BELGRAD, Sonntag, der 20. August 2006
Danja Antonovic

Drei Nachrichten und eine Provinzstadt

Vršac zählt etwa 40.000 Einwohner, liegt in der Panonischen Ebene zwischen Budapest und Belgrad. Und lebt bis vor ein paar Tagen das verschlafene Dasein einer verschlafenen Kleinstadt in der Provinz. Plötzlich jagt eine Nachricht die andere. Selten, dass die Belgrader Medien die Provinz so sehr lieben.

Die Nachricht Nummer 1: (OK, einverstanden, alle schreiben darüber, dass der Freund von Brigitte Bardot an der serbisch-rumänischen Grenze weilt. Und ein Motorradrennen eröffnet. Und seinen Senf zur Kosovounabhängigkeit abgibt. Und sich entschlossen hat seinen französischen Wahlkampf gerade in der serbischen Provinz zu eröffnen. So die serbischen Medien.)

Die offizielle Meldung lautet: „Der französische Ultranationalist Jean-Marie Le Pen hat am Sonntag, den 20. August, ein Motorradrennen in der Kleinstadt Vršac eröffnet.“

Und verkündet, dass Frankreich, sogar Europa die Unabhängigkeit von Kosovo stoppen sollen. Und dass er gerne Herrn Šešelj, den Chef der serbischen Radikalen, im Haager Gefängnis besuchen würde. Aber nicht darf.

Die Opposition demonstriert, die Medien berichten, Monsieur wird offiziell von niemand empfangen.

Die Nachricht Nummer 2: Der serbische Pharmakonzern CHEMOPHARM wurde an die deutsche STADA für viel Geld verkauft. So weit, so gut. Alle freuen sich. Vor allem die 2.900 Kleinaktionäre, Mitarbeiter der Erfolgsfirma aus Vršac, die nun über 70 Millionen Euro verfügen. Sofort eilen Autoverkäufer und Makler in die Provinz. Die Erfahrung aus anderen Provinzstädten, in denen diverse Konzerne veräußert wurden, lehrt sie, der Mensch braucht vier Räder und ein Eigenheim. Der Rest der serbischen Welt blickt neidisch nach Vršac, die Kleinaktionäre meiden bis jetzt den Kaufrausch und halten sich bedeckt.

Die Nachricht Nummer 3:Ein Mensch Namens Georg K. hat einen Hund mit einem Schuss getötet. Nichts Neues in einem Land, in dem Tiere angezündet, lebend verbrannt und gequält werden. Neu und absolut einzigartig ist, daß er für seine Tat angeklagt ist. Falls er verurteilt wird, kann er bis zu sechs Monaten verknackt werden und muß etwa 2.500 Euro löhnen. Happig, wenn es nur um einen Hund geht.

Im September soll das erste Tierschutzgesetz in Serbien verabschiedet werden. Gäbe es nicht Serbiens Bestrebungen in die EU aufgenommen zu werden, gäbe es auch das Gesetz nicht und die Anklage wohl auch nicht. Wie viele herrenlose Hunde es in Vršac gibt, weiß ich nicht. In Belgrad, einer Zweimillionenstadt, sind fast 5000 Hunde auf der Straße, herrenlos und obdachlos.

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