ISTANBUL, Donnerstag, der 12. November 2009
Susanne Güsten

Der tägliche Wahnsinn

Die Lektüre türkischer Zeitungen ist eine Wissenschaft für sich. Nicht nur äußerlich unterscheiden sich die bunt und boulevardesk aufgemachten Blätter von westlichen Zeitungen, auch journalistisch muss man sie zu nehmen wissen. Nachrichten, Neuigkeiten und Exklusives stehen nicht unbedingt auf der Seite Eins mit ihren Balkenüberschriften. Sie sind vielmehr übers Blatt verteilt in den Kolumnen der sogenannten „Eckenschreiber“ (köse yazarlari) zu finden – das sind hochbezahlte Kolumnisten mit guten Kontakten in Ankara, treuen Lesergemeinden und gewaltigem politischen Einfluss. Jeder Kolumnist hat seinen speziellen Draht. Ins Außenministerium etwa ist Murat Yetkin von der Zeitung „Radikal“ bestens verdrahtet; wer aus der Westentasche von Oppositionführer Deniz Baykal informiert werden will, greift zur Kolumne von Fikret Bila in „Milliyet“, usw. Und während Zeitungen im Westen meist eine einheitliche politische Ausrichtung haben, findet sich innerhalb einer türkischen Zeitung ein ganzer Regenbogen von Kolumnisten, von rechtsnational bis liberal, die im selben Blatt oft entgegengesetzte Meinungen zum selben Thema vertreten.

Auch die Einteilung der Zeitung ist gewöhnungsbedürftig. Bei „Hürriyet“ etwa kommt nach der Seite Eins erst einmal eine Seite mit Klatsch aus der türkischen Promi-Szene. Zwei bis drei Seiten Mord und Totschlag folgen, dann kommen die Wirtschaftsseiten. Darauf folgen mehrere Seiten große und kleine Anzeigen, in denen manchmal auch die Seite mit den Auslandsberichten versteckt ist. Erst nach den Anzeigen kommt die Politik, gefolgt vom Sport und einer letzten vermischten Seite.

Als Korrespondentin muss ich natürlich vor allem die Kolumnisten studieren, um aus ihren oft recht ausschweifenden Betrachtungen die News herauszufiltern. Fasziniert bin ich aber immer von den zweiten und dritten Seiten, die Leben und Tod in der türkischen Gesellschaft so viel plastischer abbilden als die Politik. Allein am heutigen Tage vermelden die türkischen Zeitungen auf diesen Seiten folgende Geschichten:

Polizeitaucher suchen in See bei Hakkari nach vermisster Braut. Die 19jährige war am Vorabend einer Zwangsheirat aus ihrem Elternhaus geflohen, von ihrer Familie in Yüksekova aufgespürt und heimgeholt und seither nicht mehr gesehen worden. Ermittler gehen von einem Ehrenmord aus.
Junger Mann in Adana ermordet seine Freundin, weil sie schwanger war
Zwei Tote und zwei Verletzte bei Streit um Tänzerin in einem Nachtclub in Usak. Der Streit wurde mit Schnellfeuergewehren ausgetragen
Drei Männer wegen Entführung und Vergewaltigung einer 14jährigen in Ankara festgenommen. Die Entführer hatten an der Haustür der Familie geklingelt, sich als Polizisten ausgegeben und das Mädchen aufgefordert, „zur Wache mitzukommen“.
Ehemaliger Bürgermeister von Bursa an seinen Schussverletzungen gestorben, nachdem er letzte Woche von seinem Geschäftspartner niedergeschossen worden war
Vierfache Mutter in Zonguldak geköpft, Ehemann bestreitet Tat
Mann in Izmir erschießt seine Ehefrau und sich selbst, weil sie sich scheiden lassen wollte. Die beiden Kinder hatte er vorher zum Nachbarn geschickt
In Erzurum zu Tode gefolterter 13jähriger wurde vermutlich von seinem Cousin getötet
Arzt in seiner Praxis in Gaziantep von Unbekannten erschossen, sieben Kugeln im Kopf
Anwältin in ihrem Haus in Bodrum vom Klempner erstochen
Brutaler Raubüberfall auf 70jährigem in seinem Haus in Izmir: Seine Pflegerin holte die Täter ins Haus
Leiche in Izmir als seit fünf Jahren vermisster Geschäftsmann identifiziert
Gemeinsamer Selbstmordversuch von vier 13jährigen Mädchen in Kütahya
Schwer verbrannte Schülerin kämpft um ihr Leben. Die 17jährige war am Sonntag von einem Molotow-Cocktail getroffen worden, den Unbekannte in einen Linienbus in Istanbul warfen

So geht das hier jeden Tag. In der Berichterstattung bringe ich kein Promille davon unter.

 

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