JOGJAKARTA, Dienstag, der 20. Oktober 2009
Christina Schott

Englischunterricht per Foto

Gestern Nachmittag stand unser Nachbar vor der Tür. Nicht dass das ungewöhnlich wäre, aber gestern kam Pak Marjo mit seinem Sohn, im besten Sonntagsstaat herausgeputzt. Er hielt mir eine Tüte mit Mangos hin: „Eigene Ernte“, sagte er schon fast entschuldigend. Es war klar, dass Marjo um einen Gefallen bitten wollte.

Mein erster Gedanke war, dass jemand in seiner Familie krank geworden war und er um Geld bitten will. Da kaum ein Indonesier auch nur irgendeine Versicherung besitzt, legt oft die ganze Nachbarschaft zusammen, wenn jemand bei schwerer Krankheit oder nach einem Unfall die Behandlungskosten nicht allein bezahlen kann. 

Doch diesmal lag ich daneben. Pak Marjo hatte eine ganz andere Bitte: Sein Sohn brauchte Hilfe bei einer Hausaufgabe im Englischunterricht. Kein Problem, dachte ich. Einem Neuntklässler werde ich sicherlich noch helfen können. Es ging allerdings nicht um eine Übersetzung oder ein Grammatikproblem. Auch nicht darum, die Aussprache zu üben. Nein: Die Hausaufgabe bestand darin, sich mit einem westlichen Ausländer fotografieren zu lassen. Sozusagen als Beweis dafür, dass man sich getraut hat, jemand auf Englisch anzusprechen.

Nun würden sich weder der höfliche Pak Marjo noch sein schüchterner Sohn jemals wagen, einen fremden Ausländer auf der Straße anzusprechen. Ganz davon abgesehen besitzt die Familie gar keine Kamera. Dennoch hängt die Englischnote des Jungen von dieser dämlichen Aufgabe ab.

Leider spiegelt dies ein generelles Phänomen im indonesischen Englischunterricht wieder. Anstatt eine Sprache zu vermitteln, die viele Lehrer selbst kaum beherrschen, lassen sie die Schüler Texte auswendig lernen und überlassen es ihnen dann selbst, „Konversation“ zu üben.

Westliche Ausländer, die schon einmal einschlägige Touristenattraktionen in Indonesien besucht haben, können ein Lied davon singen: Am berühmten Borobudur-Tempel in Zentraljava zum Beispiel werden täglich mehrere Schulklassen mit Bussen herangekarrt, die sich mit einem Fragebogen und Handykamera auf jede Weißnase stürzen, die sich die steilen Treppen des pyramidenförmigen Monuments hoch quält.

In der Regel sage ich bei solchen Gelegenheiten auf Indonesisch, dass ich aus Deutschland komme und man dort kein Englisch spricht. Das endet meist in Verwirrung und hilft fast immer. Pak Marjo und seinem Sohn konnte ich das aber schlecht erzählen. Also habe ich mich meiner eigenen Kamera mit dem Jungen fotografieren lassen. Mit dem Foto will ich ihm einen Brief an seinen Englischlehrer mitgeben. Darin werde ich ihm anbieten, eine Konversationsstunde mit seiner Klasse zu machen, wenn er seine Schüler dafür nie wieder losschickt, um sich mit Ausländern fotografieren zu lassen.

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