HAMBURG, GESCHÄFTSSTELLE, Montag, der 18. Dezember 2006
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Eine Pressemitteilung aus allen Ecken der Welt

In der vergangenen Woche hat zunächst der Focus darüber berichtet, dass freie Auslandsjournalisten für den BND gearbeitet haben sollen, später die Berliner Zeitung. Viele Weltreporter haben regelmäßig Probleme bei ihrer Arbeit, weil sie unter dem Verdacht stehen, in Wirklichkeit nicht an Geschichten, sondern für Geheimdienste zu arbeiten – nicht, weil man sie persönlich verdächtigen würde, sondern weil Journalisten im Ausland oft grundsätzlich mit diesem Vorbehalt leben müssen. Wir haben uns deshalb entschieden, mit einer Pressemitteilung gegen diese Praxis zu protestieren.Nebenbei haben wir so zum ersten Mal weltweit gemeinsam an einem Text gearbeitet: Geschrieben wurde er wechselweise in Kairo und Teheran, anschließend unter allen Weltreportern diskutiert, schlussgelesen in Rom – und verschickt wurde er von Berlin aus. Diese Pressemitteilung ist also gewissermaßen ein Weltreport:

»Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar – WELTREPORTER.NET, das Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten, sieht die eventuelle Zusammenarbeit von Korrespondenten und Bundesnachrichtendienst mit großer Sorge und fordert die rasche Klärung des Sachverhalts.

Unter Berufung auf das Magazin »Focus« berichteten deutsche Medien über eine mögliche Zusammenarbeit zwischen dem Bundesnachrichtendienst und einzelnen freien deutschen Auslandskorrespondenten. Die Rede ist von 20 Reportern, die vom BND als Quellen geführt und für ihre Informantendienste bezahlt worden sein sollen. Dass sich dieser Verdacht erhärten könnte, beunruhigt uns.

Viele der Auslandskorrespondenten von WELTREPORTER.NET gehen ihrem Beruf in Regionen nach, in denen westlichen Journalisten immer wieder vorgeworfen wird, sie arbeiteten für die Nachrichtendienste ihrer Heimatländer. Der Vorwurf der Agententätigkeit unter dem Deckmantel des Journalismus bedroht nicht nur die kritische, unabhängige Arbeit der Korrespondenten, sondern auch ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben. Sie werden dadurch von unparteiischen Beobachtern zu Teilnehmern an Konflikten und zur Zielscheibe verschiedener Interessengruppen.

Dieser Generalverdacht der Spitzeltätigkeit, dem sich viele ausländische Korrespondenten zum Beispiel in China, Ägypten, im Iran oder im Irak ohnehin schon ausgesetzt sehen, dient Regimes wie Oppositionellen, Aufständischen wie Terrorgruppen immer wieder als Vorwand, um gegen Reporter vorzugehen – auch gegen westliche. So wurden Korrespondenten mit dem Hinweis auf eine mutmaßliche Agententätigkeit bei ihrer Arbeit behindert, misshandelt, ins Gefängnis gesteckt, entführt oder auch ermordet.

Deshalb erfüllen uns die jüngsten Berichte mit Sorge. Allen Beteiligten muss klar sein, dass eine Zusammenarbeit zwischen BND-Mitarbeitern und einzelnen Auslandskorrespondenten keine Privatangelegenheit dieser beiden Personengruppen ist. Sie würde dazu führen, dass Journalisten in Zukunft noch häufiger generell als Agenten betrachtet werden. Wir Korrespondenten könnten den Verdacht dann kaum mehr entkräften. Darüber hinaus erhöht sich auch das Risiko jener, die vor Ort zum Gespräch mit Korrespondenten bereit sind. Sie müssten mehr denn je befürchten, der Zusammenarbeit mit einem Nachrichtendienst verdächtigt zu werden.

Wir fordern deshalb eine zügige und transparente Aufklärung aller Vorwürfe. Wir erwarten, dass die Verantwortlichen benannt und zur Rechenschaft gezogen werden und dass Nachrichtendienste von vornherein darauf verzichten, Auslandskorrespondenten anzuwerben. Nur dann ist es den Korrespondenten – freien wie festangestellten -– möglich, das Risiko ihrer Arbeit zu kalkulieren. Wir, die Mitglieder von WELTREPORTER.NET, halten fest: Geheimdiensttätigkeit und Journalismus sind unvereinbar.«

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