TOULOUSE, Montag, der 15. Februar 2010
Birgit Kaspar

Eine Art libanesischer Karneval

Jedes Jahr am 14. Februar ziehen sie durch die Strassen, tausende junge wie alte Libanesen, Familien mit Kindern, grölende Jugendliche ausgerüstet mit libanesischen Flaggen oder den Fahnen ihrer jeweiligen konfessionell geprägten Partei. Die Stimmung ist ausgelassen, fröhlich, manchmal auch ein wenig aggressiv. Hier wird Dampf abgelassen. Es fehlen die farbenfroh dekorierten Wagen, Schnäpschen und Kamelle – aber sonst erfüllen diese Umzüge einen ähnlichen Zweck wie die im Rheinland und in Mainz in diesen Tagen: Zusammenstehen, Freude haben, im Wir-Gefühl baden und den Alltag vergessen. Die Gedenkdemonstrationen am Tag des Hariri-Attentats – gestern vor fünf Jahren – haben durchaus etwas Karnevalistisches. Oder gewinnt hier die Rheinländerin Oberhand, die es nicht lassen kann Äpfel mit Birnen zu vergleichen?

Am Sonntagmorgen gegen 9 Uhr ging es los mit dem Gegröle auf den Strassen. Mit Bussen wurden tausende herangekarrt. Dann heißt es Aussteigen und zu Fuß marschieren bis zum Märtyrerplatz, wo gegen Mittag zum großen Finale die ehemals oder immer noch anti-syrischen politischen Führer, allen voran Premierminister Saad al-Hariri, ihre jeweiligen Büttenreden, nein pardon, politischen Weisheiten und Einsichten dem Volke vortragen. Um 12:55 Uhr schließlich die Schweigeminute für den am 14. Februar 2005 ermordeten Rafik al-Hariri – ein Moment, der dem Spektakel etwas Würde zurückgibt. Viele Libanesen sind immer noch ehrlich aufgebracht über diese grausige Tat und machen die syrische Führung dafür verantwortlich. Damaskus weist diesen Vorwurf entschieden zurück.

Mit aufwendigen Plakat- und Fernsehkampagnen haben die Parteien des ehemals anti-syrischen Bündnisses für eine massive Teilnahme ihrer Anhänger geworben. Da wurde nicht gespart und ich bin nicht die einzige, die empfindet, man hätte das Geld besser anlegen können in diesem Land mit seiner extrem maroden Infrastruktur. Aber hier geht es nicht darum, den mündigen Bürger zufrieden zu stellen. Hier geht es darum, dem politischen Gegner und der Welt zu demonstrieren, dass man die Massen immer noch mit dem Märtyrer Hariri und der so genannten Zedernrevolution, dieser wunderbaren Erfindung des Westens, mobilisieren kann.

Von libanesischer Einheit kann dabei gar keine Rede sein. Mitnichten „Wir sind das Volk“ oder so was. Eher schon „Wir sind die Sunniten und wir haben was zu sagen, vor allem in Beirut“. Die beiden kleineren christlichen Parteien im Lande, die Forces Libanaises um Samir Geagea und die Kataeb um Amin Gemayel gesellen sich dazu, denn auch sie haben Märtyrer in den eigenen Reihen zu beklagen. Die sind nur nicht alle so bekannt wie Rafik al-Hariri. Die  Präsenz der Anhänger Geageas und Gemayels will aber auch heißen „Wir sind die Christen und wir lassen uns nicht marginalisieren“.

Der Umzug zum Gedenken an den bei einem Autobombenattentat getöteten Mr. Lebanon bleibt trotz dieser christlichen Komponente eine konfessionelle Kampfansage der Sunniten an die Schiiten, die Schätzungen zufolge eine knappe Bevölkerungsmehrheit im Libanon stellen. Auch wenn Sunnitenführer Saad al-Hariri viel von nationaler Einheit und einem Staat für alle Libanesen sprach. Die Schiiten haben übrigens am kommenden Dienstag ihren eigenen „Veilchen-Dienstags-Umzug“ – zum Gedenken an ihren Großmärtyrer, Imad Mughniyeh.

Der ehemalige militärische Führer oder Sicherheitschef der Hisbollah wurde am 12. Februar 2008 durch eine Autobombe in Damaskus getötet. Die Schiitenpartei und einige andere Libanesen vermuten die Drahtzieher für dieses Attentat in Israel. Die Großdemo am Dienstag in den südlichen Vororten Beiruts, bei der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah zum Volke sprechen wird, ist eine direkte Antwort auf die Valentinstagskundgebung im Zentrum Beiruts. Ihre Botschaft: „Wir bringen mindestens ebenso viele Anhänger auf die Strasse wie ihr“. Und damit sind die beiden politischen und konfessionellen Hauptkontrahenten im Libanon, Sunniten und Schiiten, erstmal wieder quitt.

Am Aschermittwoch ist glücklicher Weise auch im Libanon alles vorbei, die Christen beginnen mit der Fastenzeit und alle anderen gehen wieder ihrem normalen Tagesgeschäft nach. Die libanesischen Bürger würden sich freuen, wenn dazu auch vermehrt gehörte, die marode Infrastruktur und beispielsweise das Gesundheits- und Schulwesen im Lande mal auf Vordermann zu bringen.

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