MOSKAU, Sonntag, der 25. April 2010
Stefan Scholl

Drachentöter gegen Untermensch

Oder Harley Davidson gegen Lada Niwa

Am krassesten war der Typ neulich, auf der Harley-Davidson. In der Abenddämmerung auf der Strecke Petersburg–Moskau. Bei Twer, keine 160 Kilometer vor Moskau, dort wo die Trasse endlich durchgehend vierspurig wird, blinkte es heftig hinter mir. Was ich nicht weiter beachtetete, da ich hinter einem Schwerlaster hing, der einen anderen überholte. Als ich beide passiert hatte, flog rechts ein Motorrad vorbei, eine Harley-Davidson. Zog nach links, schnitt mich, bremste vor mir, der lederverpackte Fahrer zückte den behandschuhten Mittelfinger. Offenbar war er erbost, dass ich sein Signal ignoriert, und mich nicht in Luft aufgelöst hatte. Jetzt blockierte er die Fahrbahn vor mir, bremste mich aus, zeigte Richtung Straßengraben: Da gehörst du hin! Dass das Visier seines Schutzhelmes nicht vor der Wut dahinter platzte, war erstaunlich.

 Der Typ kochte weniger, weil ihn ein Autofahrer nicht vorbeigelassen hatte. Sondern weil dieser Fahrer in einem Lada Niwa saß. Einem schmutzigen kleinen Jeep sowjetischer Bauart, mit lausigen 1,7 Kubikmetern Hubraum. Wer sich in einem Lada Niwaso Moskau, der Stadt der Milliardäre nähert, braucht gute Nerven. Der Lada Niwa gilt dort als Auto des russischen Kolchosbauernschaft, billig, PS-Arm, langsam, ein Landstreicher auf Rädern. Und je näher man Moskau kommt, umso seltener werden diese Parias, umso teurer, schnittiger und rasanter rollt Kfz-Russland auf. Ob ein vaterländischer Samara, oder jede beliebige Ausländer, Renault, Cayenne-Porsche, oder Hummer, der Niwa hat jedem zu weichen, nach der ungeschriebenen Grundregel allen moskowitischen Verkehrs: „Der Stärkere hat Vorfahrt.“ Im Niwa passiert es mir immer wieder, dass Mercedes- oder Toyota-Fahrer mich schneiden, ausbremsen, mir drohen, weil ich mich angesichts ihres Anflugs von hinten nicht schnell genug an den Straßenrand gedrückt habe. Erfreulich, dass noch keiner mit Messer oder Gaspistole auf mich losgegangen ist, mit denen Verkehrsteilnehmer in Moskau und Umgebung ihre Meinungsverschiedenheiten immer öfters austragen.

Der Harley-Reiter thronte inzwischen fast auf meiner Kühlerhaube, winkte weiter Richtung Straßengraben, wurde immer langsamer, 60, 50, 45, ließ mich aber nicht vorbei. Ich musste mehrmals bremsen, um den Idioten nicht zu touchieren.

Vielleicht hockte da das Söhnchen oder der kleine Bruder eines russischen Topunternehmers auf dem Motorradsitz, oder noch schlimmer, eines Moskauer Topbeamten. Der „Goldenen Jugend“, einer jener „Unberührbaren“, wie die Presse sie nennt, weil sie im Straßenverkehr auch schwangere Frauen totfahren dürfen, ohne dafür nur ein Strafmandat zu kassieren. Vielleicht auch ein Jungkarrierist, der vom Land stammte, und den eigenen Vater dafür hasste, dass der noch immer Lada Niwa fuhr. Und jetzt vor Wut platzte, weil ein anderer Lada-Niwa seinen mit einer 20.000 Dollar teuren Harley-Davidson besiegelten sozialen Aufstieg ignorierte. Auf jeden Fall einer, der mich in meinem Niwa für einen Untermenschen und sich selbst für einen Drachentöter hielt.  

40 km/h. Ich drückte statt aufs Gaspedal auf die Hupe, ließ sie nicht mehr los. Der Zweiratritter vor mir tobte, zog nach links, ließ mich herankommen, trat mit voller Wucht gegen meinen Kotflügel. Und traf. Ich sah sein Gesicht nicht, aber sein Körper krümmte sich, sein Krad geriet ins Schlingern. Er hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass seine italienischen Motorradstiefel und seine halbgöttlichen Zehen darin weniger hart sein würden, als das nicht mehr ganz rostfreie Stahl meines Niwas. Schmerzhaft belehrt gab der Flegel Vollgas und flog davon. Ein kleiner Sieg für Lada-Niwa und die russische Autoindustrie.

In Russland sterben jährlich 30.000 Menschen im Straßenverkehr, 10 mal soviel wie in Deutschland. Die Rate wäre noch höher, wenn die offiziellen Statistiker die Opfer mitzählen würden, die nicht am Unfallort, sondern erst im Krankenhaus ihren Verletzungen erliegen.

 

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