SALVADOR DA BAHIA, Montag, der 8. Februar 2010
Christine Wollowski

Ein wenig kollegiale Hilfe für die Medien-Realität

 

Realität ist ein relativer Begriff. Jeder sieht eine andere. Und Medien machen sich ihre, so wie sie ihnen gefällt. Letztens wollte ich für eine Frauenzeitschrift eine Managerin porträtieren, die ihre Kollegen dazu anstiftet, sich gelegentlich nicht finanziell, sondern höchstpersönlich in Sozialprojekten zu engagieren. Und das in einem mittelamerikanischen Land, in dem gutverdienende Europäer üblicherweise in sicherheitsabgeriegelten Ghettos leben. Tolles Thema, fand die Redaktion. Man müsse allerdings ein professionelles Foto zum Text produzieren, ob die Dame dazu bereit sei und ich vorab bereits ein Passbild besorgen könne? Die Dame war bereit und mailte mir auch ein Passbild: eine sympathisch wirkende Vierzigerin, natürlich, ungeschminkt, nicht hässlich. Prompte Reaktion der Redakteurin: Ja, aus dieser Sache würde nun ganz bestimmt nichts, denn das ginge mit die Dame ja optisch überhaupt nicht. Das möge jetzt vielleicht hart klingen, aber so sei nun mal die Realität.

 

Vor ein paar Wochen bekam ich eine Mail von einem TV-Redakteur, der mich freundlich und sehr höflich um kollegiale Hilfe bat. Er suche eine brasilianische Gastfamilie für deutsche Kids, um eine Serie mit dem Titel „Die strengsten Eltern der Welt“ zu produzieren. Mit herzlichem Dank für meine Zeit und dem Extra-Hinweis, dass die Familien kein Deutsch oder Englisch sprechen müssten, weil mit Dolmetschern gearbeitet werde.

Eher beiläufig habe ich einer befreundeten Familie davon erzählt. Die waren Feuer und Flamme, weil sie meinten, so ein Kontakt mit einer fremden Realität sei für ihre Kinder eine tolle Erfahrung. Prima, dachte ich, und wir stürzten uns in die Korrespondenz mit dem netten TV-Redakteur. Die TV-Leute wollten viele Aktivitäten, einfache Lebensumstände, viel zu helfen für die Besucherkids und echte Werte. Meine Familie ist jung und sieht gut aus, sie ist nicht gerade wohlhabend, aber der Vater ist Segellehrer in einem Hotel, beide Eltern haben eine genaue Vorstellung davon, welche Werte sie ihren Kindern vermitteln wollen, alle spielen Capoeira – ich fand: besser geht’s nicht.

Der Redakteur schien das auch zu finden. Bei jedem Mailwechsel wurde er euphorischer bis zur vorläufigen Steigerung zu einem: „Ganz ehrlich, hört sich wirklich toll an! In dieser Familie wäre bereits alles vorhanden! Ein Foto von der Familie und dem Haus wäre dann die Krönung.“ Auch die Krönung bekam der Redakteur umgehend, und sie begeisterte ihn weiter. Also fingen wir an, über den möglichen Drehzeitraum zu mailen, er fragte an, ob in einem Zeitraum von drei Monaten alles möglich sei oder Urlaube etc. geplant wären – und die Familie begann sich allmählich auf den Besuch aus Deutschland einzustellen. Fehlte nur noch das endgültige OK des CvD, so unser Redakteur, der sich inzwischen mit „ganz liebem Dank“ und „ganz liebe Grüße“ sowie „grüßen Sie die Familie von mir“ von mir verabschiedete.

Seine nächste Mail lautete wie folgt:

Liebe Frau Wollowski!

Ich hoffe, Sie sind gut ins Neue Jahr gekommen?!

Ich habe nun Rücksprache mit meiner CvD gehalten und Sie findet die Familie grundsätzlich in Ordnung. Allerdings ist sie noch nicht zu 100% zufrieden, da das Umfeld einfach etwas zu „freundlich“ ist.

Wir wissen, dass es nicht möglich ist, in irgendwelchen Slumgegenden zu drehen – da kennen Sie sich sicher noch besser aus und werden das sicherlich bestätigen.

Wir würden uns gerne – sofern das für Sie und vor allem für die Familie in Ordnung ist – die Familie rund um F.J. merken, d.h. wir würden unter Umständen zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal auf diese Familie zurückkommen.

Ich würde Sie nun gerne weiter um Ihre Hilfe bitten, sollten Sie noch weitere Familien kennen.

Der Idealfall wäre eine Familie, in der vielleicht ein Teil Deutsch oder zumindest Englisch spricht, die sich – da wir nicht in Slums drehen können – sozial engagiert. Jugendzentrum o.ä.

Oder eine Familie, die sich mit Hilfe eines eigenen Betriebs über Wasser hält. Auch hier: Es ist natürlich – und das kann es auch nicht sein – kein Muss, dass die Familie Deutsch spricht. Aber vielleicht kennen Sie noch weitere Familien???

 

Liebe Grüße aus dem weißen Deutschland!

 

Ich kenne keine Familie, die idealerweise in einer Favela wohnt, zwei- bis dreisprachig ist, den Kindern Werte vermittelt, aber doch ständig ums Überleben kämpft, bzw. sich neben dem Überlebenskampf ehrenamtlich sozial engagiert – und trotzdem Zeit und Lust hat, zwei verzogene deutsche Teenager aufzunehmen und sich dabei rund um die Uhr filmen zu lassen.

Auf meinen dementsprechenden Hinweis und meine freundliche Weigerung, kostenlos als kollegiale Hilfe weitere Familien auszuwählen, zu fotografieren, und ihnen Fragebögen zu übersetzen, antwortete der freundliche Redakteur nicht.

Eine Woche später bekam ein WR-Kollege von einer Dame aus ebendieser TV-Produktion eine freundliche Mail, in der sie um ein wenig kollegiale Hilfe bat.

 

foto: schöne bunte slumgegend ohne gefährliche menschen (wollowski)

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