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Erdbeben-Connection im Sauerland

 

Meine drei Wochen deutscher Frühling sind vorbei. Das aufblasbare Schaf und die Opossum-Ohrenwärmer werden jetzt eingemottet, die Lakritze ist ausgepackt. Und das Zuhause sieht fast wieder so chaotisch aus wie vor zwei Monaten: Schweres Nachbeben kurz vor der Ankunft daheim. Aber schauen wir nicht auf all die Teller mit Sprung und die Bücher mit Schleudertrauma, schauen wir zurück: Acht Lesungen, zehn Städte – ich zähle Schildgen, den Vorort der Heidi-Klum-Boomtown Bergisch Gladbach, aus Rührung dazu. Dort hatte man die Buchhandlung mit Schokoschäfchen dekoriert. Doux points.

Überhaupt, die Provinz, auf die lasse ich nichts mehr kommen. Der fühle ich mich verbundener denn je, seit meine Exilheimat Christchurch – einst zweitgrößte Stadt im Lande – durch das Erdbeben Ende Februar zum Dorf geschrumpft und in die kulturelle Steinzeit zurück katapultiert wurde: Kein Theater mehr, kaum ein Kino, keine passable Kneipe, Restaurants und gute Geschäfte rar – aber dazwischen viele Baustellen, Schlamm und aufgeplatzte Kanalisation. Allein der Geruch dort verbindet mich neuerdings mit den frisch gedüngten Feldern Schleswig-Holsteins. Und die bröckelnden Backsteinreste Lytteltons mit den halb restaurierten Fassaden rund um Erfurt. Kastanienallee dagegen? Lässt mich kalt. Wer soll beim Schuttschaufeln all die schönen Klamotten tragen? Und die hohen Gebäude, könnten die nicht einstürzen?

Überfüllte Berliner U-Bahnen und unterkühlte Hamburger Magazin-Redaktionen lösen jetzt Fluchtreflexe aus: Zu viel, zu schnell, zu wichtig. Da komme ich als antipodisches Landei und noch nicht voll resozialisiertes Katastrophenopfer kaum mit. Als Provinzlerin umweht mich außerdem ein Stallgeruch, der mich in den Metropolen zur bemitleidenswerten Exotin macht, aber mich weltweit mit einer kleinen Schicksalsgemeinde verbindet. Die tauchte in den letzten Wochen vereinzelt sogar an so abgelegenen Orten wie Menden auf – dort in Person einer reizenden Kiwi-Dame, einst aus Christchurch ins tiefe Sauerland ausgewandert. Mit Tränen in den Augen erzählte sie von unserer zerstörten Stadt. Da war ich aber froh, dass ich das aufblasbare Schaf im Anschluss an meine Lesung nicht näher anatomisch erklärt hatte, genauso wenig wie in Schildgen. Solche Geschmacklosigkeiten behält man sich  besser fürs Großstadtpublikum vor.

Woran man in diesen Tagen erkennt, ob man aus Christchurch kommt? Man freut sich plötzlich, wenn die Polizei unangemeldet auftaucht, Besucher begrüßt man mit „Willst Du bei mir duschen?“, und wenn es regnet, holt man nicht die Wäsche rein, sondern legt sie raus, damit sie sauber wird. Hausbar und Schränke sind verrammelt, aber nicht, um Kinder davon fern zu halten. Man kennt das Kleingedruckte seiner Versicherung auswendig und kann Wassertanks reparieren. „Mal kurz in die Stadt fahren“ heißt, sich einen Schutzhelm und Reflektor-Weste anzuziehen. Und die Antwort auf die Frage „Wo ist denn das Adressbuch/der Schlüssel/das Salatbesteck“ lautet ab jetzt immer: „Irgendwo auf dem Boden“.

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