TOULOUSE, Montag, der 18. Februar 2013
Birgit Kaspar

Die zwei vom Syndicat des Eaux – oder: Wie man ein Dorf in eine Dauerbaustelle verwandelt

Da ist er wieder. Der weiße Laster des Syndicat des Eaux, der seit ein paar Tagen die Wiese auf der gegenüberliegenden Straßenseite unseres Hauses in eine Mondlandschaft verwandelt. Schlimmer noch, er wirft jüngst einen Stein- und Lehmhaufen von einer Höhe auf, die mich dazu zwingen könnte, nur noch auf der Rückseite des Hauses aus dem Fenster zu sehen. Es handelt sich um den Abraum, der beim Buddeln tiefer Löcher entlang Bellocs einziger Straße entsteht.

Jeden Morgen gegen 9:30 Uhr rattern sie über diese einzige Straße unseres Weilers, die beiden Helden des Wasserwerkes von Saint Lizier. Einer mit dem Laster, der andere mit einem gelben Bagger. Nach mehr als sechs Monaten Pause haben sie sich dem monatelangen Drängen von Robert, im Gemeinderat für die Wasserversorgung zuständig, gebeugt. Den ganzen Sommer über gab es angeblich Wichtigeres in anderen Gemeinden zu tun. Denn die unterirdischen Wasserrohre stammen nicht nur bei uns aus den 50er Jahren. Wenn eine bricht, muss das Syndicat des Eaux ran. Leider hält man dort offenbar keine dem Zustand des Versorgungsnetzes angemessene Reparaturmannschaft vor. Die Wirtschaftskrise fordert ihren Preis.

Dabei wird allgemein immer die moderne französische Infrastruktur als einer der ausgewiesenen Standortvorteile dieses Landes gelobt. Wer immer diese Losung ausgibt, war mit Sicherheit noch nicht im Département Ariège. Zugegeben, es ist eines der ärmsten in Frankreich. Hat dafür sehr viel Charme und sehr schöne Landschaften. Immerhin funktioniert das Internet. Meistens. Wenn nicht gerade ein Sturm einen der Telefonleitungsmasten umgeblasen hat. Oder ein Baum auf die Überlandleitung gekippt ist. In dem Fall gibt es auch keine Telefonverbindung mehr. Nach Unwettern fällt zudem der Strom gerne mal aus. Das hat zur Folge, dass selbst das Mobiltelefon tot ist, weil der nächste Sendemast am gleichen Netz hängt. Durchschnittlich 75 Minuten Stromausfall pro Kunden in 2012 verzeichnet die ERDF, die französische Netzagentur. In Deutschland waren es 2011 nach Angaben der Bundesnetzagentur rund 15 Minuten pro Abnehmer.

Aber gut, dafür hat Frankreich den viel gelobten TGV. Der fährt zwar Defizite ein, aber das wissen im Ausland nicht so viele. Auch von den häufigen Verspätungen, welche die französischen Pendler an den Rand des Wahnsinns treiben, berichtet kaum jemand. Wenn der TGV keine Panne hat, schießt er wie ein Pfeil durch die Landschaft. Das ist beeindruckend und sieht auf Werbefilmen überzeugend aus. In diesen Fällen sind die Reisenden sehr schnell am Ziel. Man sollte auch nicht so viel meckern.

Du darfst sie nicht unterbrechen“, sagte vor Jahrzehnten mein Freund Bruno zu mir angesichts eines Straßenkehrers, der einen Bürgersteig in Toulouse fegte. Im Südwesten gelte: Wer einmal angefangen habe zu arbeiten, der werde besser nicht abgelenkt, sonst wisse man nie, wann er wieder anfange. Die Weisheit dieser Worte aus der Studentenzeit wird mir es heute so richtig bewußt.

Nach einer ersten zweimonatigen Bauphase im vergangenen Frühjahr kehrte nämlich wieder Stille in Belloc ein. Der gelbe Bagger und der weiße Laster wurden nicht mehr gesehen. In den mit rot-weißen Absperrungen verzierten, offenen Baugruben am Straßenrand, wuchsen bereits Blümchen. Bald, so erwartete ich, würden sich Brombeerranken oder Efeu der Metallgitter bemächtigen. Die Natur holt sich hier besonders schnell zurück, was der Mensch vernachlässigt. Und im Winter, wenn der Frost Einzug hält, würde uns eben dank der immer noch offenen Gruben der Wasserzufluss einfrieren. Die meisten Bellocois waren sich sicher, dass das Syndicat des Eaux sich erst im kommenden Sommer erneut die Ehre gäbe.

Aber schließlich, zu Jahresbeginn, überraschten sie uns. Von wegen unser Dorf soll schöner werden. Voller Elan verwandelten die beiden Wasserwerker Belloc in eine große Matschlache. „Was für eine Idee, die Bauarbeiten in den kältesten und nassesten Monaten des Winters wieder aufzunehmen,“ schimpft Jerome. Er versucht immer noch, sein graues Kleinauto durch ständiges Waschen präsentabel zu halten. Das habe ich längst aufgegeben. Erwartungsgemäß werden die Arbeiten immer wieder durch Frost und Schnee behindert. Sprich: Unterbrochen. Was die bedauerliche Matsche in Belloc zu einem nunmehr lang anhaltenden Vergnügen macht. Die beiden Männer vom Syndicat des Eaux können trotz all ihrer Freundlichkeit nicht all zu viele neue Bewunderer in Belloc gewinnen.

Die Bewohner unseres kleinen Dorfes wünschen sich inzwischen nur noch, dass dieser Wasserrohr-Albtraum schnell zu Ende gehen möge. Dass den neuen blauen Rohren ein sehr langes, pannenfreies Leben beschert werde. Obwohl – und das sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben – ihnen jetzt schon eine neue Gefährdung innewohnt: Sie werden nämlich oberhalb der alten Rohre verlegt. Mit anderen Worten, sie liegen noch knapper unter der Erdoberfläche als die alten und sind damit noch leichter von hartem Frost außer Betrieb zu setzen. Aber, pssst! Das sagen wir lieber nicht zu laut, sonst bleibt die zwei vom Syndicat des Eaux mit ihren Kies- und Abraumbergen am Straßenrand sowie den fröhlichen rot-weißen Absperrungen womöglich noch ein weiteres Jahr zu Gast in Belloc. Das könnte selbst unter den 35 friedliebenden Bellocois zur Revolte führen.

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