portrait kerstin zilmLOS ANGELES, Sonntag, der 8. November 2009
Kerstin Zilm

Die Mauer wird wieder aufgebaut – in Los Angeles

 

Erst war ich etwas sauer. Der Termin hatte sich von morgens neun auf abends 21 Uhr verschoben und niemand hatte mir Bescheid gesagt! Ich war natürlich um neun Uhr morgens da. Als Einzige. Den für den nächsten Morgen versprochenen Beitrag musste ich absagen! Gab dafür später auch keinen Platz mehr. Etwas genervt ging ich dann abends nochmal los. ‘Na gut, dann werd ich eben meine Töne sammeln, vielleicht werd ich die Geschichte ja noch wo anders los. In spätestens einer Stunde hau ich wieder ab,’ sagte ich mir. Und war dann sehr, sehr, sehr froh, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte. Denn vor meinen Augen wurden sehr sorgsam Original Mauersegmente aus Berlin direkt neben einer Hauptverkehrsstrasse in Los Angeles abgestellt. Und mir, die ich bevor ich nach Los Angeles kam, 13 Jahre lang in Berlin gelebt habe, wurde plätzlich ganz schwummerig ums Herz. Ich bin dann geblieben bis das letzte Segment auf der Wiese gelandet war, habe endlos Interviews gemacht mit Amerikanern, die mehr über die Mauer wissen wollten, Koreanern, die von der Grenze zwischen Nord und Süd sprachen, mit einer Ostdeutschen aus Jena, die Gänsehaut hatte beim Anblick der Mauer. Kurz vor Mitternacht bin ich dann ganz gerührt nach Hause gefahren.

Irgendwie hatten die Mauerteile den Weg vom Potsdamer Platz durch den Panamakanal nach Kalifornien gefunden. Seit Mitte Oktober sind sie die Hauptattraktion des wallprojects   in Los Angeles. Künstler aus Berlin und Los Angeles haben sie inzwischen bemalt.

 

Täglich bleiben überraschte Fussgänger an den Segmenten stehen und lernen mehr über die Berliner Mauer. Zusätzlich zu den Originalsegmenten haben Architekten in Los Angeles 30 Teile nachgebaut und auch darauf haben Künstler ihre Werke zum Gedenken an den Mauerfall und die Geschichte der Mauer verewigt. Diese nachgebauten Segmente versperren in der Nacht vom achten auf den neunten November, also heute Nacht die Hauptverkehrsstrasse und werden um Mitternacht wieder symbolisch zum Einsturz gebracht. Mit einer Riesenfete, DJs, Ute Lemper, einem zugespielten Grußwort von Berlins Bürgermeister Wowereit und lauter wichtigen Vertretern der Stadt Los Angeles. Initiiert hat die Aktion ein sehr beeindruckender junger Historiker aus Los Angeles: Justin Jampol, der ist jetzt gerade Mal 31 Jahre alt und hat schon im Jahr 2002 das Wende Museum gegründet, das er jetzt auch leitet. Er hat in Oxford Kulturgeschichte studiert und die Ostblockstaaten wurden sein Spezialgebiet. Er reiste überall dahin, wo die Studienobjekte buchstäblich auf der Strasse lagen, sammelte und sammelte und sammelte. irgendwann hatte er so viel Material gesammelt, dass er einen formalen Rahmen dafür brauchte. Den hat er mit Hilfe von Freunden und ehemaligen Lehrern in Los Angeles gefunden. Und so kam es, dass in einem unscheinbaren Gebäude unter der Sonne Kaliforniens inzwischen die größte Sammlung von Dokumenten und Objekten aus den Ostblockstaaten mit mehr als 100 tausend Stücken untergebracht ist.

Das Wallproject ist der bisherige Höhepunkt in Jampols Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte. Das muss man sich mal vorstellen – der junge Historiker hat nicht nur Lenin-Büsten, eine Komplettausgabe des Neuen Deutschland, Brigadebücher und die Aufzeichnungen Erich Honeckers aus dem Gefängnis in Moabit. Er bringt Originalsegmente aus Berlin nach Los Angeles und die Stadt sogar dazu, eine der wichtigsten Verbindungsstrassen zwischen Downtown und Pazifik zu sperren! Für die Erinnerung an den Fall der Mauer vor zwanzig Jahren. Heute nacht wird gefeiert und ich freu mich riesig drauf, dabei zu sein!

 

 

 

 

 

 

 

 

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