CHRISTCHURCH, Sonntag, der 10. Juni 2007
Anke Richter

Elektroschock mit Heizdecke

Gestern habe ich Heizdecken gekauft. Für die ganze Familie, denn meine Kinder sollen es mal besser haben. Sie sollen es so gut haben wie Kiwi-Kinder. Die haben Frostschutzmittel im Blut und kommen locker ohne Zentralheizung und andere europäische Verweichlichungsmaßnahmen aus. Da die allgemein übliche Schlafzimmertemperatur in Neuseeland die ist, bei der man beim Ausatmen seinen Atem in weißen Wolken sieht, gibt der Kiwi dem Bett regelmäßig Elektroschocks, damit der Federkern nicht Gefrierbrand ansetzt. Wärme ist dabei Nebensache.

Für alle, die nicht in meinen Breitengraden verkehren oder noch nie auf einer Kaffeefahrt waren, sei die Heizdecke kurz erklärt: Es ist eine fliesartige Matratzenauflage mit Kabelauswuchs an der Seite. Unterm Flies schlängeln sich Heizschlangen. Den Grill betätigt man per Schalter, bevor man ins Bett steigt. Wichtig ist, dass man ihn wieder ausknipst, bevor man wegdöst, sonst könnte es im Schlaf zu Verschmorungen kommen. Das Prinzip – oben Decke, unten Hitze – ist ähnlich wie beim zuklappbaren Sandwich-Toaster, den wir aus Assimilierungsgründen auch längst angeschafft haben. Damit wärmen wir uns morgens die Hände.

Neuerdings besitzen wir auch einen Föhn, um Erfrierungen an den äußeren Gliedmassen behutsam auftauen zu können. Ein Winter in Neuseeland ist wunderschön, wenn man nicht dort wohnen muss. Da das Klima allgemein als „mild“ gilt, spart man seit Generationen fleißig an allem, was ein Haus normalerweise als solches kennzeichnet: Doppelverglasung, Unterkellerung, Steinmauern. Doch, ein Dach gibt es in der Regel, was zumindest vor Regen schützt, aber an der Innentemperatur nicht viel ändert.

Dass man drinnen ist und nicht draußen, merkt man daran, dass man zwei Wollpullis mehr als sonst trägt – das neuseeländische Pendant zur Heizung. Frieren? Kennt ein Kiwi nicht. Das Leben mit der Natur fordert Anpassung und Abhärtung. Wer Pioniere als Urgroßeltern hat, dem ist neumodischer Wohnkomfort fremd. Wichtig ist allein die große Garage, in der sich Werkzeuge türmen. Damit lassen sich dann Risse in der Holztür flicken, durch die der Wind pfeift. Erfindungsreichtum ist alles. Gardinenstoff ist daher stets von einer Seite beschichtet, so wie diese Knieflicken zum Aufbügeln. Ein simpler Gummifilm reicht als Isolation, wo Weicheier wie wir Rollläden brauchen. Wärme spendet lediglich der Kamin, was nicht ganz im Sinne von Al Gore sein kann, da die halbe Stadt im Winter unter einer Smogglocke ruht. Aber er prasselt gemütlich.

Richtig romantisch wird es dadurch, dass man vor dem Feuer so ins Schwitzen kommt, dass man sich die Kleider vom Leib reißt, aber drei Meter weiter bereits wieder Sibirien anfängt. Freundin Shirley, eingewandert aus Südafrika, maß im letzten Winter die Temperatur in ihrem Flur: Acht Grad Celsius. „Das ist unter der Zumutbarkeitsgrenze der Weltgesundheitsorganisation,“ befand Shirley, die Anti-Apartheid-Anwältin war und sich mit Menschenrechtsverstößen auskennt. Sie installierte eine Klimaanlage, die heizt, statt kühlt. Ich werde beim Roten Kreuz nachfragen. Vielleicht spendieren sie dort Fußbodenheizungen. Oder zumindest Wärmflaschen.

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