KAIRO, Montag, der 28. September 2009
Jürgen Stryjak

Der Kieferorthopäde vom Khan El-Khalili

»Good price, only today, nur gucken«, das sind Floskeln, die so manchem Ägypten-Reisenden noch Monate lang im Ohr klingeln. Kein Schritt über den Khan El-Khalili in Kairo, der Mutter aller Basare, der nicht einem Spießrutenlauf durchs Spalier ganzer Händlergroßfamilien gleicht. Onkel, Neffen und der Bruder vom besten Freund des Ladenbesitzers, und alle beherrschen jene Floskeln in einem halben Dutzend Sprachen, mindestens. Wer in einen ihrer Läden schaut, hat schon verloren. Egal, was er kauft, er hat das zu einem völlig überhöhten Preis getan. Abgesehen davon, dass es meistens sowieso Tinnef ist.

Dann steigt der Tourist in ein Taxi und zahlt ein Vielfaches von dem, was ein Ägypter bezahlen würde. Er holt sich eine Flasche Mineralwasser am Kiosk und wird auch dort ausgenommen. Das Gefühl, der Abzocke hilflos ausgeliefert zu sein, nervt – selbst mich, der ich nach über zehn Jahren in Kairo die wirklichen Preise kenne und mich (meistens) wehren kann.

Viele lieber würde ich mich den Nervereien widmen, die wirklich unvermeidbar sind, statt Taxifahrer an der Gurgel zu haben oder von einem angefahren zu werden, der den Rückwärtsgang einlegt, wenn ich aussteige, um mich wütend mit seiner Heckstange umzunieten. Nur weil ich den von ihm geforderten Fahrpreis nicht zahlte. So etwas passiert mir immer wieder.

Gern beobachte ich deutsche Freunde, die hier zu Besuch sind. Über Europäer, die von den Gebräuchen in Kairo völlig überfordert sind, schrieb Ali Bey al-Abbassi schon vor 200 Jahren: »Aus der Fassung gebracht gleichen sie dann in ihrem exaltierten Dahinschreiten Wahnsinnigen.« Feilschen gehört nicht zu den deutschen Gebräuchen meiner Freunde. Wenn sie es dennoch tun müssen, verkrampfen sie und kriegen einen starren Blick. Man muss natürlich nicht überall im Kairoer Alltag feilschen, schon gar nicht als Ägypter, aber überall dort, wo Touristen unterwegs sind.

Das Blöde ist, ich kann diese Abzocke verstehen. Der Taxifahrer, der sich einmal im Monat glücklich schätzen kann, einen Ausländer zu befördern, und ihn dann übers Ohr haut, ist danach immer noch arm und hat höchstens eine Fleischmahlzeit mehr. Er nimmt halt, was der Markt hergibt. Anders ist das in Deutschland ja auch nicht. Wenn ich mit deutschen Redakteuren ums Honorar feilsche, habe ich inzwischen, wenn ich gut feilschte, am Ende auch nur eine Fleischmahlzeit mehr. Davon, dass diese Redakteure für diese Verhandlungen ganz offensichtlich auf dem Khan El-Khalili geschult werden, ganz zu schweigen.

Kürzlich war ich mit meinem elfjährigen Sohn in Berlin beim Kieferorthopäden. In der Praxis schicker Designerbeton, Edelstahltreppengeländer, raffinierte Lichtinstallationen, Mineralwasser kostenlos aus dem Spender. Alles sah sehr teuer aus. Mein Junge braucht eine Zahnspange. Ich dachte: Was kann schon passieren, wir sind ja krankenversichert.

Der Kieferorthopäde guckte kurz in seinen Mund rein und überschwemmte mich dann mit Kostenvoranschlagsvarianten. 500 Euro hier, 1400 dort, und ohne 165 Euro gleich am Anfang könne erst gar nicht begonnen werden. Fehlte nur noch, dass er sagte: Good price, only today! Mir brummte der Schädel, ich war außerstande zu beurteilen, was medizinisch notwendig war und was nicht. Der Orthopäde beschwor mich so eindringlich, dass ich fürchtete, mein Sohn müsse den Rest seines Lebens ganz ohne Zähne verbringen, wenn ich knauserig sei. Wer möchte schon an der Gesundheit seines Kindes sparen.

Ich wollte das alles erst mal durchdenken, sagte ich. Beim Rausgehen, aus der Fassung gebracht, das Edelstahltreppengeländer fest im Griff, glich ich in meinem exaltierten Dahinschreiten einem Wahnsinnigen.

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