BERLIN, Dienstag, der 10. Oktober 2006
Clemens Bomsdorf

Die drei (sic!) wiedergefundenden Munchs

Ein wenig lieblos lagen die zwei Bilder auf dem blau bezogenen Tisch (Foto: Richard Jeffries, Munch Museum). Es wirkte beinahe so, als präsentiere der Enkel auf dem Flohmarkt den Ramsch, den er bei seiner Oma auf dem Dachboden gefunden hat und jetzt verscherbeln möchte, um sich das Taschengeld aufzubessern. Doch bei den beiden Bildern handelte es sich um zwei der bekanntesten Gemälde: Es sind Originalversionen der Werke "Der Schrei" und "Madonna" des Norwegers Edvard Munch. Am helllichten Tag waren die beiden Bilder im August 2004 von bewaffneten Räubern aus dem Munch Museum im Osten von Oslo gestohlen worden. Ende August diesen Jahres konnte die Polizei die Gemälde endlich ausfindig machen.

Als das Munch Museum vor kurzem erste Fotos der sichergestellten Gemälde der Presse zur Verfügung stellte, ging es vor allem darum, zu beweisen: "Ja, wir haben die vor über zwei Jahren gestohlenen Bilder wieder". Eine ansprechende Präsentation der Werke war nicht einmal Nebensache: ein blaues Tuch auf einen Tisch geworfen, darauf die Bilder – das musste reichen.

Dennoch war das Interesse der Allgemeinheit riesig. So riesig, dass man sich kurzerhand entschloss, die sichergestellten Bilder im Museum zu zeigen bevor sie restauriert worden waren. Zwar hat die Kunst Edvard Munchs ohnehin schon seit langem viele fasziniert, doch kein Kunsthistoriker machte sich Illusionen: die zwei Werke waren durch den spektakulären Raub am helllichten Tag im August 2004 und die darauf folgende zweijährige Suche nach den Dieben und deren Beute noch interessanter geworden. Deshalb wollten die Besucher, die vor dem Munch Museum Schlange standen, die Werke so sehen, wie die Polizei sie sichergestellt hatte: leicht beschädigt und ohne Rahmen. Nicht das Motiv der Bilder, sondern der mit den Werken verbundene Kriminalfall hatte das Interesse an Munch gesteigert.

Das Munch Museum erstellt derzeit übrigens mit den Munch-Händlern Galerie Faurschou (Kopenhagen) und Kaare Berntsen (Oslo) ein Werkverzeichnis über die Gemälde des Norwegers. Bei der Zusammenstellung der Informationen zu den Bildern fiel den Kunsthistorikern auf, dass sie bei rund 70 Gemälden nicht wissen, in wessen Besitz diese sich derzeit befinden. Nachdem ich darüber einen Bericht für die englische Kunstzeitung The Art Newspaper geschrieben hatte, meldete sich eine Londoner Galerie beim Munch Museum. Einer ihrer Kunden besaß die gesuchte Version des Bildes "Mädchen auf der Brücke", eines der bedeutenderen Gemälde des Norwegers.

Kommentare (0) Kommentar schreiben
AKTUELLE BLOGEINTRÄGE
Bücher von Clemens Bomsdorf