwindelt hatte, inklusive Besuch bei Nelson Mandela auf Robben Island, was echten Afrika-Korrespondenten dann doch etwas spanisch oder unsüdafrikanisch vorkam. Ihr Baby, das angeblich an Malaria starb, gab’s wohl auch nie. Ging aber ans Herz, das Kapitel. Fakt oder Fiktion – der Tränendrüse war‘s egal. Dass Ackermann in dem Jahr aufflog, als ich auswanderte, war aber wohl ein Segen.

Was hätte ich sonst nicht alles an spektakulären Geschichten aus dem tiefen Süden fabriziert, statt über drolligen Kolumnen zu brüten? Vielleicht hätte ich Menschenfresser in Samoa entdeckt oder Kim Dotcoms heimliche Geliebte anonym auspacken lassen. Das erste geklonte Schaf namens Dolly hätte Konkurrenz bekommen durch das Riesenschaf Shrek, das sechs Jahre Wolle am Leib trug und  als PR-Gag auf einer Eisscholle vor der Ostküste der Südinsel geschoren wurde. Ach was – das gab’s ja wirklich!

Wahr oder falsch: Das werde ich ab sofort einfach offenlassen. Kann ja jeder selber googeln, ob der Maori-Nikolaus wirklich existiert Der tauchte in der traditionellen Weihnachtsparade in Nelson statt des üblichen Rauschebartes auf. Er trug ein Blumenhemd, einen indigenen Umhang (immerhin in rot) und einen Angelhaken als Zepter. Nelsons Kinder wurden angeblich schwer enttäuscht und das ganze Land mal wieder in eine bikulturelle Krise gestürzt: Wieviel Maori muss es sein? Ist uns denn gar nichts mehr heilig – nicht mal der einst von Coca-Cola erfundene Mann in Weiß und Rot? Der Stadtrat von Nelson entschuldigte sich für den kulturellen Lapsus.

Doch Rob Herewini, der den umstrittenen Maori-Santa verkörperte, kam Wochen später doch noch zu späten Ehren: Man lud ihn letzte Woche mit großem Bahnhof auf ein Festival nach Wellington ein, wo er mehr als willkommen war. “Aroha ki te tangata“, sagte er, „liebet euch alle.“ Das wird ab sofort mein Arbeitsmotto in diesen schweren Zeiten sein. 

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