HAMBURG, Samstag, der 1. Mai 2010
Merten Worthmann

Ein Rotwein, wie gemacht für die Revolution

Heute, am 1. Mai, habe ich eine Gewerkschaftsversammlung besucht und bin mit zwei Flaschen Wein nach Hause gekommen. Aufgerufen hatte die Gewerkschaft CNT unter dem Motto „Wann explodiert die Wut?“, mit Aufklebern, in deren Mitte das bekannte anarchistische A im Kreis prangte. Die CNT, Confederación National de Trabajo, war zwischen den Weltkriegen eine mächtige Massenbewegung, in der sich zeitweise 80 Prozent aller katalanischen Industriearbeiter organisierten. Dass die Anarchisten im Sommer 1936, zu Beginn des Spanischen Bürgerkrieges, Barcelona „regieren“ konnten, war wesentlich der Schlagkraft der CNT zu verdanken.

Nach mehr als 30 Jahren unter Franco (die CNT war natürlich verboten) und mehr als 30 Jahren Demokratie ist von der früheren Massenbewegung nicht mehr viel übrig – aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern brauche. Zur Versammlung in einer ehemaligen Autofabrik (mittlerweile ein Stadtteil-Zentrum) kamen etwa 150 Leute. Es handelte sich um einen wichtigen Termin im Jubiläumsjahr, denn die CNT wurde vor genau 100 Jahren gegründet. Die Gewerkschafter auf dem Podium blickten zurück in die Geschichte und hofften ausdrücklich, mit der aktuellen Krise möge sich ein revolutionärer Generalstreik nähern. Im Hintergrund des Saales gab es Bücher zu kaufen, T-Shirts, Buttons, die jüngste Ausgabe der Verbandszeitung „Solidaridad Obrera“ (Arbeiter-Solidarität), und: Wein! Nicht irgendeinen, sondern den offiziellen Jubiläumswein zum 100. Geburtstag der CNT. Ich muss sagen, dass mir das hübsche Zwei-Flaschen-Kistchen (Rioja Crianza 2005) inmitten der Reden, der Leute, der revolutionären Literatur sehr merkwürdig vorkam. Ich fragte nach. Nein, sagte die Frau am Stand bedauernd, der Wein stamme leider nicht aus einem anarcho-syndikalistisch bewirtschafteten Weinbaubtrieb; er sei lediglich von kundigen Gewerkschaftern ausgewählt worden. Nachdem ich einen Blick auf das Etikett, insbesondere die Rückseite, geworfen hatte, musste ich einfach zugreifen. Irgendwie dekadent, irgendwie aber auch folgerichtig, diese kleine Edition guter Tropfen nach 100 Jahren aufrechten Scheiterns am System. Ich erspare mir weitere Ausführungen und lasse abschließend den Wein für sich selbst sprechen, gemäß Etikett (und gemäß einer improvisierten Übersetzung):

‘Dieser Wein wurde hergestellt, um die ersten 100 Jahre des widerstandsfähigen und eigensinnigen Anarcho-Syndikalismus-(Wein)Stocks zu feiern. Der Wein beweist aufs Neue dessen Qualität und damit die Gültigkeit jener Ideale, denen sich die CNT ursprünglich verdankt.

Der Weinstock wurde vor hundert Jahren mithilfe anarchistischer Wurzeln gepflanzt, die man zuvor aus libertären und utopischen Traditionen ausgewählt hatte und die im Herzen des Proletariats sprießen sollten. Dort erreichte die CNT, dank Kameradschaft und direkter Aktion, ihre höchste Ausdruckskraft als Werkzeug der Revolte. Dieser Wein „Centenario“ beschwört durch seine rubinrote und zugleich tiefschwarze Farbe mit Anklängen von Grün und Violett eine Sehnsucht nach gesellschaftlicher Umwälzung, während sein Aroma von sozialer Revolution und sein lang andauernder Abgang in die Zukunft weisen, mit aller Kraft und Hoffnung derjenigen, die vor 100 Jahren dieses poetische Abenteuer in die Wege leiteten, um für ein wahrhaft menschliches Zusammenleben zu kämpfen.’

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